© MaK/Michal Líner

Interview
04/19/2020

Statt "Normalität von vorher": Gedanken zu einer neuen Zukunft

MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein über die Lehren der Krise, über Regionalisierung und Digitalisierung.

von Georg Leyrer

Mit der kommenden Wiedereröffnung der Museen bekommt die Kunst wieder eine gewichtigere Stimme im öffentlichen Leben. Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des MAK, hat schon in den vergangenen Jahren sein Haus als Ort etabliert, wo, fußend in der Vergangenheit, in die Zukunft geblickt wird. Diese ordnet sich nun neu.

KURIER: Welche Rolle kann dabei die Kultur spielen?

Christoph Thun-Hohenstein: Sie steht vor einer großen Herausforderung. Es gibt viele Kunstschaffende, die wegen abgesagter Veranstaltungen enorme finanzielle Probleme haben. Natürlich gibt es derzeit viele, durchaus auch gute Online-Angebote. Aber die dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns die Frage stellen müssen: Wie kann Normalität nach dieser Krise auch für die Kultur wieder ausschauen?

Und wie?

Es wird die Normalität von vorher nicht wieder geben.

Das klingt erschreckend.

Es gibt Menschen, die sagen: Aus dieser Krise kann man nichts lernen. Ich finde, man kann. Niemand wünscht sich eine solche Krise. Aber sie zeigt, dass der Mensch diese Welt nicht total beherrscht. Was lernen wir daraus?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin gespannt.

Dass dieses Virus den Alltag sogar in einem der reichsten Länder der Welt, in der Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt, innerhalb weniger Tage völlig verändert. Wir müssen uns darauf einstellen: Solche Krisen wird es auch in Zukunft geben, vermutlich noch deftigere. Auch wenn ich Corona nicht direkt mit der Klimakrise vergleichen will: Es werden durch den Klimawandel noch gewaltige Umstellungen auf uns zukommen.

Was heißt das für uns?

Wir werden fragen müssen: Wo hat sich unser globales Wirtschaftssystem fehlentwickelt? Welche Korrekturen müssen wir vornehmen, zum Beispiel in Richtung stärkere Regionalisierung? Wie können wir nicht nur von fossilen Energien wegkommen, sondern eine neue Wertschätzung für unseren Heimatplaneten entwickeln und seine Ressourcen schonen? Neue Bescheidenheit, aber mit Gewinn an Lebensqualität.

Und in der Kultur?

Auch in der Kultur wird es Business as usual wie vor der Krise nicht mehr geben. Wir werden uns fragen, wie wir mit den Qualitäten unserer Kultur Veränderungen erreichen können. Da geht es nicht nur um Klimawandel. Sondern auch die Frage, die uns derzeit sehr beschäftigt: Was sind die guten Seiten der Digitalisierung, und wo müssen wir aufpassen?

Zu arbeiten wäre für viele ohne diese Digitalisierung jetzt kaum möglich, und auch: man muss nicht immer vor Ort sein.

Es wird sich auch dieser Konferenztourismus in weiten Teilen abschaffen. Ich bin aber nicht der Meinung von Peter Weibel, dass wir eine digitale Ferngesellschaft haben werden. Wir werden klare Grenzen ziehen müssen: In welchen Bereichen und Aspekten wollen wir reale, nicht-digitale Menschen bleiben?

Was wohl unter Druck gerät, ist das Schielen auf Menschenmassen. Ist das das Ende der Blockbuster-Ausstellungen, der Rockfestivals?

Das Ende? Das weiß ich nicht. Aber es ist jedenfalls eine scharfe Korrektur. Es werden Konzerte stattfinden, unter veränderten Bedingungen, vielleicht mit Nasen-Mund-Maske. Bei den Ausstellungen wird die Bedeutung der Blockbuster zurückgehen. Die Menschen werden viel vorsichtiger sein mit dem Reisen.

Wie schade.

Meine Hoffnung ist, dass wir aus den Erfahrungen dieser Krise Kraft gewinnen, die großen Zukunftsthemen entschlossen anzugehen. Alle zentralen ökologischen Fragen wie Klima, Artensterben, Übernutzung unseres Planeten, aber auch das prognostizierte Bevölkerungswachstum. Man stelle sich vor: Ein gefährliches Virus im Jahr 2100, wenn es 11 Milliarden Menschen auf der Welt gibt. Eine unglaubliche Perspektive. Und Babys, die heute geboren werden, werden das Jahr 2100 mit ziemlicher Sicherheit erleben.

Aber ist derzeit das kritische Denken nicht eher auf dem Abstellgleis? Erwartet wird, dass wir ruhig zu Hause sind.

Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass viele die Zeit nützen, nachzudenken, wie ihr Leben nach der Krise ausschauen soll. Das hoffe ich zumindest.

Was kann da rauskommen?

Alles, wo man ein „Slow“ davor setzen kann, kann neue Qualitäten bringen. Das Reiseverhalten wird sich ändern. Es ist gut, wenn gereist wird! Aber vielleicht weniger Destinationen, in die man dafür langsamer und tiefer eintaucht. Wir haben unsere Krisenfestigkeit bewiesen, man hat in Österreich klug gehandelt. Jetzt gilt es, dies zu nützen, um sich auf eine viel größere mögliche Krise vorzubereiten und die richtigen Maßnahmen zu setzen.

Welche?

In einem Jahrzehnt können beim Klima die ersten Kippeffekte eintreten. Und gegen deren Folgen wird es keine Impfung geben. Wenn wir nicht bald radikale Veränderungen im Umgang mit unserem Planeten durchsetzen, werden wir uns auf permanenten Krisenmodus einstellen müssen. Wollen wir wirklich erleben, was es heißt, wenn man wegen schlechter Luftqualität, wegen gefährlicher Krankheiten, wegen Dauerhitze nie mehr ohne Maske und andere Schutzmaßnahmen ins Freie gehen kann? Durch Corona können wir uns plötzlich vorstellen, dass alles völlig anders sein kann.

Trotzdem: Es stehen uns sehr schwierige wirtschaftliche Jahre zuvor. Die Geschichte würde nahelegen, dass in solchen Phasen Job und Überleben Vorrang haben – und langfristige Zukunftsstrategien hintangestellt werden.

Im Prinzip: Ja. Aber angesichts des Klimawandels verhält es sich ein bisschen anders. Es geht nicht um philosophische Diskussionen. Sondern um künftige Lebensbedingungen, neue Krankheiten, die bis in unsere Breiten vordringen werden. Und jetzt, wo es um die Zukunft von Arbeitsplätzen und Unternehmen geht, müssen die Maßnahmen in die richtige Richtung gehen. Wir wissen, dass alles, was mit fossilen Brennstoffen zu tun hat, in absehbarer Zeit aufgegeben werden muss. Wir sind sehr gut beraten, uns genau jetzt zu überlegen: Wie können wir uns in eine Richtung aufstellen, die Zukunft hat? Wie können wir menschliche Arbeit dort schaffen, wo wir sie in den nächsten Jahrzehnten auch wirklich brauchen?

Wie könnte dies aussehen?

So regional wie möglich, so global wie nötig. Wir müssen weg von diesem größer, weiter, schneller, billiger. Hin zu weniger, das aber besser und nachhaltiger. Weg vom Massenkonsum – ob im Tourismus, in der Ernährung, im Lebensstil generell – hin zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft. Und das darf keine Frage des Geldbörsels sein.

Aber eine Rückwärtsphilosophie – Shoppen wie Großmutti – kann das nicht werden. Das muss schon digital unterfüttert sein, oder, mit der Rückholung von Produktionsstätten und anderem?

Wir haben hier eine riesige Chance. Regionalisierung, die natürlich auch grenzüberschreitend sein kann, macht uns krisenresistenter. Wir müssen viel zurückholen, und da hilft uns die Digitalisierung, deren Potenziale wir überhaupt noch viel klüger nützen müssen. Die Lebensqualität wird aus Nähe und Nachhaltigkeit entstehen.

Weil die EU kaputt ist?

Nein, das glaube ich nicht. Aber es braucht jetzt keine Streitereien, sondern einen zukunftsgerichteten gemeinsamen Wiederaufbau. Wir müssen unsere neue Moderne zu einer öko-sozialen digitalen Moderne weiterentwickeln. Das geht nur mit der EU.

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