schriftsteller robert schindel

© Isolde Ohlbaum

Robert Schindel
02/16/2013

Spiel mit falschen Namen

"Der Kalte" ist ein politischer Roman (aber unnötig kompliziert).

von Peter Pisa

Es kann uns völlig egal sein, dass auf Seite 240 eine Burgschauspielerin ihren Geliebten in der Margaretenstraße besuchen will.

Interessant ist im Moment nur, dass in ihrem Kopf ein derartiger Überschwang an Wörtern, an Gedanken herrscht und sie deshalb an dem Haus, in das sie hinein will, vorüberläuft.

Genau das trifft auf den Anfang von „Der Kalte“ zu.

Der Überschwang an Namen, die zu diesem frühen Zeitpunkt ja nichts anders sein können als bedeutungslose Buchstaben, baut sich wie ein Dickicht zwischen Buch und Leser auf.

Schönn, Dauendin, Bonker und die Gehlen in einem einzigen Satz – was wollen die alle?

Abschreckend ist das.

Fortsetzung

So hat es der Lyriker Robert Schindel schon vor 21 Jahren im Debütroman „Gebürtig“ gemacht – dessen Fortsetzung „Der Kalte“ ist; Schindel schreibt sehr langsam.

Als beabsichtige er, nur jene eintreten bzw. zurückschauen zu lassen in die 1980er-Jahre, die es wirklich ernst meinen (und nicht bloß nebenbei ins Buch schauen wollen).

Nur für diejenigen werden sich einige Namen in Fleisch und Blut verwandeln. Nur sie bekommen freie Sicht auf Altnazis.

Und noch lebten Spanienkämpfer und ehemalige KZ-Häftlinge und gingen als Zeitzeugen in die Schulen; sie fanden auf dem Geschichtsleichenberg keine Ruhe.

(Das wird verdichtet, allerdings kompliziert, unnötig kompliziert, auch durch ständige Wechsel der Erzähler.)

Zwei spielen im Wirtshaus Schach miteinander:

Der eine hat Kindern Todesspritzen gegeben und saß dafür im Gefängnis. Er kann nicht sagen, warum er das gemacht hat.

Der andere – der Kalte, eigentlich: der Auskühlende – überlebte Auschwitz. Oft denkt er nach, was er getan hätte, wäre es sein Auftrag gewesen, Menschen in die Gaskammer zu schicken.

Das ist nur eine von vielen Handlungen, die parallel ab 1985 ablaufen. Schicksale kreuzen einander, während drei „Kulturkämpfe“ als Fixpunkte allgegenwärtig sind:

a.) Die Affäre um Kurt Waldheim, bei dessen Wahl zum Bundespräsidenten die Frage gestellt wird: Wer hat sich selbst gewählt?

b) Hrdlickas Mahnmal mit der vermutlich wahren Geschichte: Bildhauer und Bürgermeister wackeln durch Wien, der Bildhauer kotzt auf ein Kanalgitter, der Bürgermeister zerrt ihn zur Albertina: „Da stell mas her. Da her. Nirgends sonst.“

c.) Die absurde Aufregung ums Burgtheater mit Peymann und Thomas Bernhards „Heldenplatz“.

Jetzt kann noch so oft betont werden, man dürfe die Figuren nicht für „echt“ halten. Aber das ist Unsinn, die sind echt, und anstatt in Ruhe zu lesen, spielt man das Spiel, wer hinter welchem falschen Namen steckt.

Hinter Krieglach steckt ganz unangenehm der Hrdlicka, Schurli Purr ist Zilk, Jörg Haider der Toplitzer, Peymann heißt Schönn, Muliar = Vesely, Staberl hetzt als Moldaschl, Vranitzky wurde zu Habitzl und so weiter und so fort.

Das hält auf, das hält ab, und manchmal ist das gar nicht so schlecht. Weil Robert Schindel ein Faible für seltsame Wörter und Sätze hat.

Traurigkeit dringt bei ihm durch „Gesichtsöffnungen“ ein, dem Karl-Heinz wird was „verklickert“, Königskinder schauen „wie blöde“, und „Eierkuchen“ und „Brunzbuschn“ geben sich die Hand; sozusagen.

KURIER-Wertung: **** von *****