Sophie Marceau (re.) und Géraldine Pailhas als leidgeprüfte Schwestern in „Everything Went Fine“

© Festival de Cannes

Film
07/09/2021

Sophie Marceau in Cannes: Tapfere Töchter, renitente Väter

In dem neuen Film von François Ozon beeindruckt Sophie Marceau als Tochter, die ihrem Vater Sterbehilfe leisten soll

von Alexandra Seibel

Wenn man durch Cannes spaziert, hat man das Gefühl, Corona ist vorbei. Maske trägt praktisch niemand mehr, und es gibt auch keine 3-G-Regeln, die irgendwen zu interessieren scheinen.

Im Bereich des Filmfestivals bemüht man sich weiterhin um Sicherheitsmaßnahmen, die sich allerdings für viele der internationalen Besucher allzu lässig anfühlen. Das Branchenblatt Screen kritisierte offen die laxen Vorschriften bezüglich Maskenpflicht in den knallvollen Kinosälen und Abstandsregeln beim Warten in der Schlange.

Festival-Chef Thierry Frémaux jedenfalls scheint von der Kritik persönlich beleidigt. Bei der Premiere des herausragenden russischen Dramas „Delo“ („Hausarrest“) von Alexei German Jr. forderte er von der Bühne herunter einen Besucher im Publikum auf, die Maske aufzusetzen – „sonst werden wir wieder von Journalisten denunziert.“

Um tatsächliche Denunziation geht es in „Hausarrest“, wo ein Provinzprofessor seine Wohnung nicht mehr verlassen darf, weil er angeblich Geld unterschlagen hat. In Wahrheit aber bezichtigte er den örtlichen Bürgermeister der Korruption und wird deswegen politisch denunziert und drangsaliert.

Der georgische, übrigens in Wien wohnhafte, Hauptdarsteller Merab Ninidze (derzeit im Kino als russischer Agent in „Der Spion“) spielt den renitenten Professor souverän mit Hang zur Zermürbung. Anfänglich noch angriffslustig und bereit, einen aussichtslosen Kampf vor Gericht auszufechten, nimmt seine Kraft zunehmend ab. Eindringlinge überfallen ihn, medizinische Hilfeleistung wird ihm vorenthalten, seine Mutter muss allein im Krankenhaus sterben.

Regisseur Alexei German, bekannt für seine panoramischen Tableaus, konzentriert sich fast ausschließlich auf die Wohnung: Sie wird zum Schauplatz intensiver politischer und moralischer Auseinandersetzungen. Alle wissen, dass der Bürgermeister korrupt ist, aber (fast) niemand traut sich es zu sagen.

In wunderbar weichen, leicht verschleierten Bildern erzählt German berührend von der Freiheit, die sich jenseits der Verzweiflung einstellt und sogar Wunder zulässt.

Sterbehilfe

„Sie haben einen Virus, der gerade grassiert“, lautet ein Satz in François Ozons neuem Wettbewerbsfilm „Everything Went Fine“: „Aber keine Sorge, es ist nichts Schlimmes: In einer Woche ist es wieder weg.“

Bei diesem Drehbuchwitz bricht das Publikum in vages Gelächter aus.

Wenn es nur so wäre ....

Der Virus, den sich Sophie Marceau in ihrer Rolle als Tochter eines todkranken Mannes eingefangen hat, ist bloß ein Schnupfen. Wer sich allerdings nicht mehr erholt, ist ihr Vater: Er hat beschlossen, nach einem Schlaganfall seinem Leben ein Ende zu setzen, und bittet seine Tochter um Hilfe. In Frankreich ist Sterbehilfe verboten, deswegen muss ein Trip in die Schweiz geplant werden.

Mit „Everything Went Fine“ gelingt Ozon ein effizient und unsentimental erzähltes, trotzdem zartfühlendes Drama mit überraschend komischen Untertönen. Sein Schauspiel-Ensemble ist superb, angeführt von Sophie Marceau als geduldiger Tochter im Dauerclinch mit ihrem fiesen Vater, genussvoll gespielt von André Dussollier.

Ozon interessiert sich dabei weniger für ethische Fragen zum Thema Euthanasie, sondern für deren praktische Umsetzung. So kostet die Reise ins Schweizer Institut 10.000 Euro – kein Problem für die wohlhabende Familie, aber: „Ich frage mich, wie das arme Leute machen“, brummelt der todessehnsüchtige Vater. Darauf die entnervte Tochter: „Sie warten, bis sie sterben.“

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