© Reinhard Vogel

Kultur
06/07/2020

Sonne, Ferien und ein Virus: Ein Sommer wie noch nie

Sonne, Ferien und ein Virus. Keine Urlaubsreisen, keine Rockkonzerte, keine Sportfeste – oder doch? Drei KURIER-Autoren schreiben über Hoffnungen und Sehnsüchte.

von Guido Tartarotti, Axel Halbhuber, Bernhard Hanisch

Guido Tartarotti

Heuer werde ich tun, was ich seit 1980 nicht mehr gemacht habe: Sommerurlaub in Österreich.

Der Gag dabei: Das hat überhaupt nichts mit Covid zu tun.

Im Jänner, als Corona noch für ein wässrig schmeckendes mexikanisches Bier stand und nicht für Elefanten, Klopapier, Masken und Angst, hatte ich einen, wie ich dachte, tollen Einfall: Heuer, wenn alle anderen in der Türkei, in Italien oder in der DomRep im verdorrten Gemüse herumsitzen und Sonnenbrände bekommen, fahre ich an den Grundlsee. Dort habe ich sicher meine Ruhe und kann in mich gehen. (Ist es nicht interessant, dass wir glauben, immer dann am besten in uns gehen zu können, wenn wir nicht zu Hause sind?)

Jetzt wird es dort vermutlich von Menschen wimmeln, die in Ruhe in sich gehen wollen.

Im Sommer 1980 fuhr ich mit meinen Eltern nach Kärnten, in einem Opel Kadett, mit Meerschwein, Katze und Hund. Ein Wunder eigentlich, dass bis zum Eintreffen am Faaker See die Katze nicht das Meerschwein und der Hund nicht anschließend die Katze gefressen hatte.

Am Faaker See regnete es 14 Tage lang („macht nichts, du bist ja nicht aus Zucker“, sagte die Mutter), wir hatten kalte Füße, spielten Karten und versuchten, dem Meerschwein, der Katze und dem Hund „Platz!“ beizubringen. Beim Hund klappte es, beim Meerschwein auch, wobei dessen einziger Lebensinhalt darin zu bestehen schien, „Platz!“ zu machen.

Einmal ging mein Vater im Regen Windsurfen, daraus wurde aber keine Erfolgsgeschichte, was vor allem daran lag, dass mein Vater prinzipiell auf der falschen Seite des Segels stand.

Was ich diesen Sommer vermissen werde:

Open-Air-Rockkonzerte (in der Wiese liegen und gute Musik hören);

Sommertheaterpremieren (endlich einmal wird hemmungslos Komödie gespielt, ohne „Regiekonzepte“, nackerte Schauspieler und zeitkritische Sozialgräue);

eine Flugreise in ein fernes, fremdes Land.

Was ich diesen Sommer nicht vermissen werde:

Open-Air-Rockkonzerte (viel zu viele Menschen, um in Ruhe in der Wiese liegen zu können, gelangweilte, alkoholisierte Altstars, die beim Versuch, ihre Gitarren unfallfrei über die Bühne zu tragen, musikalisch entgleisen);

Sommertheaterpremieren (mutlos inszenierte, zu Recht unbekannte Nestroy-Stücke, die wegen ausufernder Vizebürgermeisterreden mit einer Stunde Verspätung beginnen);

eine Flugreise in ein fernes, fremdes Land (Fliegen gehört zu den würdelosesten Möglichkeiten, das Klima zu schädigen und sich in zu engen Sitzen die Venen zu lädieren. Ferne, fremde Länder sind vor allem fern und fremd, außerdem meist zu heiß sowie von fragwürdiger Nahrungsmittelqualität).

Was ich machen werde: Ins Freibad gehen und dort der Zeit dabei zuhören, wie sie langsam und gemütlich vergeht. Als Begleittier empfiehlt sich heuer der Anstands-Wauwau, sprich: Abstands-Elefant, im Idealfall aufblasbar. Hund, Katze und Meerschwein dürfen zu Hause bleiben.

Axel N. Halbhuber

Und, wo werden Sie den Sommer verbringen? Heuer schwingt bei dieser Einserfrage aller Friseursalonplaudereien ein wenig Corona mit.  Die passendste Antwort darauf: im Abstand. Der Rest – offen.

Denn heuer ist die Reise- und Urlaubszeit in einem Punkt wirklich anders: Wir wissen nicht, worauf wir uns freuen. Die Phase vor dem Urlaub ist aber mitunter seine beste Eigenschaft, denn er ist ein Ziel, nicht bloß eine Destination. Auf ihn arbeiten und schuften wir hin („nur noch XY Wochen, aber dann“), danach sollen wir möglichst lange davon zehren. Diese gelernten Riten durchbricht Corona. Wir werden vielleicht nach Österreich fahren, oder dürfen doch ans Meer, aber wir wissen nicht an welches und schon gar nicht, wie viele Babyelefanten dort am Strand herumkugeln werden müssen.

Aber wie immer, wenn etwas schiefläuft, kann man auch hier sagen: Darin liegt auch eine Chance.

Wir sind als Urlauber, und besonders als Reisende zu organisiert geworden. Immer volle Kontrolle, wir krachen in keine Zufallstaverne mehr, weil wir davor deren Bewertungen auf siebzehn Social-Media-Plattformen auswendig lernen. Alle Nischerln off the beaten track sind geliked, alle Pics schon gepostet.

Und jetzt müssen wir wieder spontan sein. Einer nie durchgeführten Umfrage zufolge wollten 100 Prozent aller Menschen schon einmal plötzlich zum Flughafen oder Bahnhof und einfach in den nächsten Flieger oder Zug steigen. Mit Motorrad oder Auto immer geradeaus fahren. Der Sonne entgegen. So weit uns der Wind trägt. In den Sonnenuntergang. Der Nase nach ... Sehnsuchtsphrasen, die wir nie umgesetzt haben. Uns fiel immer ein Grund ein, nicht zu starten. 

Dieser Sommer ist wie dafür gemacht: Für Sätze wie Hej, Tschechien hat gerade die Grenzen aufgemacht, los geht’s. Für Reisen durch die eigenen Straßen, zu den Winkeln, die man noch nicht kennt. Für eine Woche daheim, aber jeden Tag unterwegs, ohne Auto, nur mit Bus, zu Fuß und mit dem Rad. Für  wohinauchimmer in letzter Minute.
Wohin es diesen Sommer geht? Zurück in die Reiseseele.

Von Bernhard Hanisch

Es trottet der  Freizeitjogger durch die Gassen Wiens, hat sich in die Überzeugung verrannt, tatsächlich Sport zu betreiben.

Aus seiner Transpirationswolke flüchtende, Elefantenherden-Abstand suchende Mitmenschen ignoriert er, lässt sich einlullen von der lächerlich langsamen Abfolge seiner Schritte, übersieht   Hundstrümmerln, rote Ampeln, bringt Autos zum Hupen, Straßenbahnen zum Klingeln. 

Immerhin findet das schweißbrennende Auge das Bier im Kühlschrank,  welches schon feinsäuberlich eingelagert  wurde für all die heißen Abende, die noch folgen sollten in diesem Sommer 2020.

Covid, der brutale Spieler mit der Nummer 19, hat sie alle krankenhausreif gefoult. Keine EURO 2020, entfallen ist das weltweit größte Sportfest in Tokio. Tennis in Paris  oder in Wimbledon? Entweder verschoben oder radikal abgesagt.

Die massentaugliche Aussicht auf monatelangen  Spitzensport wurde abgelöst  vom ständigen Kampf um die Erlaubnis, sich überhaupt bewegen zu dürfen,  danach vom wochenlangen  Ringen, dem professionell ausgeübten Sport einen zumindest abgespeckten, aber blutleeren Rahmen zu erlauben. 

Langsam kriecht der Sport aus seiner Quarantäne. Auf Bildschirmen bemühen sich Teams    in  leeren Stadien um Normalität. Trainer  brüllen Anordnungen, Spieler schreien vor Schmerz. Unüberhörbar. Fußball in seiner  ursprünglichen Form? Ein aus purer wirtschaftlicher Verzweiflung geborenes, von allen guten Geistern verlassenes Notprogramm? Geteilt hat sich die Meinung unter den ausgesperrten Fans. 

Die Emotion  ist der  Starre gewichen. So etwas passt nicht in den Sommer.  Und so etwas  kam noch nie vor in der nach dem Zweiten Weltkrieg geschriebenen  Sportgeschichte.

In einer Woche also, hätte Österreichs Nationalmannschaft in Bukarest das erste EM-Spiel  bestreiten sollen.  Die Aufforderung, der Freude oder im Bedarfsfall den kollektiven Wutanfällen freien Lauf zu lassen. 

Damit leert sich die Bierflasche und befüllt plötzlich die Gewissheit: Ja, der nächste  Sommer kommt bestimmt. 

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