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Kultur
12/17/2020

Son Lux: Experimentelle Album-Trilogie über zerstsörtes Weltbild

Frontmann Ryan Lott erzählt im KURIER-Gespräch, was Donald Trump mit seinen "Tomorrows"-Alben zu tun hat

von Brigitte Schokarth

Zwei Kinderbetten mit Kartons, die sich bis zur Decke stapeln, Duschvorhänge und Decken vor Fenster, Tür und Wänden. So sah das Zimmer aus, in dem Ryan Lott, Frontmann der elektronischen Experimental-Band Son Lux, den Großteil des Gesangs für die Trilogie „Tomorrows“ aufgenommen hat. Wegen Corona ist der 41-Jährige nämlich von Los Angeles nach Indianapolis geflüchtet.

„Meine Frau und ich sind beide beruflich sehr eingespannt, haben aber einen dreijährigen Sohn. Als im März klar wurde, dass alle Schulen gesperrt werden, sind wir spontan nach Indianapolis gegangen, wo die Familie meiner Frau lebt, die uns unterstützen konnte.“

Die Entscheidung bedeutete auch, dass sich der Musiker, der auch viel Musik für Ballett und Filme schreibt, in der neuen Heimat einen Ort für ein Ersatzstudio suchen musste. Er fand ein Einfamilienhaus und richtete sich den neuen Arbeitsplatz in dem kleinsten Zimmer ein, das er am leichtesten schallabsorbierend machen konnte.

Den beiden schon digital erschienenen Teile „Tomorrows I“ und „Tomorrows II“ (Teil III erscheint im Sommer 2021) hört man diese verschärften Bedingungen nicht an. Son Lux, ursprünglich Lott’s Soloprojekt, seit 2015 aber mit Drummer Ian Chang und den Gitarristen Rafiq Bhatia ein Trio, klingt hier reduzierter als auf „Brighter Wounds“ von 2018. Oft legt Lott seine zerbrechliche Falsettstimme über komplex verwobene Drumstrukturen, deren dämonische Bedrohlichkeit von anheimelnden Pianoklängen und schwebenden Keyboards ausbalanciert wird.

Samples von Aufnahmen anderer Musiker sind bei Lott dabei immer noch verpönt. „Alles ist von uns oder Musikern, die wir einladen, gespielt. Dann allerdings wird es schon elektronisch manipuliert. Wir experimentieren auch viel damit, den Originalsound eines Instruments zu verändern, spannen zum Beispiel Alufolie über die Drums, was einen raschelnden Sound ergibt. Mein Lieblingstrick ist, auf die Klaviersaiten Gummisticker für Poster zu kleben. Je nachdem, ob die Stickerkugel nahe der Mechanik, oder in der Mitte der Saite klebt, bekommst du einen anderen Sound, aber auch andere Tonhöhen.“

Eigentlich spricht Lott nicht gerne über die Inhalte seiner Songs. Bei Tomorrows“ macht er allerdings eine Ausnahme. Die Trilogie ist nämlich vom Einsturz seines Weltbildes geprägt, der von Donald Trump ausgelöst wurde.

„Ich hatte all diese Annahmen über die Menschheit, ihre Güte und Tugenden, die mich meine Familie gelehrt hatte. Aber dann musste ich mitansehen, wie manche dieser Familienmitglieder ihre Treue gegenüber der Seuche von Trumps Denkweisen demonstriert haben. Das hat all diesen Annahmen den Boden entzogen, und ich musste einsehen, dass sie zwar sehr schön, aber auch naiv und ignorant waren. In der Folge habe mich damit beschäftigt, woher solche Denkweisen kommen, und wie der Erfolg der USA für Hunderte von Jahren auf der Ausbeutung der Sklaven aufgebaut war. Ich habe mich gefragt: ,Wie habe ich als weißer Amerikaner von einem System profitiert, dass gewisse Stimmen in den Vordergrund rückt und andere unterdrückt?‘ Solche Fragen, aber auch Vermutungen, was das für die Zukunft bedeutet, sind die Basis dieser Songs.“

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