Detailder Skulptur "Trauernde Muttergottes" von Johann Georg Pinsel

© /Nationalgalerie Lemberg

Kunst

Signalgeber für Seelenzustände

Aufregend und aufschlussreich: Die Ausstellung zum Bildhauer Johann Georg Pinsel im Winterpalais

von Michael Huber

11/02/2016, 11:05 AM

Fragmente und Ruinen haben immer schon fasziniert, im Verständnis der modernen Skulptur ist das Bruchstückhafte spätestens seit Auguste Rodin ein Grundbestandteil. Mag sein, dass die Werke des Bildhauers Johann Georg Pinsel, die nun erstmals in einer konzentrierten Schau im Winterpalais gezeigt werden, deshalb mit so viel mehr Wucht ins Mark treffen, als es Barockskulpturen normalerweise tun.

Zugleich ist es zynisch, sich den muskulösen Heldenfiguren, den gequälten Heiligen und den verzweifelt dreinblickenden Engeln mit derselben Schaulust zu nähern, mit denen man sich im Internet etwa durch Bilder von Industrieruinen aus Detroit klickt: Die Holzskulpturen, die teilweise als Grabschmuck in der Erde vergraben waren oder in verfallenden Kirchen dem Vergessen preisgegeben waren, erzählen auch die Geschichte ihrer Region, der heutigen Ukraine, sie erzählen von Krieg und Umbruch. In diesem Sinn funktionieren die rund 250 Jahre alten Werke auch als Kommentar zum 20. Jahrhundert. In ihrer Ausdruckskraft können sie sich durchaus mit Klassikern des Expressionismus messen.

Fragmente

Johann Georg Pinsel, der Künstler, ist selbst ein Fragment: Man weiß nur, dass er in der Gegend um Lemberg/Lviv tätig war und 1761 oder 1762 starb. Seine künstlerische Bildung genoss er vermutlich in Böhmen. Im Raum Lemberg aber entfaltete sich die Schaffenskraft des Künstlers, mit seiner Werkstatt gestaltete er zahlreiche Altäre und Außenfassaden von Kirchen – etwa jene der St. Georgs-Kathedrale in Lemberg.

Wenige Werke sind durch Archivmaterial eindeutig belegt, doch Pinsels bildhauerische Handschrift, das zeigt die Wiener Ausstellung, ist ebenso schwer zu kopieren wie zu verkennen. Wie die Köpfe von Figuren da ohne Rücksicht auf anatomische Vorgaben gequetscht und gedreht werden, ist abenteuerlich; ebenso die mitunter karikaturhafte Überzeichnung von Nasen, Augen oder Muskelpartien.

Signalgeber

Körper sind in jener Kunst keine Nachbildungen eines ganzheitlich-schönen Menschen, sondern Signalgeber für Seelenzustände – und diese Signale mussten auch von der Fassade oder dem Hochaltar hinab wirken. Auffallend ist auch, dass Pinsel die Faltenwürfe seiner Figuren so kantig gestaltete, dass Röcke oder Mäntel wie große Kristalle anmuten – der Vergleich mit den Polygon-Skulpturen eines Olafur Eliasson, die unlängst im Winterpalais zu sehen waren, scheint nicht zu weit hergeholt. Tatsächlich dürften die gehackten Konturen auch ein Zeichen einer raschen Arbeitsweise sein – Pinsel war in seiner Heimat, die zehn Jahre nach seinem Tod als „Königreich Galizien und Lodomerien“ von Polen in den Besitz der Habsburger wanderte, sehr gefragt.

Die Auflösung von Klöstern durch Joseph II. (1782/’83) machte aber zahlreiche Figuren heimatlos. Brände, zwei Weltkriege sowie die Sowjet-Herrschaft, die sakrale Kunst ablehnte, taten das Übrige. Der riesige Engel, der die Besucher als geschundenes Denkmal empfängt, gemahnt daran – andere Skulpturen, die neben dem Engel einst in der Missionarskirche in Horodenka standen, wurden von Schülern verheizt, erzählt Oksana Kozyr-Fedotov von der Nationalgalerie Lemberg.

Die Ausstellung lässt sich somit als Plädoyer für den Denkmalschutz und als Aufforderung zur Wieder-Entdeckung eines nach wie vor umkämpften Kulturraums lesen. Man hätte gern noch mehr Skulpturen in den weitläufigen Räumen gesehen, wird aber mit einer klugen Auswahl an Barockmalerei entschädigt.

Info

"Himmlisch - der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel." Bis 17.2.2017, Winterpalais, Himmelpfortgasse 8, 1010 Wien.

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