Kultur
27.08.2018

Schauspielerin Emma Thompson: „Eine Frau zu sein ist traurig“

Die Oscar-Preisträgerin im Interview über ihren neuen Film „Kindeswohl“, Respekt und Eheberatung.

KURIER: Sie wurden von der Queen kürzlich zur „Dame“ ernannt. Wie haben Sie davon erfahren?

Emma Thompson: Ich war gerade beruflich in New York, als ich einen Brief bekommen habe. Darin stand: Die Queen möchte Ihnen gerne diesen Titel überreichen. Sie müssen entscheiden, ob Sie das wollen – aber Sie haben nur eine Woche Zeit.

Was war Ihre erste Reaktion?

Im ersten Moment war ich total begeistert! Aber dann kamen plötzlich Schuldgefühle: Das ist ja das Establishment – und ich bin politisch links, es ist falsch, das anzunehmen ... Dann habe ich mir gedacht: Ich habe mein ganzes Leben dafür gekämpft, dass Frauen Anerkennung bekommen. Und dann ergibt sich so eine Möglichkeit, wo eine Frau geehrt wird, die viel in ihrem Bereich geleistet hat, auf allen Ebenen – nämlich ich. Sollte ich dann sagen: „Nein, ich will das nicht?“ Das wäre auch nicht richtig. Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, Ja zu sagen wäre die beste Entscheidung, und ich hatte recht. Jetzt verbeugt sich mein Mann immer, wenn ich nach Hause komme. Endlich bekomme ich mal ein bisschen Respekt (lacht).

In „Kindeswohl“ spielen Sie Richterin Fiona Maye. Wie ist es Ihnen gelungen, sich in diese traurige Rolle einzufinden?

Eine Frau zu sein ist einfach größtenteils sehr traurig. Wenn man jung ist, denkt man, einem stünde die Welt offen. Aber irgendwann erreicht man einen Punkt, an dem man merkt: Ich werde das nicht machen können – und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich eine Frau bin. Man hat mir oft gesagt, dass ich bestimmte Dinge nicht tun kann, weil ich eine Frau bin.

Welche Dinge waren das?

Zum Beispiel lustig sein. Dabei muss man dazusagen, dass ich immer in einer privilegierten Position war. Eine Frau zu sein kann oft schwierig, traurig und enttäuschend sein. Das ist natürlich nur meine persönliche Erfahrung, aber ich weiß, dass mir da viele zustimmen würden.

Dennoch haben Sie aus dem „No“ ein „Yes, I can“ gemacht.

Naja, ich habe immer gesagt: „Ich kann das!“ Und ich habe gekämpft. Ich habe nie darauf gewartet, dass mir jemand sagt, dass ich etwas kann. Ich hatte aber auch das Glück, Männer in meinem Umfeld zu haben, die mir nicht in meine Arbeit dreinredeten, als ich jung war. Ich bin sehr dankbar für meinen Agenten und meinen Produzenten, Männer, die mir beide gesagt haben: „Ja, du kannst schreiben, du bist lustig und ich unterstütze dich.“ Ich hatte also Glück, denn ich kannte Personen, die Macht hatten und mir eine Chance gegeben haben.

Wie haben Sie sich auf die Rolle als Richterin vorbereitet?

Ich habe viel Zeit im Familiengericht verbracht und mit den Leuten dort geredet. Das war sehr aufschlussreich. In der Regel genießt das Strafgericht das größte Ansehen, weil dort die wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Das Familiengericht ist weitaus weniger bedeutend – logisch, weil es da ja um das häusliche Umfeld geht und um Familien. Und alles, was mit der Lebenswelt von Frauen zusammenhängt, wird als unbedeutend angesehen. Als ich mit den Richtern und Richterinnen im Familiengericht gesprochen habe, ist mir aber klar geworden, dass sich dort das wahre Leben abspielt. Und das ist ganz schön brutal.

Inwiefern?

Bei den Entscheidungen, die getroffen werden, geht es oft um total verzweifelte Menschen und oft auch um total verzweifelte Kinder. Diese Verantwortung für das Leben, den Tod und den Verlauf eines Menschenlebens könnte ich nicht übernehmen. Vielleicht bin ich zu empathisch – wobei ich sagen muss, dass die Frauen, die ich kenne und die diesen Job machen, auch sehr empathisch sind. Sie müssen irgendwie einen Weg finden, diese Empathie gut einzusetzen und sich gleichzeitig auch davor zu schützen.

Im Film geht es nicht nur um schwerwiegende Entscheidungen, sondern auch um Liebe und Leidenschaft – und wie man es schafft, beides aufrechtzuerhalten. Haben Sie dafür ein Rezept?

Ich denke, wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass, wenn man einen Partner gefunden hat, alles immer gleich bleibt. Wenn eine Langzeitbeziehung funktionieren soll, muss sie sterben und wiedergeboren werden. Diese Metapher wird auch in der Psychoanalyse und in der Eheberatung verwendet – und mit letzterer habe ich viel Erfahrung (lacht). Entweder man arbeitet an einer Beziehung oder es ergeht einem so wie vielen meiner Freunde, die nach 20 Jahren Ehe plötzlich geschieden wurden und sich dann gefragt haben: „Was ist da passiert? Was habe ich die letzten 20 Jahre falsch gemacht?“ Offensichtlich haben sie nicht genug miteinander gesprochen. Darüber, was sich verändert hat. Über Dinge, die einen am Anfang vielleicht nicht gestört haben, es dann aber tun.

Das ist wohl leichter gesagt als getan.

Diese Dinge auszusprechen ist natürlich sehr schwer. Das liebe ich an Stanleys (Tucci, spielt Fionas Ehemann) Charakter im Film, dass er mutig genug ist, darüber zu reden, was ihn stört. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich die Leute darauf reagieren. Manche meinen, es sei widerlich zu sagen, dass man eine Affäre haben wird. Ich hingegen finde das sehr mutig, auch dass er zu Fiona klipp und klar sagt: „Du hörst überhaupt nicht zu! Wir müssen reden!“ Denn das ist der Schlüssel. Wir haben so große Angst vor emotionalem Schmerz. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Man muss sich dem Schmerz stellen und sich dann fragen: „Was sagt uns das?“ Uns werden ständig Lügen erzählt, wie das Leben, die Liebe, das Muttersein, die Ehe und all diese wichtigen Dinge auszusehen haben. Kein Wunder, dass wir uns dabei oft so schwer tun.

Die starren Muster beginnen sich ja langsam zu ändern.

Die Art, wie wir Geschichten erzählen oder wie wir die Geschlechter sehen, ist oft schwarz-weiß. Aber wir bewegen uns gerade weg von diesem Schema und das finde ich so interessant an der aktuellen Genderdebatte. Der Umgang miteinander beginnt sich zu ändern. Das sind aufregende Zeiten für uns alle.