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Interview
08/01/2021

Schauspieler Tom Schilling: "Experte für das, was ich darstellen muss“

Der deutsche Schauspieler imponiert in der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“.

von Alexandra Seibel

Von Tom Schilling kann man gar nicht genug kriegen. Auf Sky ist er gerade in David Schalkos Dramedy „Ich und die anderen“ zu sehen, aber noch viel mehr lohnt sich der Gang ins Kino. Dort tritt Schilling als Alter Ego von Erich Kästner auf – in Dominik Grafs absolut sehenswerten Literaturverfilmung „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (Kinostart: 6. 8.)

Kästner veröffentlichte seinen autobiografisch inspirierten Roman „Fabian“ 1931, zwei Jahre später wurde er von den Nationalsozialisten unter dem Vorwurf der Pornografie verbrannt. Die lakonischen Beschreibungen sexueller Freizügigkeiten im Berlin der 20er-Jahre erschienen den Nazis als entartet.

Tom Schilling ist perfekt in der Rolle des Fabian, eines smarten, arbeitslosen Werbetexters, der durch das Berliner Nachtleben driftet und mit ironischer Distanz die entgleisende Gesellschaft der Weimarer Republik beobachtet. Einmal fällt ihm sogar das Liebesglück in den Schoß, verweilt aber nicht lange.

„Es war nicht einfach für mich, diesen Film zu drehen, aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis“, sagt der 39-jährige Schauspieler im KURIER-Interview. Die Dreharbeiten liegen zwei Jahre zurück und fielen in die Zeit einer privat unangenehmen Phase, so Schilling im Rückblick: „Wenn man selbst ein bisschen außer Balance ist, ist es manchmal schwierig, einen Job zu machen, in dem man immer etwas anderes spielen muss, als man fühlt.“

Gefühl der Leere

Tom Schilling, geborener Ost-Berliner, hat bereits im zarten Alter von sechs Jahren mit dem Schauspielen begonnen. Seitdem unterhält er eine Art Hassliebe zu seinem Beruf. Die Anerkennung, die man für die Schauspielerei bekommt, hält er für „total übersteigert“: „Andere Berufe und Tätigkeiten müssten viel mehr wertgeschätzt werden. Das tut die Gesellschaft aber nicht.“ Und manchmal bleibt dann ein Gefühl der Leere zurück: „Ich merke einfach, dass es mich nicht so erfüllt, wie es mich erfüllen sollte.“

Wenn sich diese Unzufriedenheit einstellt, träumt Tom Schilling vom Aussteigerleben – als Tischler etwa: „Aber da gehört viel Mut dazu, in seinem Leben auf die Vollbremse zu treten und 180 Grad kehrtzumachen.“

Zum Glück ist es dazu bislang noch nicht gekommen. Man möchte lieber Filme mit Tom Schilling sehen als Möbel kaufen. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler ist bekannt für seinen Hang zum Perfektionismus. Für seine Rolle als Pianist in „Lara“ mit Corinna Harfouch lernte er zum Beispiel das Klavierspiel: „Am Set möchte ich Experte für das sein, was ich darstellen muss“, sagt Schilling. „Der Fabian kann nichts Besonderes außer Schreiben. Aber das ist nichts, was man darstellen kann. Die Herausforderung bestand eher darin, Kästners literarische Sprache unfallfrei rüberzubringen.“ Das ist ihm hervorragend gelungen.

Sein Fabian ist einer, der „der Welt ein bisschen abhandengekommen ist“, sinniert Schilling: „Er ist ein Beobachter oder ein Melancholiker, der von den Menschen desillusioniert ist. Er hat einen gewissen Widerwillen oder vielleicht sogar Ekel, sich zu Wort zu melden, weil um ihn herum schon alles sehr laut schreit. Das ist vielleicht auch die Ähnlichkeit zu unserer Zeit, wo jeder lautstark seine Meinung sagt – mit Shitstorm hier und Shitstorm da.“

Relativ langer Bart

Der Fabian ist nicht die erste seiner Figuren, die in der Weimarer Republik lebt. In Heinrich Breloers TV-Zweiteiler „Brecht“ spielte Tom Schilling den jungen Brecht – „aber ich bezweifle, dass ich die Idealbesetzung dafür war“. Er selbst habe generell keine Präferenz für bestimmte historische Stoffe: „Mir geht es nicht darum, was erzählt wird, sondern wie.“

Die Berliner Roaring Twenties, also die gesellschaftspolitisch und kulturell zerrissene Zeit vor Hitlers Machtübernahme, die in den letzten Jahren mit Serien wie „Babylon Berlin“ oder der Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ Furore machte, „hat für mich schon einen relativ langen Bart“, gähnt Schilling.

Gleichzeitig versteht er aber auch die Faszination für den „Tanz auf dem Vulkan“: „Natürlich gibt es eklatante Parallelen zwischen der Kultur der Weimarer Republik und unserer derzeitigen politischen Situation, wie wir sie, seitdem Trump im Amt war, haben. Ich meine vor allem die Art und Weise der Auseinandersetzung und Frontenbildung durch die sozialen Medien: Wie Gegner diffamiert werden und man eigentlich gar nicht weiß, woher dieser Hass kommt.“

Erich Kästner wiederum beendet seinen Roman „Fabian“ mit der hintergründigen Aufforderung: „Lernt schwimmen!“

„Ja, das ist ein bisschen rätselhaft, weil es in dem Buch so eine Wichtigkeit bekommt“, gibt Tom Schilling zu. „Aber ich finde Fragen interessanter als Antworten.“

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