Internetaktion #allesdichtmachen · Schauspieler Jan Josef Liefers

© APA/dpa/Oliver Berg / Oliver Berg

Analyse
04/23/2021

#allesdichtmachen: Ein kommunikativer Totalschaden

Schauspieler kritisieren in Videos die Coronapolitik, ernten scharfe Kritik und werden vereinnahmt. Am Ende steht der Austausch von Shit-Stürmen.

von Georg Leyrer

Künstler gehen auf die Barrikaden? Da greift gleich einmal der „eh klar“-Reflex: Die wollen wieder irgendwas Gutmenschiges oder Selbstgerechtes. Die Reaktion zerfällt in die üblichen Lager („recht haben sie“ versus „Künstler blöd“). Ein Debatterl folgt und wird abgehakt.

Diesmal aber nicht.

Diesmal, mit der Online-Aktion #allesdichtmachen, haben vier Dutzend der bekanntesten Schauspieler und -innen unserer Breiten einen kommunikativen Totalschaden erlebt. Sie alle haben Videos aufgenommen und online gestellt, deren Intention klar und deren Umsetzung überraschend ist.

Sie wollen, versichern die, die sich im Gewittersturm nach der Aktion noch öffentlich äußerten, auf die Wichtigkeit von Kunst und Kultur auch in der Pandemie hinweisen. Das Vehikel waren zynisch-ironische, überspitzte Kurzvideos – man denke an die Humorstrategie von Lisa Eckhart –, in denen sie die Lockdowns und andere Pandemie-Maßnahmen mit satirischer Überspitzung befürworten. Manuel Rubey, Nicholas Ofczarek, Nina Proll, Roland Düringer – und aus Deutschland Jan Josef Liefers. Ulrich Tukur, Ulrike Folkerts waren dabei.

Und sie alle haben am Freitag wohl den Hut im Onlinesturm festhalten müssen. Denn die Reaktion war gewaltig – und wohl anders, als von vielen gedacht. Wenn auch vielleicht für jeden, der schon mal 10 Minuten im Internet verbracht hat, nicht überraschend. Für die Form der Kritik bekamen sie nämlich viel herbe Schelte aus der Kollegenschaft.

Und Beifall von jenem rechten Rand und jener Verschwörungsblase, an denen die meisten Künstler zumeist nicht anstreifen wollen.

Was natürlich einerseits unfair ist. Kunst und Kultur sind von den Pandemiemaßnahmen übermäßig stark betroffen – und haben das anfangs auch derart streng geäußert, dass in Österreich sogar eine Kulturstaatssekretärin gehen musste.

Zuletzt aber wich dieser Zorn einer für die Kultur untypischen Resignation. Es ist ruhig in einer Branche, die immens leidet – und deren Stärke es nicht gerade ist, den Mund zu halten. Es ist eigentlich ein Wunder, dass nicht viel mehr Protest kommt.

Aber nur eigentlich, wie #allesdichtmachen nun exemplarisch zeigt. Denn Kritik ist dort, wo sie nicht so traumverloren ist wie bei den Verschwörungsgläubigen, nur dann wertvoll, wenn sie Alternativen benennt.

Und nicht nur, wie hier, in eine ohnehin aufgeraute, wundgeriebene Gesellschaft mit Ironie hineintritt, ohne Besseres zu bieten zu haben.

Hart am Narrensaum

Nur: Darum drücken sich die Schauspieler. Will man, dass die Bühnen aufsperren? An wen richtet man sich – und womit?

Regierung schlecht, Maßnahmen überschießend, Schauspieler ohne Job – in diesem sehr eng geführten Argumentationsspektrum verharrt die Aktion, verschanzt hinter einer Satirebehauptung, die in vielen der Videos höchstens dünn ummantelt ist.

Da ist es auch kein Wunder, dass man dann vom Narrensaum gekapert wird – der protestiert ähnlich und bietet ähnlich wenige Alternativperspektiven.

Und etwa Liefers geht auch die Medien an. Die haben nicht gut informiert, waren einseitig. Muss man hier echt die Lügenpresse-Rufe mithören?

Da passt es nur gut ins orakelnde Bild, dass der Initiator der Aktion vorerst ungenannt blieb. Wurden die Schauspieler hier gelegt?

Mancher Teilnehmer, wie Heike Makatsch und Rubey, zeigt sich erschrocken über die Vereinnahmung der Aktion. Es gab auch viel echte Betroffenheit. #allesdichtmachen verkleidet echtes Leid in Sarkasmus – aber dieses Leid ist da und wurde nun mitverhandelt.

Und wie das nun mal so ist im Internet, brüllte die Gegenseite zurück, „schämt“ sich für die Kollegen, arbeitet sich, auch wieder hämisch, am Lob der Narren für die Aktion ab. Es endete in einem Abtausch von Shit-Stürmen.

Und es bleibt die Frage, ob man hier Meter gemacht – oder verloren hat. Es sollte um Kritik an den Maßnahmen, mehr Meinungsspektrum, Achtung der Kultur gehen. Und hat wohl genau das letztendlich beschädigt.

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