Kultur
18.02.2018

"Saul" im Theater an der Wien: Der Wahn hat Methode

Händels Oratorium "Saul" exemplarisch im Theater an der Wien.

Händel hier, Händel dort. Am 24. Februar hat im Haus am Ring die Oper "Ariodante" in der Regie von David McVicar Premiere. Bereits vorgelegt hat das Theater an der Wien mit einer Neuproduktion des Oratoriums "Saul" in der Inszenierung von Claus Guth, das damit einmal mehr beweist, wie klug, spannend, packend und aufregend zeitgenössisches Musiktheater auch sein kann.

Worum geht es bei diesem 1739 in London uraufgeführtem Hybrid zwischen Oper und Oratorium? Ganz einfach: Der junge David hat Goliath besiegt, kommt deshalb zu dem regierenden Herrscher Saul und mischt dessen Familie emotional (bei Guth auch sexuell) gehörig auf. Die Masse liegt David zu Füßen, Saul fürchtet um seine Macht, verübt Mordanschläge auf den neuen Volkshelden, verliert letztlich jedoch Thron und Leben. David ist der neue "starke Mann".

Es ist das Verdienst von Regisseur Claus Guth, dass diese (an sich biblische) Geschichte an der Wien wie ein grandioses Psychogramm heutiger Staatschefs wirkt. Denn Guth erzählt auf Christian Schmidts extrem wandelbarer Drehbühne vom Prozess der geistigen Zerrüttung eines Herrschers, der nicht von der Macht lassen kann und an dieser zerbricht.

Familienaufstellung

Dazu kommt eine Familienaufstellung, die es in sich hat. Wie in Pier Paolo Pasolinis "Teorema" – den Untertitel des Films "Geometrie der Liebe" nimmt Guth in seiner exemplarischen Personenführung ernst – dringt mit David ein Fremder in eine dysfunktionale Familie ein. Emotionen, Begierden und Ängste brechen auf; alle drei Kinder Sauls verfallen dem Charisma des Fremden auch in sexueller Hinsicht. Gewinner gibt es keine. Auch wenn David nach Sauls Selbstmord wie ein Sieger erscheint – selbst diese "Lichtgestalt" hat ein Ablaufdatum.

Urgewalt

Eine grandiose Deutung, mit der Guth an seinen legendären "Messiah" (2009 an der Wien) nahtlos anknüpft, die vor allem dank der fabelhaften Singschauspieler perfekt funktioniert. An der Spitze natürlich Florian Boesch in der Titelpartie. Boesch ist als Saul stimmlich wie darstellerisch eine Urgewalt. Er zieht die Aufmerksamkeit in jeder Szene an sich, zeichnet ein erschütterndes Porträt eines immer mehr in den Wahnsinn abgleitenden Despoten. Eine grandiose Leistung!

An Boeschs Seite aber agieren ebenfalls exzellente Künstler. Anna Prohaska als Sauls ältere Tochter Merab etwa. Oder die vokal unfassbar flexible Giulia Semenzato als jüngere Tochter Michal. Großartig auch der Tenor Andrew Staples als Sauls Sohn Jonathan, der zu David eine homoerotische Beziehung aufbauen will.

Als David schlägt sich der Countertenor Jake Arditti als eine Art reiner Tor mehr als gut; Marcel Beekman, Ray Chenez, Quentin Desgeorges und Tänzer Paul Lorenger füllen ihre kleineren Partien sicher aus; sensationell agiert erneut der Arnold Schoenberg Chor. Und Dirigent Laurence Cummings animiert das nur manchmal etwas zu verhalten klingende Freiburger Barockorchester zu differenzierten Klängen. So geht Musiktheater!