Jörg Pohl als Liliom, Maja Schöne als Julie

© APA - Austria Presse Agentur

Kultur
08/18/2019

Salzburger Liliom: Beim Schnurspringen fliegen lernen

Festspiele: Aufregendes Theater um tödliche Liebe - Jubel und Buhs.

von Guido Tartarotti

Am allerbesten gelingt der Schluss. Liliom, aus dem Jenseits auf die Erde zurückgeschickt, übt mit seiner Tochter und deren Mutter Julie Schnurspringen bis zur totalen Erschöpfung. Immer, wenn er nicht mehr kann, fühlt Julie nach seinem Herzschlag. „Na?“, fragt die Tochter. Julie schüttelt den Kopf ...

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó besetzte die Rolle des Kindes mit einer Darstellerin mit Downsyndrom. Wie er im Programmheft erklärt, sind Menschen mit Downsyndrom oft offener als andere. Die Tochter ist aus seiner Sicht eine Art Engel, die der Familie eine neue Chance gibt.

Das Schnurspringen steht auch  am Anfang der zwei Stunden kurzen Inszenierung. Julie und Marie springen und jauchzen, während zwei gigantische Roboter-Arme langsam blühende Bäume ins Bühnenbild tragen. Das Schnurspringen steht hier offenbar für: Die Schwere des Erdenlebens ablegen, frei sein, schweben können.

Poesie

Das ist etwas, was diese ungewöhnliche, in jeder Hinsicht aufregende Inszenierung (eine Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater) schafft: Sie kann fliegen. Sie ist hoch poetisch. Sie hebt, trotz mancher Regietheater-Modegags und auch trotz manch schwächerer Szenen ab. Bei der Premiere gab es vom größeren Teil des Publikums demonstrativ Jubel, nicht wenige zogen es aber vor, still zu flüchten, und ein paar Buhs gab es auch.

„Liliom“ von Ferenc Molnár erzählt die Geschichte eines Ringelspiel-Ausrufers, der seine Gewalttätigkeit nicht in den Griff bekommt. Um Frau und Kind zu versorgen, begeht er einen Überfall, in dem er sich so ungeschickt anstellt, dass alles schief geht. Liliom tötet sich  und darf nach 16 Jahren Fegefeuer ins Leben zurückkehren, um seine Familie zu sehen.

Das Stück war bei der Uraufführung 1909 in Budapest ein Reinfall. Erst die Übersetzung von Alfred Polgar, der die Handlung in den Prater verlegte, brachte den Erfolg in Wien.

Bis heute wird „Liliom“ immer wieder gespielt und verfilmt, kaum ein Stück ist, jedenfalls in Österreich und Ungarn, mit so vielen Schichten von Tradition und Kitsch zugeschmiert.

Dem aus Ungarn stammenden Regisseur ist die „rückwärtsgewandte Aufführungstradition“ laut eigener Aussage fremd. Er wollte sich von ihr lösen, gleichzeitig  liebt er das Stück und seine Figuren.

Mundruczó wollte die Personen als Menschen zeigen, nicht als Klischeefiguren. Julie ist bei ihm kein naives Dienstmädchen, sondern eine erwachsene, starke Frau.

Und Liliom ist kein brutaler Säufer und Schläger – in dieser Inszenierung ist die Gewalt nie zu sehen, nur Teil von Gesprächen – sondern ein von seinem Freiheitsdrang überforderter junger Mann.

 

Tödliche Liebe

Beiden passiert die Liebe, und sie wissen beide nicht recht, was sie damit machen sollen. Ihre Liebe ist tödlich und unendlich zugleich“, so Mundruczó.

Bei anderen Figuren gelingt ihm die Charakterstudie weniger gut. Warum Frau Hollunder (Sandra Flubacher)  mit einem aufblasbaren Krokodil Sex hat und eine dadaistische Fotokünstlerin ist, erschließt sich nicht.

Marie (Yohanna Schwertfeger) ist notgeil (überhaupt gibt es sehr viel Sex in dieser Inszenierung, ständig wird in Unterwäsche gegriffen oder an Körperteilen geleckt). Tilo Werner als Ficsur planscht gerne im Wasserbecken (ein wirklich schon öd gewordenes Regietheater-Klischee).

Frau Muskat (Oda Thormeyer) ist dagegen eine glaubhaft auch in ihrer Einsamkeit starke Frau.

Mundruczó erzählt die Geschichte von hinten: Liliom sitzt im Fegefeuer – einer Art politisch korrekter Vorhölle  – fest, wo ein Trupp Engel mit Gesprächsrunden, Ballett-Training und Eisessen beschäftigt ist. Liliom muss hundert Mal schreiben „Ich bin Teil des repressiven Patriarchats“, gibt aber nach fünf Mal auf. Er will einfach keine Reue zeigen und keinen Antrag auf Vergebung ausfüllen. Diese neuen, sehr witzigen Texte hat Kata Wéber geschrieben.

Den größten Jubel bekommen am Ende die beiden Roboter–Arme (Bühnenbild: Monika  Pormale), die sich formvollendet verbeugen. Sie stellen laut Regisseur die „modernen klinischen Arme Gottes“ dar, die für Liliom die Erinnerungen an sein Leben zusammenstellen. Ein sehr schönes, starkes Bild.

Die Darsteller spielen großartig, allen voran Jörg Pol als Liliom und Maja Schöne als Julie. Der merkwürdige Engelschor ist herrlich komisch.

Fazit: Wer wildes, ungezähmtes, bei allem Furor sehr poetisches (Regie)-Theater mag, kommt hier voll auf seine Kosten.
Wer einen klassisch erzählten „Liliom“ sehen will, sollte den Abend so großräumig wie möglich umfahren.