Jedermann der Jahre 1935–1937 und 1947–1951: Attila Hörbiger

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Geschichten mit Geschichte
07/26/2020

Salzburger Festspiele: Eine Stadt als Bühne

Vor 100 Jahren gründeten Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal das wichtigste und größte Musik- und Theaterfestival der Welt. Die Salzburger waren damals dagegen.

von Georg Markus

Wenn in den 1970er-Jahren ein Rolls-Royce durch Salzburgs Altstadt rollte, musste man genauer hinschauen, um zu erkennen, ob Herbert von Karajan, Curd Jürgens oder Josef Meinrad am Steuer saß. Schließlich sind die Salzburger Festspiele nicht nur künstlerischer, sondern auch gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres, der die besten Dirigenten, Schauspieler und Sänger in sich vereint. Und das seit 100 Jahren.

Alle waren dagegen

Es wär nicht Österreich, wären anfangs nicht alle dagegen gewesen. Als der Regisseur Max Reinhardt und der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal die Idee hatten, in Salzburg Festspiele zu veranstalten, waren die Salzburger gar nicht begeistert, im Gegenteil, sie wehrten sich mit Händen und Füßen. „Es gab Bürgerdemonstrationen“, erinnerte sich Reinhardts Sohn Gottfried, „man hatte Angst, die Ausländer würden den Einheimischen das Brot wegessen, die Zeitungen wetterten gegen die zu erwartende Ankurbelung des Fremdenverkehrs, welches Wort damals merkwürdigerweise als Schimpfwort gebraucht wurde.“

Doch Reinhardt und Hofmannsthal glaubten an die Festspiele und setzten sie schließlich gegen alle Widerstände durch. Die Würfel waren bereits 1917 gefallen. Reinhardt sah damals, mitten im Ersten Weltkrieg, Festspiele als Friedensprojekt und Hofmannsthal erkannte, dass ein Musik- und Theaterfestival kein lokales Ereignis, sondern „eine Angelegenheit der europäischen Kultur und von eminenter politischer, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung“ sein würde. Weniger vorausblickend sah der Schriftsteller in den Festspielen „kein Geschäft“.

Kein Geschäft?

Kein Geschäft? Da würden sich die Salzburger von heute schön bedanken.

Die Festspiele in der Mozartstadt wurden am 22. August 1920 mit Hofmannsthals „Jedermann“ eröffnet. Reinhardt, der Regie führte, hatte die Königsidee, den barocken Domplatz für das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ zu gestalten. Die Stadt in ihrer ganzen barocken Pracht sollte Bühne sein.

Eine Notlösung

Dabei war der „Jedermann“ eine Notlösung, weil die Bearbeitung des vorgesehenen „Großen Welttheaters“ nach Pedro Calderon nicht rechtzeitig fertig geworden war. Die Notlösung wurde zur Erfolgsgeschichte, die mit wenigen Unterbrechungen seit 100 Jahren als Cash-Cow der Festspiele gezeigt wird. Mit 2500 Zuschauern pro Vorstellung (Corona-Zeiten natürlich ausgenommen).

Calderons „Welttheater“ wurde im nächsten Jahr nachgeholt, es folgten Mozarts „Don Giovanni“ und Goethes „Faust“ in der von Clemens Holzmeister erbauten Fauststadt in der Felsenreitschule.

Bombenattentat

Illegale Nazis störten im Festspielsommer 1934 eine Vorstellung, drei Jahre später wurde ein Bombenattentat auf Reinhardts Schloss Leopoldskron verübt. Doch das waren nur die Vorboten. Das Programmheft für die Festspiele 1938 war schon fertig, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschierten und das Musik- und Theaterfest in Beschlag nahmen. Das Programmheft wurde neu gedruckt, der Name Reinhardt eliminiert, alle jüdischen Künstler wurden entlassen und verfolgt.

Die nunmehrigen Festspiele waren mit denen in der Reinhardt-Zeit nicht vergleichbar, das Publikum setzte sich vor allem aus Soldaten auf Fronturlaub zusammen, die die Aufführungen mehr oder weniger freiwillig besuchten. Zu den Festspielen des Jahres 1944 gab es noch eine Generalprobe der Richard-Strauss-Oper „Die Liebe der Danae“, aber alle Vorstellungen wurden infolge des Stauffenberg-Attentats auf Hitler abgesagt. Der 80-jährige Richard Strauss verabschiedete sich von den Wiener Philharmonikern mit den vielsagenden Worten: „Vielleicht sehen wir uns in einer besseren Welt wieder.“

Diese bessere Welt erhob sich ein Jahr später aus den Ruinen, von denen auch Salzburg nicht verschont blieb. Der Krieg war erst seit wenigen Wochen zu Ende, da fanden bereits die ersten Nachkriegs-Festspiele statt. 1947 hatte Gottfried von Einem mit seiner Oper „Dantons Tod“ einen Sensationserfolg, aber nicht alle Festspielbesucher begeisterten sich für zeitgenössische Musik. So feierte Alban Bergs „Wozzek“ 1951 zwar künstlerische Anerkennung, aber ein finanzielles Fiasko: Für die letzten beiden Vorstellungen wurden nur 50 Karten verkauft.

Große Persönlichkeiten

Die Geschichte der Salzburger Festspiele ist auch eine Geschichte der großen Künstlerpersönlichkeiten. Schauspieler wie Alexander Moissi, Paula Wessely, Attila Hörbiger, Will Quadflieg, Oskar Werner, Curd Jürgens und Maximilian Schell, Sänger wie Fritz Wunderlich, Christa Ludwig, Mirella Freni, Luciano Pavarotti, José Carreras, Placido Domingo und Anna Netrebko, Dirigenten wie Arturo Toscanini, Bruno Walter, Clemens Krauss, Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm und Lorin Maazel zogen Publikum aus aller Welt an. Freilich wurden die Salzburger Festspiele nach Reinhardt von keinem anderen so dominiert wie von Herbert von Karajan.

Der war in seiner Geburtsstadt bereits 1933 in der erwähnten „Faust“-Inszenierung zum ersten Mal aufgetreten, 1956 wurde er künstlerischer Leiter der Festspiele. Von da an drehte sich alles um Karajan, der die Festspiele wie ein Despot führte, dabei aber das künstlerische Niveau in ungeahnte Höhen brachte.

Doch Karajans Genie hatte seinen Preis. Es gab Machtkämpfe, Intrigen und Skandale. Der schwerwiegendste ereignete sich im Jahr 1983, als der Maestro für die von ihm gegründeten Osterfestspiele den vakanten Platz einer Soloklarinettistin mit einer bestimmten Künstlerin besetzen wollte. Die Berliner Philharmoniker waren dagegen, worauf Karajan im Jahr darauf wieder die Wiener Philharmoniker nach Salzburg holte. Fünf Jahre später kündigte er – nachdem er in Salzburg 337 Vorstellungen dirigiert hatte – als künstlerischer Leiter. Eine Ära war zu Ende gegangen, er starb ein Jahr später.

Sternstunden

Unvergessen für Opernfans ist Karajan am Pult von „Don Carlos“, „Fidelio“, „Der Rosenkavalier“ oder „Don Giovanni“. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wenn heute ein Rolls-Royce durch Salzburg rollt, dann gehört er sicher keinem Künstler, sondern einem Festspielbesucher. Die Stars bleiben inkognito und ziehen sich in ihre vier Wände zurück.

TV-Tipp

„Das Große Welttheater – Salzburg und seine Festspiele“, ein Film von Beate Thalberg, Samstag, 1. August, 20.15 Uhr, ORF 2.

Buchtipp

Malte Hemmerich, „100 Jahre Salzburger Festspiele“ mit einem Vorwort von Helga Rabl-Stadler, Ecowin-Verlag.