Kultur
04.06.2017

Richard Gere: Amerikas Sturz in den Abgrund

Der amerikanische Star-Schauspieler über den Thriller "The Dinner", Trump und "Pretty Woman".

Nein, Richard Gere gehört nicht zu jenen Schauspielern, die eine Karriere als Politiker anstreben. Dafür sei er emotional nicht ausgerüstet, beteuerte der 67-jährige US-Star im KURIER-Interview.

Umso überzeugender spielt er dafür die Rolle eines erfolgreichen Politikers und Strategen in Oren Movermans etwas zerfahrenen Thriller "The Dinner" (Kinostart: Freitag).

"The Dinner" erzählt davon, wie sich zwei Paare zum Essen in einem teuren Lokal verabreden und dort zerfleischen. Die Männer sind ein ungleiches Brüderpaar – einer davon der Brite Steve Coogan in der Rolle eines psychisch kranken Geschichtslehrers; der andere Gere als erfolgreicher Kongressabgeordneter. Gemeinsam mit ihren Frauen – gespielt von Laura Linney und Rebecca Hall – nähern sie sich einem dunklen Familiengeheimnis an. Ihre Kinder haben ein schweres Verbrechen begangen, und die Eltern stellen sich nun die Frage: Vertuschen oder zur Polizei gehen?

Richard Gere ist – neben seiner Hauptrolle als versierter Schauspieler und berühmter Frauenschwarm – bekennender Buddhist, engagierte Menschenrechtsaktivist und erbitterter Trump-Gegner. Ein Gespräch darüber , warum er nicht zum Politiker taugt, Teenager und seine Liebe zu Frauen.

KURIER: In "The Dinner" fragen sich zwei Elternpaare, wie weit sie gehen können, um ihre Kinder zu schützen. Haben Sie sich diese Frage selbst auch gestellt?

Richard Gere: Natürlich. Mein Sohn ist gerade 17 Jahre alt geworden, und meine innere Stimme hat geflüstert: Ich würde alles tun, um meinen Sohn zu schützen. Aber dann habe ich mich gefragt: Würde ich es auch tun, wenn ich damit andere Menschen verletzte? Ich glaube nicht. Das wäre die Grenze, die ich nicht überschreiten würde.

Die Teenager in "The Dinner" überschreiten eindeutig eine Grenze.

Ja, und bei der Erziehung von Kindern wird man selbst immer wieder daran erinnert, wie schwierig so Teenager-Jahre sind. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie herausfordernd das für mich selbst damals war. Wenn ich heute mit meinem Sohn und seinen Freunden rede, dann versuche ich immer, sie zu ermutigen, sich etwas zu trauen, Neues auszuprobieren, das Abenteuer zu suchen. Gleichzeitig müssen sich aber auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie weit sie gehen können. Sie sollen den Abhang sehen können, aber nicht hinunterstürzen. In unserer heutigen Kultur funktioniert es genauso: In Amerika haben wir gerade den Moment erlebt, wo wir den Augenblick verpasst und die Kontrolle verloren haben. Pandoras Büchse hat sich geöffnete, eine dunkle Macht ist heraus gekommen und hat uns in den Abgrund gestürzt.

Woran lag Ihrer Meinung nach die Bereitschaft der Amerikaner, Trump zu wählen?

Ich glaube, die Demokraten sind daran gescheitert, die Sorgen und Ängste vieler Amerikaner aufzugreifen. Das ist der konservativen Rechten gelungen. Wobei man sagen muss, dass Trump gar nicht der traditionellen Rechten angehört. Der Mann hat überhaupt keine spezielle Philosophie, sondern macht sich zunutze, was ihm gerade passt. Ihm ist es gelungen, seinen Wagen vor den der Rechten zu spannen und mit negativen Ressentiments wie Angst und Ausgrenzung Politik zu machen.

Sie selbst sind ja schon jahrzehntelang politisch aktiv.

Ja, es gibt Anliegen, für die ich mich schon sehr lange engagiere. Dazu gehören die US-Politik in Zentralamerika, die Situation von Tibet oder der HIV-AIDS-Aktivismus. Ich habe sehr viel Zeit und Energie dafür aufgewandt, aber ich stehe auf dem Standpunkt: Wenn es Dinge gibt, über die man sprechen kann, dann hat man auch die Verantwortung, es zu tun. Als ich vor 35 Jahren anfing, über Tibet zu reden, hat man mich für verrückt gehalten. Heute wenden sich Leute an mich, wenn es um diese Fragen geht. Ich bin so etwas wie ein Experte geworden.

Haben Sie je darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen?

Nein. Ich unterstütze gerne Politiker, aber ich habe nicht das Zeug dazu. Ich bin kein Mensch der Kompromisse. Und als Politiker muss man die Kunst des Kompromisses beherrschen – das ist Teil des Anforderungsprofils.

Hatten Sie für Ihrer Rolle als Politiker ein reales Vorbild?

Ja, aber ich sage nicht welches (lacht). Außerdem spiele ich einen bestimmten Typus von Politiker, den es überall gibt: Sehr einnehmend, charmant, telegen, sprachlich gewandt, ein bisschen narzisstisch – und mit der Fähigkeit ausgestattet, Empathie vorzutäuschen, die er vielleicht ja auch wirklich hat.

Klingt gerade, als würden Sie das Anforderungsprofil für den Schauspielberuf beschreiben.

Absolut, keine Frage! Allerdings spielen wir als Schauspieler auch Menschen, die keinerlei Empathie haben, wenig klug sind und nicht besonders aussehen.

Glauben Sie, dass das konservative Klima Einfluss auf die Filmindustrie nehmen wird?

Nein, das glaube ich nicht. Überhaupt ist es so, dass 99 Prozent der Künstler immer links sind und den Status quo von Machtverhältnissen hinterfragen. Das ist tendenziell auf der ganzen Welt so.

Wenn man Sie nach Ihrem Lieblingsfilm Ihrer langen Karriere fragt...

...dann sage ich, ich habe keinen (lacht).

Aber der Erfolg von "Pretty Woman" war wohl doch ein sehr großer Einschnitt, oder?

Auf jeden Fall! Er hat mir erlaubt, danach eine Menge von "kleinen" Filmen zu machen. Bis heute basieren alle Filme, die ich mache, auf dem Erfolg dieses einen Films.

Wie lebt es sich eigentlich als Langzeit-Frauenschwarm?

Ich liebe Frauen, ich habe Frauen immer geliebt und ich schäme mich sicher nicht dafür (lacht). Ja, es ist nett, wenn man geliebt und respektiert wird. Es ist sogar großartig.