Reichenau: Standing Ovations für einen, der sich zu Tode säuft
„Die Legende vom heiligen Trinker“ wird als Joseph Roths literarisches Testament gelesen. 1939 posthum in Amsterdam erschienen, nachdem Roth kurz zuvor im Pariser Exil am Alkoholismus gestorben war, erzählt sie die Geschichte des obdachlosen Alkoholikers Andreas Kartak, der, aus dem Gefängnis entlassen, unter den Brücken der Seine schläft. Bis ein Wunder geschieht. Ein Fremder bietet ihm Geld an, Andreas nimmt es nur zögernd an, er kann es nicht zurückzahlen. Der Fremde insistiert und Andreas, ein „Mann von Ehre“, verspricht schließlich, das Geld während der Sonntagsmesse der Statue der heiligen Thérèse von Lisieux in der Kapelle Ste Marie des Batignolles zurückzuzahlen. Diese erste Begegnung, dieses erste Wunder, ist für einen wie Andreas, „einen Säufer“, wie Roth schreibt, noch nicht außergewöhnlich, „… er lebte von Zufällen, wie viele Trinker.“
Ein Zufall nach dem anderen, man könnte sie auch Wunder nennen, bringt für ein paar Tage immer frisches Geld in Andreas’ Taschen, es hat den Anschein, als würde er ein normales Leben beginnen wollen. Doch immer ist da etwas, meist ein Glas Pernod, das dem im Wege steht. Andreas säuft sich schließlich zu Tode. Er stirbt, just, als er schon fast am Ziel, bei der Heiligen Thérèse, angelangt ist. Seinen letzten Seufzer macht er in der Sakristei. „Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und schönen Tod.“
Die letzten Worte dieser Novelle beschließen auch den Abend in Reichenau. Man kann sie auf vielfältige Art lesen. Am ehesten wohl als Sarkasmus. Denn dass irgendetwas leicht an diesem Tod war, dass es in den letzten Tagen dieses schwer kranken Mannes, der nicht in der Lage ist, sich noch zu waschen, der sich das letzte Geld von Prostituierten (hier „das schöne Mädchen“) und anderen Saufkumpanen aus der Tasche ziehen lässt – dass es also in diesem Leben noch Freude oder Hoffnung gegeben hätte, das ist unwahrscheinlich.
Das Delirium
Wahrscheinlicher ist: Roth beschreibt das Delirium eines Schwerstkranken, verbrämt als Märchen. In Alexandra Liedtkes Bühnenfassung der Novelle (sie führt auch Regie) erzählen mehrere Personen, inklusive Andreas (Joseph Lorenz) selbst. Auch Wunder (David Oberkogler) und Sucht (Oliver Urbanski) treten als allegorische Figuren auf. Julienne Pfeil ist die Liebe, die Heilige und alle anderen weiblichen Figuren. Mit Roths Originaltext hat Liedtke weitere Roth-Texte sowie Auszüge aus Briefen von Stefan Zweig an Roth verwoben – Appelle an den Freund, eine Entziehungskur zu machen. Zudem werden die 100 pausenlosen Minuten von Musik begleitet (Oliver Urbanski). Nicht frei von Pathos und Klischee. Dass wir uns in Paris befinden, wird gleich zu Beginn mittels Akkordeon klar gemacht. Pariser Atmosphäre wird auch im Bühnenbild (Johanna Lackner) angedeutet: Gesoffen wird an Bistrot-Tischchen. Und dann muss auch noch Jacques Préverts und Joseph Kosmas Chanson „Les feuilles mortes“, die Geschichte einer großen, vergangenen Liebe, herhalten für eine Liebe, von der in Roths Text nicht mehr viel übrig ist. Da heißt es nur: Er war also böse auf Karoline“.
Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ wird hier aufgebauscht und mit einem Ton versehen, der nicht seiner war. Roths Ton war sparsam. Das ist diese Aufführung nicht. Die resignative, leise Bitterkeit in Roths Novelle wird hier zum großen Schauspielertheater aufgeblasen. Das findet sichtlich Anklang. Standing Ovations für Joseph Lorenz, der sich als Gentleman-Trinker verausgabt.