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„Krieg und Frieden“ im Südbahnhotel: Helden für keinen einzigen Tag

Philipp Hauß inszeniert Tolstois Antikriegsroman im Südbahnhotel am Semmering
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Der Held ist ein Irrtum der Geschichte, heißt es gegen Ende dieser  dreieinhalbstündigen Reise durch das zusehends vom Krieg zerrüttete russische Zarenreich. Napoleon hat der österreichisch-russischen Armee verheerende Niederlagen zugefügt, das Sterben hat unermessliche Ausmaße angenommen, doch immer noch gibt es Feldherren, die von Tapferkeit und Heldentum daherschwafeln. 

Einen solchen spielt Martin Schwab, der in einer Doppelrolle auch den kriegslustigen und zunehmend dementen Fürsten Bolkonski gibt, ein Irrer, der im Nachthemd Gäste empfängt und heimlich weint. Schwab erntet am Ende lang anhaltenden Jubel. Verdient, wie auch der Applaus für den Rest dieses präzise agierenden und schon bei der Premiere gut eingespielten Ensembles.

 „Krieg und Frieden“, eine Dramatisierung von Leo Tolstois Antikriegsroman, ist seit Freitag in der Regie von Philipp Hauß im Rahmen der Festspiele Reichenau im Südbahnhotel am Semmering zu sehen. Ein Erlebnis. Das vierzehnköpfige Ensemble begeistert– inklusive des beeindruckend schäbigen Hotels als überzeugender Protagonist. Das morbide Ambiente einstiger Pracht lässt sich  als Sinnbild für Desillusion lesen –  jener, die  dachten, ein Krieg brächte  Sieger hervor. 
Die kompakte Bühnenfassung von Rita Thiele und Philipp Hauß, basierend auf einer Dramatisierung von Nicolaus Hagg, ist logisch und nachvollziehbar. Einen Mammutroman auf einen verträglich langen Theaterabend zu reduzieren, ist keine kleine Kunst. 
Der Kern der Handlung: Da die brutalen Schlachten der russisch-napoleonischen Kriege, dort die unbeschwerte Aristokratie, die, während die Bevölkerung an Hunger stirbt, realitätsverweigernd von „Haselhühnchen in Madeirasauce“ plappert. Doch auch sie wird am Ende von der Realität eingeholt. Es gibt wohl kaum ein bittereres Wort als das Wort „tapfer“, wenn man das Sterben um sich herum gesehen hat. Wer  in der Schlacht war, weiß, es ging nie um Tapferkeit, sondern nur um die Hoffnung, vielleicht noch am Leben zu sein. So hat es Andrej Bolkonski, Sohn des Fürsten, erlebt. Einst war er ein nach Ruhm strebender Soldat. Nun stirbt er, schwer verwundet, aber versöhnt mit seiner großen Liebe Natascha. Tim Werths überzeugt in dieser Rolle des einstigen Zynikers, der letztlich Ruhe findet. Ebenso Johanna Mahaffy als Springinkerl Natascha, das im Angesicht des Leidens  zur Frau reift. Sie  und andere Protagonisten treten zeitweise aus ihren Figuren heraus, wenden sich direkt ans Publikum und werden zu Erzählern des eigenen Schicksals. Ein kluger Kunstgriff, um die Handlung trotz Kürzungen verständlich zu machen. 

Wenn es hier so etwas wie einen Protagonisten gibt, dann ist es Pierre (Noah Saavedra), der als ewiger Außenseiter durch das Leben irrt. Er ist der uneheliche Sohn des Grafen Kirill Besuchow, der ihn kurz vor seinem Tod legitimiert, sodass er Titel und Vermögen des Vaters erbt; worauf ihn Prinzessin Hélène heiraten will, sie ist auf sein Geld aus. Das geht natürlich alles nicht gut aus,  am Ende wartet die wahre Liebe auf ihn. In der Hollywood-Verfilmung spielte Henry Fonda den Pierre: Niemand konnte so überzeugend so viel auf einmal sein: Verwirrter Tölpel, leidenschaftlich Liebender, integrer Freund. Ein glaubwürdig nach dem Sinn des Lebens Suchender, das war Henry Fonda – Saavedra macht seine Sache aber auch ziemlich gut. 
Das Publikum muss bei der Aufführung ein bisschen mitarbeiten. Es gibt Ortswechsel. Zweidrittel der Handlung spielen im prunkvollen Speisesaal, ein Gutteil davon auf einem langen Tisch in der Mitte. Darauf wird gelaufen, getanzt, mitunter viel geschrien. Einiges wirkt überdreht. Tür auf, Tür zu, links, rechts,  überall passiert was. Ein Klavier steht in der Ecke, zwischendurch sitzt einer der Darsteller davor oder greift zur Stromgitarre und singt. Die Musik ist  mitreißend. Weniger gut gelingt die Akustik im Raum. Wer das Pech hat, am Rand zu sitzen, hört manchmal kaum und sieht noch dazu gar nichts. Am zweiten Schauplatz dann, dem holzgetäfelten, ebenfalls beeindruckend schäbigen Waldhofsaal, setzt Erleichterung ein. Man sieht und hört alles. Zugleich denkt man: Schade, von diesem Ensemble hätte man schon zuvor nichts verpassen wollen.