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Neue Stefan-Zweig-Adaption: The Grand Reichenau Hotel

Gordon Greenberg inszeniert Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau.“
Auf einer Theaterbühne sitzen zwei Frauen mit Koffern an einem Tisch, während ein Mann im Anzug zwischen ihnen steht.

Und wieder eine literarische Adaption für die Bühne, diesmal Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau.“ Fazit dieser Dramatisierung durch Thomas Kahry und Gordon Greenberg: Wenig Zweig, viel Wes Anderson. Dessen famoser Spielfilm „The Grand Budapest Hotel“ stand Pate für das Bühnenbild in Reichenau: Dunkelroter und dunkelgrüner Samt, ein frecher Hotelpage und im Hintergrund eine Hotelbar deuten auf dieser Drehbühne, um die herum die Zuschauer platziert sind, den Glanz eines Hotelpalasts an, wie sie in den 1920ern an der französischen Riviera, dem Ort der Handlung, entstanden sind: Vintage-Chic, der auch gut nach Reichenau passt. 
Regisseur Gordon Greenberg macht aus Zweigs subtilem Frauenschicksal eine rasante Bühnenshow, die beim Publikum viel Anklang findet. Die Charaktere sind zugespitzt, das Timing sitzt punktgenau. Und es wird gesungen: Sona MacDonald begeistert mit zeitgenössischen Standards wie Friedrich Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, bekannt geworden durch Marlene Dietrich. 

Eine Art Fräulein Rottenmeier

Wie die Dietrich hierher kommt? Thomas Kahry hat ihr und Edith Piaf vor einigen Jahren das musikalische Portrait „Spatz und Engel“ gewidmet, mit Sona MacDonald und der nunmehrigen Reichenau-Intendantin Maria Happel in den Hauptrollen. Das Stück war auch in Montréal und Toronto zu sehen, Regie führte damals Gordon Greenberg.

Aus dieser Zusammenarbeit entstand nun die aktuelle Zweig-Adaptierung. Sona MacDonald ist darin nicht nur als Sängerin, sondern auch als gouvernantenhafte Agnes zu sehen, die biedere Schwester der Hauptdarstellerin Charlotte (Julia Stemberger). Agnes, eine Art Fräulein Rottenmeier, haben sich Kahry und Greenberg ausgedacht, sie nimmt die Rolle des Erzählers ein. Ihr berichtet Charlotte nun, nach jahrzehntelangem Schweigen, von einem Ereignis, von „24 Stunden im Leben einer Frau“, die ihr Leben für immer verändert haben: Nach dem Tod ihres Mannes, der sie nie beachtet, ihr aber eine Geldsumme hinterlassen hat, beschloss Charlotte, zum ersten Mal in ihrem Leben unvernünftig zu sein und an die Riviera zu reisen. Dort hat sie eine kurze, heftige Begegnung mit einem wesentlich jüngeren Mann (Nils Artzberger). Der Mann, ein Spieler, verliert Charlottes ganzes Geld beim Roulette und bringt sich danach um. Charlotte aber hat zum ersten Mal in ihrem Leben Liebe empfunden und sich als Frau wertgeschätzt gefühlt. Er, stürmisch wie ein junger Hund, hat ihr, der zögernden, immer brav Gewesenen, „mehr gegeben als er sie gekostet hat.“

In Reichenau wird man deutlicher

Wie ein gealtertes Mädchen, unvernünftig mit Zigarette und, gegen den Willen ihrer Gouvernanten-Schwester, bei einem Glas Vermouth, erinnert sie sich jetzt an diese lang zurückliegende Episode.
Was genau zwischen dem jungen Spieler und der vom Schicksal gestreiften, immer noch schönen Frau damals passierte, deutet Zweig nur an. „Was in jenem Zimmer, was in jener Nacht geschah, ersparen Sie mir zu erzählen; ich selbst habe keine Sekunde dieser Nacht vergessen und will sie auch niemals vergessen.“ In Reichenau wird man deutlicher. Die beiden gehen einander an die Wäsche. Jugendfrei dezent kommt dann die Pause.
Erwähnt werden muss, neben dem schlauen Bühnenbild (Alena Hoffmann), der großartige Einsatz von Licht (Marcus Loran): Hier wird mit sparsamen Mitteln viel erreicht. Abgetragene Riesenkoffer werden mit wenigen Handgriffen zum Hotelzimmer, zum Spielkasino oder zur Bahnhofswartehalle, das Licht ist mehr als Effekt, es schafft Räume und deutet Zeitreisen an.  

Heimweh nach dem Traurigsein

Viel psychologisiert wird in diesen 110 Minuten nicht, muss es auch nicht, eine Zigarette und die Erinnerung an eine Nacht, in der was auch immer geschah, genügt. Dass hier weniger Zweig und mehr Show zu sehen sind, ist im Übrigen kein Fehler. Bei Zweig heißt Charlotte „Mrs. C.“ und ist am Ende „wie ein Mädchen“, verwirrt von Erinnerungen und beschämt von dem eigenen Geständnis“. Kahry und Greenberg trauen ihr mehr Lebensklugheit zu. Sie weiß, dass das Glück eine Frage von Augenblicken ist, die nur in der Erinnerung festzuhalten sind. „ (…) denn wenn ich gar zu glücklich wär, hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein“, heißt es schließlich in dem hier so trefflich platzierten Friedrich Hollaender-Chanson. 

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