Kultur
10.11.2018

Dornhelm über "Liebermann"-Verfilmung: Freud spielt eine Nebenrolle

Der Regisseur über seine Filmreihe rund um die Wiener Jahrhundertwende und unliebsame Deja-Vus. Von Gabriele Flossmann.

Vienna Blood“ lautet der Arbeitstitel eines Films, den Robert Dornhelm gerade in Wien dreht. Statt Walzertakt wird handfeste Spannung geboten. Es geht um Mord, Dekadenz und Geisterbeschwörung im Wien der Jahrhundertwende. Der Tod von Charlotte Löwenstein, eines jungen, schönen Mediums, gibt Rätsel auf. Schon bald häufen sich die Indizien, dass hinter den Mysterien ein Serienmörder steht.

Das Drehbuch basiert auf einer Krimireihe des Londoner Psychiaters Frank Tallis, der sich bei seinen Recherchen nicht von Wien-Klischees betören ließ, sondern von Schilderungen der Donaumetropole, wie man sie bei Doderer, Schnitzler und Altenberg nachlesen kann. Gezeigt wird die Kehrseite der Mehlspeisen- und Walzer-Seligkeit, die geprägt ist von den neuen Erkenntnissen der Psychoanalyse.

Ermittlerpaar

Im Mittelpunkt steht ein höchst originelles Ermittlerpaar: Der Polizist Oskar Rheinhardt, gespielt von Juergen Maurer, und der junge Arzt Max Liebermann, ein Student von Sigmund Freud, der sich bei seinen Ermittlungen der noch jungen Psychoanalyse bedient. Er wird vom jungen, britischen Schauspieler Matthew Beard verkörpert. Da der Film in englischer Sprache gedreht wird und das Jahrhundertwende-Wien samt Klimt, Schiele und Sigmund Freud gerade „in“ ist, eignet sich der Stoff gut, um den international zunehmenden Serienboom zu bedienen. Geplant sind vorerst einmal drei Teile der Liebermann-Reihe, die als Koproduktion von ORF, ZDF und der BBC entsteht.

KURIER: Gibt da vonseiten der Produzenten Begehrlichkeiten, dass Sie mit Ihrem Film auf ein internationales Publikum zielen, damit die Krimi-Reihe weltweit verkauft und nach Möglichkeit auch noch mehrere Fortsetzungen bekommen kann?

Robert Dornhelm: Nein, das würde mich eher erschrecken. Mit gefräßigen Produzenten und Verleihern arbeite ich ungern zusammen, weil sie zu Begehrlichkeiten neigen, die einer kreativen Arbeit eher abträglich sind. Die wollen meist „more of the same“, dass man stilistisch Wege geht, die bereits bewährt und entsprechend abgetreten sind. Ich würde es auch für eine Zumutung halten, wenn man von Regisseuren, die nach mir an einer Serie weiterdrehen, verlangt, dass sie kopieren sollen, was ich vorgegeben habe.

Es wird in Wien bald noch eine weitere, internationale Serie gedreht, in der Freud als Ermittler vorkommt. Regie wird dabei Marvin Kren führen. Bei Ihnen ist Freud nur eine Nebenfigur. Hätten Sie gern mehr von dem berühmten Psychiater in Ihrem Film gehabt?

Ich bin froh, dass Freud bei mir nur eine Nebenrolle ist. Denn es gibt für mich ein paar Figuren in der Geschichte – wie Churchill, Stalin, Hitler, Einstein und eben auch Sigmund Freud –, die schon zu ihren Lebzeiten das waren, was man „larger than life“ nennt. Von denen halte ich als Regisseur lieber Abstand. Das klingt vielleicht komisch, weil ich ja schon viele historische Stoffe umgesetzt habe – wie zuletzt „Maria Theresia“. Aber bei den genannten Figuren hat das Publikum schon vorgefertigte Bilder im Kopf. Charlie Chaplin gehört übrigens auch zu diesen „übergroßen“ Figuren, aber für ihn wüsste ich einen geeigneten Darsteller: Juergen Maurer. Er hält uns in den Drehpausen mit seinen großartigen, chaplinesken Slapstick-Einlagen bei Laune.

Es vermittelt sich das Gefühl, dass Sie den Stoff aus einer sehr zeitgenössischen Perspektive sehen.

Es ist für mich auch ein beklemmender Déjà-vu-Effekt, wenn ich im heutigen Wien Szenen drehe, in denen der politische Opportunismus, der skrupellose Populismus und die antisemitischen Ressentiments der damaligen Zeit spürbar werden. Es ist bedrückend, dass sich gewisse Teile der Geschichte doch wiederholen können. Womit ich aber nicht – oder nicht nur – Österreich kritisieren will, weil man diese rechten Tendenzen ja in der ganzen Welt beobachten kann. Von Donald Trump will ich da erst gar nicht reden.