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Kultur Zugabe
09/20/2018

Regisseur Kren über ORF-Netflix-Serie "Freud": "Österreicher sind mutiger"

Marvin Kren dreht mit „Freud“ die erste Serienkoproduktion von ORF und Netflix. Im Interview spricht er über Kino, Serien – und Hypnose. Von Gabriele Flossmann.

Seit einiger Zeit schon arbeitet die österreichische Satel-Film gemeinsam mit der deutschen Produktionsfirma Bavaria Fiction an der mit Spannung erwarteten Thriller-Serie „ Freud“. Der Plot dreht sich rund um den jungen Sigmund Freud, der als Kriminalpsychologe einen sadistischen Serienmörder in Wien zu Beginn des Fin de Siécle aufspüren soll. Mit im Bunde sind der ORF und Netflix: Der ORF wird die Serie exklusiv in Österreich zeigen wird, in Deutschland und voraussichtlich auch im Rest der Welt übernimmt Netflix. Für Netflix ist „Freud“ die erste Koproduktion mit dem ORF. Die Fertigstellung ist für das kommende Jahr geplant. Regie führen wird Marvin Kren, der mit durchschlagenden Erfolgen wie „Mordkommission Berlin 1“ und „4 Blocks“ als Top-Regisseur und Serienspezialist gilt.

Die Popularität von TV-Serien hatte schon „Der Name der Rose“-Autor Umberto Eco vorausgesehen. Für ihn ging der Publikums-Wunsch nach immer wiederkehrenden Begegnungen mit Bekanntem und Vertrautem einher mit der Sehnsucht nach Stabilität in Zeiten wirtschaftlicher, sozialer und politischer Unsicherheiten. Sehen Sie das auch so?

Umberto Eco hat da offenbar etwas vorausgesehen, das man heute mit dem Slogan „netflix and chill“ bezeichnet. Das ist ein Ausdruck einer Generation, die wesentlich jünger ist als ich. Das Anschauen von Netflix-Serien hat vielleicht wirklich eine beruhigende Wirkung. Vor allem, weil sie nicht, wie die herkömmlichen Fernsehprogramme, von Nachrichten unterbrochen werden. Das heißt die Konsumenten – meist sind das junge Leute – könnten sich mehrere Folgen hindurch in Fiktionen einschließen, ohne sich mit dem auseinandersetzen zu müssen, was „draußen“ in der Welt passiert. Die Zahl der Serien nimmt auf jeden Fall zu und das Gleiche gilt für die Anbieter. Die Nachfrage ist also da. Es mag schon sein, dass diese Blase irgendwann explodiert, aber nicht so bald. Noch wächst die Serienindustrie.

Der Entschluss der Filmfestspiele von Venedig, anders als Cannes auch Produktionen von Netflix und Amazon im Wettbewerbsprogramm zu akzeptieren, haben den Diskurs Kino versus Streaming-Anbieter weiter angeheizt. Wie stehen Sie dazu?

Die Angst vor dem „Fremden“ kann man überall beobachten. Und Netflix und Amazon verkörpern dieses „Fremde“ für viele, die sich schützend vor das Kino stellen wollen. Aber etwas so Dynamisches wie die Streaming-Dienste kann man auf Dauer kaum verhindern. Ein Aufeinander-Zugehen wäre die bessere Strategie.

Sehr oft wird die Gefährdung des Kinofilms als Kunstform ins Spiel gebracht. Sie arbeiten für beide Medien. Arbeitet der Regisseur Marvin Kren anders fürs Kino als für Serien-Programme?

Es gibt natürlich Unterschiede. Im Kino hat man die vielzitierte „große Leinwand“, auf die das Publikum auf Dauer des Films fokussiert bleibt, und man kann und muss daher viel mehr mit visuellen Zeichen und Details arbeiten. Bei Serien muss man eine breite und vor allem gute Geschichte erzählen - mit vielen Wendungen und Höhepunkten. Nicht umsonst werden TV-Serien oft mit Literatur verglichen, mit Romanen, die einen langen Spannungsbogen halten. Wenn man – wie ich – beides machen will, gerät man leicht in Konflikt. Wenn ich eine Serie drehe, muss ich den Kino-Marvin Kren in mir immer wieder zurückpfeifen, damit er nicht visuelle Anforderungen stellt, die im TV-Format gar nicht umsetzbar und auch nicht sinnvoll wären, weil sie vom großen Erzählstrom ablenken würden. Aber auch bei einer Serie bleibt immer die Ambition, dass die einzelnen Folgen auch im Kino bestehen könnten.

Sind Sie als Zuschauer von Serien eher ein „Binge Watcher“ oder konsumieren sie die Folgen lieber einzeln?

Ich bin so etwas wie ein halber „Binge Watcher“. Mehr als drei Folgen sollte man meiner Meinung nach nicht anschauen, weil sich sonst die Aufmerksamkeit verklebt – was bei einer gut gemachten Serie schade wäre. Einen anspruchsvollen Roman sollte man ja auch nicht querlesen und Seiten überblättern, nur um schnell zum Ende zu kommen.

Ihren Dreharbeiten zur Serie „4 Blocks“ sind sehr genaue Milieu-Studien vorausgegangen. Jetzt bereiten Sie gerade eine „Freud“-Serie vor, die in Wien zur Zeit des Fin de Siècle spielt. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Die Arbeit an „4 Blocks“ war für mich in vieler Hinsicht spannend. Als Cineast bin ich total geprägt von den klassischen Mafia-Filmen und wollte daher unbedingt selbst einmal so etwas machen. Aber ich bin auch ein leidenschaftlicher Chronist meiner Zeit und gehe mit offenen Augen durch die Welt. Es war interessant und auch schockierend zugleich, in diese Art von Parallel-Gesellschaft einzutauchen, mich mit diesen Menschen auseinanderzusetzen, um eine wirklich authentische Serie zu machen. Auf diese Art ins Verbrechermilieu einzusteigen war für mich als Filmemacher wirklich eine düstere Angelegenheit.  Die Serie hat viel abverlangt von mir.

Ist das „Freud“-Projekt dann quasi so etwas wie Rückzug auf die Psychiater-Couch? Wie intensiv haben Sie für „FreudWien um die Jahrhundertwende studiert?

Freud“ ist so etwas wie eine logische Folge von „4 Blocks“. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Gewalt, Drogen und Triebe, sondern um die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Triebhaften im Menschen. Woher kommt der Aggressionstrieb und was löst ihn aus? Wie hängt er mit der Unterdrückung des Sexualtriebes zusammen? Unsere „Freud“-Serie soll keine wissenschaftliche Abhandlung werden, sondern ein spannender Thriller. Und da ich eher ein sinnlicher und emotionaler Regisseur bin, ist mir klar, dass ich das Publikum berühren muss. Dazu musste ich wissen, was es heißt therapiert oder hypnotisiert zu werden.

Heißt das, dass Sie sich für die Recherche selbst einer Hypnose unterzogen haben?

Ja. Ich war bei einem ganz tollen Hypnotiseur, Dr. Rios. Der Mann ist Südamerikaner, aber in Wien sozialisiert und er verbindet Psychotherapie mit Hypnose. Jedenfalls hat er mich mit einer ganz eigenwilligen Methode hypnotisiert. In dem Moment, als es wirkte, konnte ich loslassen und ich habe erst einmal losgeheult. Ich hab’ geheult, geheult und geheult… Das hatte damit zu tun, dass ich in der letzten Zeit einige Schicksalsschläge zu verkraften hatte und den Schmerz aufgrund der vielen Arbeit nicht ausleben konnte. Dieses Loslassen können war für mich ein sehr wichtiger Moment, mich auf die Serie einzustimmen, weil ich plötzlich verstanden habe, welche Wirkung dieses mächtige Instrument von Sigmund Freud auf die Menschen hat. Die Hypnose war jedenfalls mein emotionaler Startschuss für diese Serie.

Sie neigen offenbar zum „Method-Directing“?

Nein, das ist eher der Respekt vor dem Sturm des Drehbeginns. Mein Ziel ist die möglichst perfekte Vorbereitung, um einer Legende wie Freud gerecht zu werden. Dieser Mann flößt mir Respekt ein, den ich allerdings während der Dreharbeiten ablegen muss, weil er mir sonst beim Inszenieren der Figur im Wege stehen würde. Aber ich möchte versuchen, meinen Hypnose-Blick ins Innere zu visualisieren und Bilder für das Unbewusste zu finden, die dann Lust machen sollen, die Serie anzuschauen. Von allen meinen bisherigen Projekten ist es definitiv das, was mir am meisten abverlangt.

War dieses Erlebnis für Sie auch so etwas wie ein Startschuss für Ihre Rückkehr nach Wien – nach vielen sehr intensiven Berufsjahren in Deutschland?

Ja! Diese Art von Rückkehr ist schon ein Geschenk! Aber die emotionale Rückkehr hat schon mit einem vorherigen Projekt begonnen – einem Burgenland-Teil der Landkrimi-Serie für den ORF.  Noch dazu durfte ich den mit meiner Mama (Anm.: die Schauspielerin Brigitte Kren) drehen. Das war ein schönes Willkommen. Diesen Landkrimi liebe ich besonders und ich bin wirklich stolz darauf – mehr noch als auf „4 Blocks". Nicht nur weil er in einer persönlich schwierigen Zeit entstanden ist und meine Mutter die Hauptrolle spielt.

Gibt es markante Unterschiede zwischen der deutschen und der österreichischen Art des Filme- und Serienmachens?

Die Frage nach unseren Gemeinsamkeiten und Differenzen beschäftigt mich, seit ich vor 15 Jahren nach Deutschland zog. An Deutschland liebe ich, dass man seine Chance bekommt, wenn man fleißig und talentiert ist. Es gibt nicht nur viel mehr Sender, sondern auch viel mehr Offenheit. Durch die diversen „Tatorte“ habe ich erst so richtig mein Handwerk als Filmemacher gelernt. Es gibt aber auch einen Aspekt, der für Österreich spricht: Ist man erstmal drin im System, dann kann man mit Redakteuren vom ORF etwas leichter Barrieren durchbrechen, weil sie eine Spur mutiger sind als ihre deutschen Kollegen.