Regisseur Konwitschny: "Die Trolle, das sind wir"

SALZBURGER FESTSPIELE - PK "DIE EROBERUNG VON MEXI
Foto: APA/BARBARA GINDL Der Regisseur Peter Konwitschny

Peter Konwitschny inszeniert Werner Egks "Peer Gynt".

Wenn Peter Konwitschny Regie führt, ist eines garantiert: Packendes, aufregendes, heutiges Musiktheater, das niemanden kalt lässt. Dies dürfte auch für die kommende Premiere im Theater an der Wien gelten, wo Konwitschny ab Freitag (17. Februar) seine Interpretation der Oper "Peer Gynt" des deutschen Komponisten Werner Egk (1901–1983) zeigt. Ein selten gespieltes Werk, das aber – so Konwitschny im KURIER-Gespräch – "zu Unrecht vergessen ist". Denn: "Diese Oper hat eine unglaubliche Qualität, in musikalischer und in textlicher Hinsicht. Egk war ja hier auch sein eigener Librettist."

Warum aber ist Egks 1938 in Berlin uraufgeführte Ibsen-Vertonung dann so selten zu sehen? Peter Konwitschny hat dafür eine Erklärung: "Werner Egk ist es während der NS-Zeit ja ziemlich gut gegangen. Hitler und Goebbels waren von ,Peer Gynt‘ begeistert. Und Egk stand ab 1944 auch auf der Liste der sogenannten ,Gottbegnadeten‘. Hitlers und Goebbels Vorliebe für ,Peer Gynt‘ sind insofern beachtlich, weil Egk in seiner Musik bewusst auch auf Charleston oder Tango setzt, sich stilistisch in der Nähe von Kurt Weill befindet. Eine Musik also, die von den Nationalsozialisten im besten Fall als ,minderwertig‘, wenn nicht gar als ,entartet‘ angesehen wurde." Aber, so Konwitschny weiter: "Vielleicht hat sich Hitler in der Figur des unsteten Peer, der die Welt erobern will, selbst gesehen."

Kein Kasperltheater

Wird Konwitschny, dessen Vater Franz als Dirigent selbst noch mit Egk zusammengearbeitet hat, in seiner Interpretation der Oper auf die Historie Bezug nehmen? "Nein, das wäre viel zu billig. Mich interessieren hier ganz andere Dinge. Wer ist Gynt, wer ist Solveig, die so geduldig auf ihn wartet? Wer sind die Trolle, die Gynt zusetzen? Das waren die entscheidenden Fragen. Wir sind dann sehr bald zu der Erkenntnis gekommen, dass man viel entmystifizieren muss. Trolle als Trolle auf der Bühne – das geht nicht. Wir machen ja kein Kasperltheater für Erwachsene. In meiner Deutung sind die Trolle daher Menschen, die nur mehr auf ihren Konsum bedacht sind. Die Trolle, das sind wir. Und der Ort der Handlung ist somit konsequenterweise ein Kaufhaus."

Ein Kreislauf

Was Konwitschny, der im Theater an der Wien zuletzt mit seinen Inszenierungen von Giuseppe Verdis "Attila" und "La Traviata" für Furore gesorgt hat, noch interessiert? "Die Figur der Solveig, die Gynt alles vergibt. Peer Gynt kann sich noch so sehr schuldig machen, er erfährt immer Gnade. Solveig ist daher fast mit unserer Mutter Erde zu vergleichen, der wir Menschen in unserem ewigen Kreislauf aus Schuld und Sühne so viel Gewalt antun. Bis jetzt hat uns die Erde das immer wieder verziehen. Doch das muss nicht so bleiben." Und: "Außerdem ist Solveig natürlich das Wunschbild jedes Mannes. Gynt steht ja zwischen ihr und der ,Rothaarigen‘, also zwischen den Antipoden von Heiliger und Hure. Bei uns singt daher Maria Bengtsson an der Seite des von Bo Skovhus gestalteten Gynt beide Partien. Perückenwechsel inklusive."

Ein Augenzwinkern

Wird es aber zuletzt eine Art Happy-End geben? Konwitschny lacht: "Wenn, dann eines mit Augenzwinkern. Ich überlasse es den Zusehern – wie in all meinen Arbeiten – die ganze Geschichte weiterzudenken", so der von Fachjurys mehrfach zum "Regisseur des Jahres" gekürte Künstler. Nachsatz: "Auf diese Art kann das Theater vielleicht wieder ins Leben zurückwirken. Das versuche ich ja mit jeder meiner Inszenierungen zu erreichen."

Und welche Pläne hat Konwitschny für die Zeit nach "Peer Gynt" und dem Theater an der Wien? "Ich werde ,Penthesilea‘ von Othmar Schoeck machen, denn auch dieses Stück ist zu Unrecht von den Spielplänen verschwunden. Dann kommt mit ,Medea‘ von Luigi Cherubini eine zweite, starke Frau auf mich zu. Außerdem warten,"Die Hugenotten‘ von Giacomo Meyerbeer auf mich. Und in Bratislava ist bereits ab 7. April meine Interpretation von Jacques Fromental Halévys ,La Juive‘ zu sehen." Lachend: "Da kann ich wieder ein paar konservative Wiener ärgern. Aber im Ernst: Gerade ,La Juive‘ hat in unserer Zeit aufgrund ihrer Glaubensthematik leider eine Aktualität erfahren, die so keiner erwartet hätte. Aber zuvor schauen wir noch, wie sich unser Gynt so durch die Welt schlägt."

(kurier) Erstellt am
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