Junge Frauen in ihren privaten Gemächern

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Foto: Rania Matar

Rania Matar - eine amerikanische Fotografin mit libanesischen Wurzeln - porträtiert junge Frauen in ihrem Schlafzimmer.

Poster an der Wand, Chaos auf dem Schminktisch oder doch pedantische Ordnung: Die Schlafzimmer junger Frauen sind so unterschiedlich wie die Frauen selbst. Die Fotografin Rania Matar durfte in das Heiligtum vieler Teenager eindringen und die Mädchen dort porträtieren, wo sie sich am wohlsten und sichersten fühlen - in ihren eigenen vier Wänden. Die Amerikanerin mit den libanesischen Wurzeln beschränkte sich dabei für die Serie "A Girl and Her Room" nicht nur auf ihre neue Heimat, sondern lichtete auch junge Frauen im Libanon ab.

Entstanden ist dabei eine sehenswerte Fotoserie, die zwei unterschiedlichste Welten vereint und dabei zeigt, dass sie im privaten Bereich doch nicht so unterschiedlich sind.

Die Fotoserie "A Girl and Her Room" von Rania Matar

Shannon, Boston Massachusetts, 2010 Christilla, Rabieh Lebanon, 2010 Stephanie, Beirut Lebanon, 2010 Lilly, Brookline Massachusetts, 2009 Ellice, Boston Massachusetts, 2010 Jess, Jamaica Plain Massachusetts, 2011 Danielle, Jamaica Plain Massachusetts, 2011 Hiba, Shatila Refugee Camp, Beirut Lebanon, 2010 Mimi, Winchester Massachusetts, 2011 Becca, Winchester Massachusetts, 2011 Maddie-Chloe, Cornwall New York, 2010 Rocio, Dorchester Massachusetts, 2010 Izzy, Brookline Massachusetts, 2011 Anna, Winchester Massachusetts, 2009 Siena, Brookline Massachusetts, 2009 Jessica, Rabieh Lebanon, 2010 Brittany, Boston Massachusetts, 2010 Bisan, Bethlehem, West Bank, 2009 Reem, Doha Heights, Lebanon, 2010 Emma, Brookline Massachusetts, 2009

Interview

Rania Matar

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Foto: Rania Matar

KURIER: Was war die Inspiration für die "A Girl And Her Room"-Serie?
Rania Matar: Das war meine ältere Tochter, als sie 15 war. Ich sah, wie sie sich vor meinen Augen verwandelte - vom Kind zur Frau. Diese Transformation faszinierte mich. Eine erwachsene Persönlichkeit und Selbstbewusstsein ersetzte nun die unbeschwerte Welt, die sie kannte. Ich fotografierte sie und ihre Freunde und erkannte schnell, wie sehr sie sich gegenseitig beeinflussen. Dann kam die Idee, jedes Mädchen alleine zu fotografieren. Ursprünglich ließ ich sie entscheiden, wo sie fotografiert werden wollten. Viele wählten ihr Schlafzimmer und ich merkte, dass das der Nexus des Projekts ist. Das eigene Zimmer war eine Metapher, eine "Erweiterung" des Mädchens - auch das Mädchen selbst schien ein Teil des Raumes zu sein.

Was ist die Botschaft dahinter?
Es gibt keine wirkliche Botschaft dahinter. Für mich war es entscheidend, die Mädchen allein in ihrem "Kokon", ohne den Zwängen der Außenwelt, zu porträtieren. Ich habe versucht, die reale Person in ihrem privaten Raum zu entdecken. Die Arbeit gab mir die Möglichkeit, einen einzigartigen Einblick in ihr Privatleben und ihr wahres Ich zu erhaschen. Die Schönheit und Stärke, die Sehnsüchte und Träume der Mädchen aus verschiedenen Welten zu erleben.

Wo haben Sie ihre Modelle gefunden?
Am Anfang fotografierte ich meine Töchter und ihre Freunde. Dann begann ich Mädchen auf der Straße, im Supermarkt oder sonst wo zu fragen. Ich erzählte ihnen von meinem Projekt und habe ihnen den Link zu meiner Website und zur Beschreibung des Projekts geschickt. Die meisten wollten dann direkt mitmachen, erzählten es ihren Freunden und so wurden es immer mehr. Ich genoss es neue Mädchen zu entdecken und baute mit ihnen eine Fotografen/Model-Beziehung auf - ohne jegliche Erwartung beiderseits. Das erlaubte es mir, junge Frauen aus verschiedensten sozialen Schichten und Welten zu treffen.

Wie war die Reaktion? Gab es eine Kontroverse?
Das Projekt scheint bei erwachsenen Frauen Erinnerungen an ihre Jugend auszulösen. Das passierte auch mir auf eine seltsame Weise, weshalb ich mich auch entschieden habe, Mädchen aus dem Libanon mit einzubeziehen. Es scheint, dass sich die meisten Frauen mit den Fotos identifizieren können - entweder weil sie sich selbst wiedererkennen oder weil sie Töchter in diesem Alter haben. Ich hatte dieses Feedback nicht erwartet, aber es bestätigte mich in der Arbeit. Ich war auch sehr beeindruckt von den beiden Essays im Buch von Anne Tucker und Susan Minot, die ihre persönlichen Erfahrungen niederschrieben.

Männer hingegen scheinen etwas anderes darin zu suchen. Ich denke viele glauben, dass es nur voyeuristisch ist. Ich höre dann oft Bemerkungen wie: "Jungs haben nicht die gleiche Beziehung zu ihren Zimmern." Zum größten Teil fand ich, dass Männer von den Bildern, den Mädchen und ihren Räumen, fasziniert waren aber gleichzeitig gibt es da auch eine Mischung aus Unbehagen, Ehrfurcht und Neugier, wenn sie die Fotos betrachteten.

Wann haben Sie Ihre Karriere als Fotografin begonnen? Was ist Ihre Geschichte?
Ich bin seit dem Jahr 2000 Fotografin. Vorher studierte ich Architektur und arbeitete auch in diesem Beruf. Während dem Studium habe ich viele Kunstkurse einschließlich Malerei, Zeichnen und Druck absolviert - aber nichts zu Fotografie. Ich stand zwar gern hinter der Kamera, aber nur privat. Ab dem Jahr 2000 nahm ich dann an vielen Workshops an der New England School of Photography teil und verliebte mich in das Medium. Ich liebte es, in der Dunkelkammer zu stehen und zu sehen, wie die Bilder zum Leben erwachten. Ich fotografierte ursprünglich meine Kinder und porträtierte sie. Ebenfalls Stillleben und Akte, während ich noch als Architektin arbeitete. 2002 war ich im Libanon und ging mit meinem Cousin in ein palästinensisches Flüchtlingslager. Es war ein Schock für mich zu sehen, wie die Menschen lebten und das so nahe an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin und ich trotzdem keine Ahnung davon hatte. Ich begann dann diese Menschen in den Lagern zu fotografieren und verliebte mich in die Fähigkeit, eine Geschichte mit Fotos zu erzählen, das Leben zu erfassen und die Schönheit dieser banalen Momente des Lebens dauerhaft in ein Bild "einzufrieren".
Es gab mir ein gutes Gefühl und ich arbeitete nie mehr als Architektin. Ich wusste, dass dies meine Ausbildung, die Liebe zur Kunst und Malerei, mein Sein als Frau und Mutter, das Aufwachsen während des Krieges im Libanon und mein jetziges Leben in den USA kombinierte und mich erst vervollständigte.

FragWürdig

Eine Regel im Leben, an die ich mich halte:
Sei freundlich zu jedermann. Jeder hat eine Geschichte und versucht sein Bestes, um den Weg durchs Leben zu finden, genau wie der Rest von uns.

Zwei Entscheidungen, die ich bereue:
Ich bereue nichts. Ich fühle, dass Fehler und schlechte Entscheidungen die besten Lernmittel sind und für Bewegung sorgen. Ich versuche mich immer zu bewegen und sehe auch die Kehrseite einer schlechten Entscheidung - vielleicht habe ich nicht wirklich schlechte gemacht.

Drei Sachen, an die ich glaube:
Leidenschaft, Liebe, Humor

Vier Dinge, für die es sich zu leben lohnt:
Ich habe 4 Kinder im Teenageralter - sie sind das, worauf ich am meisten stolz bin.

Fünf Dinge, die man über mich wissen sollte:
Meine Arbeit wird durch die einfachen schönen Momente des täglichen Lebens inspiriert.
Ich liebe es hart zu arbeiten und Spaß zu haben (die Grenze verschwimmt dabei).
Ich funktioniere immer mit 200 Meilen pro Stunde und ich bin noch immer in Eile.
Mein Tag wäre nicht komplett, wenn er nicht mit einem heißen Espresso startet und mit einem kühlen Pinot Grigio endet.

Video

"A Girl and Her Room"-Vernissage (Englisch & Arabisch)

Links

Mehr zu Rania Matar unter

Rania Matar: www.raniamatar.com

Rania Matar auf Facebook: www.facebook.com/Rania.Matar.Photography

A Girl and Her Room: girlroom.raniamatar.com

(KURIER) Erstellt am
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