Moldawien, das Land ohne Eltern

Andrea Diefenbach
Foto: Andrea Diefenbach Olga lebt mit ihren beiden jüngeren Schwestern allein in dem Gebäude einer alten Kolchose im Südosten von Moldau. Im Juni 2007 ist ihre Mutter Tanja nach Italien ausgewandert.

Die Eltern emigrieren auf der Suche nach Arbeit ins Ausland - ihre Kinder müssen sie zurücklassen. Ein berührender Bildband über die zerrissenen Familien Moldawiens.

Moldawien ist eines der ärmsten Länder Europas. Eine Arbeitslosenquote von 80 Prozent lässt dort vielen Menschen keine andere Wahl. Auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen sie ihre Heimat, um in Westeuropa als billige Arbeitskräfte zu arbeiten. Italien, aber auch Österreich heißen die Ziele. Eine Million Menschen haben die alte Sowjetrepublik bereits verlassen. Das ist ein Viertel der Bevölkerung. Zurückgeblieben sind 250.000 Kinder. Sozialwaisen. Eine ganze Generation ohne Eltern.

Die deutsche Fotografin Andrea Diefenbach hat die verlassenen Dörfer Moldawiens besucht. Einfühlsam und mit einfachen Mitteln erzählt sie in ihrem Bildband "Land ohne Eltern" diese traurige Geschichte:

In "Land ohne Eltern" bekommen solche Bilder eine neue Bedeutung. Statt süßer Erinnerungen stehen sie für die schmerzvolle Trennung der Eltern von ihren Kindern. Dieses Foto zeigt die kleine Ottilia. Ihre Eltern emigrierten nach Italien, zahlten 4.000 Euro an einen Schlepper. Erst nach fünf Jahren gelang es ihnen eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und ihre Tochter in die neue Heimat nachzuholen. Wenn die Eltern weg sind, müssen die Großeltern einspringen. Großmutter Iwanowa etwa zog für die Zeit, die ihre Enkel Catalina und Viktor alleine gewesen wären zu ihnen. Mit dem Idyll der Großfamilie hat das jedoch nichts zu tun. Die traditionellen moldawischen Familienstrukturen zerbröckeln, schreibt Diefenbachs Co-Autorin Nicola Abé. Die Bilder sprechen für sich. Erst auf den letzten Seiten von "Land ohne Eltern" hat Andrea Diefenbach kurze Protokolle zu den Bildern angefügt. So wie zu diesem Bild, das Aliona und Wanja zeigt. Ihr Handy ist die einzige Verbindung zu ihren Kindern. Wanja arbeitet als Saisonarbeiter auf den italienischen Melonenfeldern. Mit den 6.000 Euro Lohn für seine erste Saison musste er die Schulden begleichen, die er gemacht hatte, um nach Italien zu kommen. Als sie achte Jahre alt war, ging die Mutter von Carolina nach Italien. Ein besseres Leben wollte sie ihren drei kleinen Mädchen bieten. Zurück blieb Carolina mit ihren beiden Schwestern - die sich anfangs selbst versorgen mussten. "Sie verhalten sich äußerlich wie kleine Erwachsene", wird eine Psychologin der Internationalen Organisation für Migration zu solchen Fällen im Bildband zitiert. Im Ausland verdingen sich die Mütter und Väter aus Moldawien als Hilfskräfte, arbeiten als Reinigungskraft oder Haushaltshilfe - meist illegal. Hier putzt Lilia eine Vitrine in Italien. Sie und ihr Mann Georgiu verschuldeten sich in ihrem moldawischen Heimatdorf hoch, um die Schlepper nach Italien bezahlen zu können. Andrea Diefenbach blickt in ihren Bildern tief - ohne dabei plakativ zu werden. In nur einem Bild verdeutlicht sie mit einem Gespür für kleine Details die verborgenen Geschichten dahinter. "Als ich im April 2008 in der ersten Klasse der Schule eines kleinen Dorfs im Südosten der Republik Moldau stand, wo die Lehrerin fragte, 'Wessen Eltern leben in Italien?' und etwa zwei Drittel der Kinder mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit aufzeigten, war ich erschrocken." "Es ist etwas völlig anderes, all die Statistiken über Arbeitsmigranten und Rücküberweisungen zu lesen, als in einem kalten Klassenraum vor 30 Sechsjährigen mit Wollmützen zu stehen und zu wissen: Diese Kinder haben ihre Eltern oft seit Jahren nicht gesehen...", ist im Pressetext zu Diefenbachs bewegendem Bildband zu lesen. "Land ohne Eltern". Erschienen im Kehrerverlag. Festeinband // 23 x 20 cm // 124 Seiten - 72 Farbabb. // 39,90 Euro

Zerrissene Familien

Ein kleines Baby, einsam im verlassenen Bett der Eltern. Das Bild des zurückgelassenen Kindes, eingerahmt auf einem kleinen Tischchen. Es sind Ausschnitte aus dem Alltag in den Dörfern Moldawiens, die Andrea Diefenbach zeigt. Mit einem besonderen Blick für Details macht die deutsche Fotografin in "Land ohne Eltern" die Distanz geradezu schmerzhaft spürbar. Einfühlsam dokumentiert sie die Lage in der Republik Moldau, wie der kleine Staat im Südosten Europas seit seiner Unabhängigkeit 1991 offiziell heißt:
Bei einem Durchschnittseinkommen von 200 Euro monatlich sind selbst die kargen Löhne, die sie meist illegal als Pflegerin, Haushaltshilfen oder Erntearbeiter im Ausland verdienen verlockend. Doch der Preis, den sie für den relativen Wohlstand bezahlen müssen, ist hoch: Die Familien sind oft jahrelang voneinander getrennt. Es ist geradezu paradox: Um den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, müssen die Eltern sie verlassen. Dazu kommt, dass in den ersten Jahren oft Schulden zurückgezahlt werden müssen. Schlepper verlangen 4.000 Euro, um die illegalen Einwanderer sicher über die Grenze bringen zu können.

Für ihren Bildband, der Ende 2012 erschien, wurde Diefenbach mit dem Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung ausgezeichnet.

Auch ORF-Redakteur Ed Moschitz widmete sich in "Mama Illégal", seiner ersten Dokumentation in Spielfilmlänge, der trostlosen Situation im Armenhaus Europas. Der Film war im Oktober vergangenen Jahres in den heimischen Kinos zu sehen.

Zur Person

Andrea Diefenbach

Andrea Diefenbach (*1974) arbeitet seit dem Studium an der FH Bielefeld als freie Fotografin und hat unter anderem in Brigitte, Brand Eins, Geo, stern, Neon, Die Zeit, SZ-Magazin, Du veröffentlicht. "Land ohne Eltern" wurde mit mit dem Dokumentarfotografie-Förderpreis der Wüstenrot Stiftung ausgezeichnet. Es ist ihr zweites Buch nach "SPID. Aids in Odessa" (2008).

Weiterführende Links:
Andrea Diefenbach
Kehrer Verlag

Mama Illégal

Der Trailer zur Dokumentation von Ed Moschitz.

Im Kino: "Mama Illegal"

(KURIER) Erstellt am
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