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Analyse
01/20/2020

Radio: Ein wandelbarer Klangteppich und treuer Begleiter

Auch in Zeiten von Spotify und Co. gehört das Radiohören noch immer zum Alltag. Geändert hat sich oft nur das Empfangsgerät. Der KURIER hat genauer hingehört.

von Marco Weise

Sagen Sie mir, welchen Radiosender Sie hören, und ich sage Ihnen, wer Sie sind. So einfach ist die Rechnung natürlich nicht. Denn nur weil Sie Radio Schlagerparadies hören, kommen Sie nicht automatisch vom Land. Außerdem sind Geschmäcker und Hörgewohnheiten verschieden und wandelbar: Ist man „unlängst noch mit der FM4-„Morningshow“ oder dem Ö3-„Wecker“ aufgestanden, so bricht man heute längst mit Ö1 das Frühstückskipferl.

Das Thema Radio weckt Emotionen und persönliche Erinnerungen, die meist generationsspezifisch unterschiedlich sind. Seit den 70ern waren für viele Teenager die wöchentlich ausgestrahlten Charts absolute Höhepunkte des persönlichen Musikerlebnisses. Man saß hoch konzentriert zu Hause und bediente den Record-Knopf, um seine persönlichen Top Ten auf Musikkassette zu konservieren. Die besondere Herausforderung dabei: Die Songs vollständig ohne Nebengeräusche und Ansage des Moderators aufzuzeichnen, was natürlich nur selten gelang. Richtig ärgerlich wurde es, wenn ein Song vom Verkehrsfunk unterbrochen wurde: „Eine Geisterfahrermeldung für …“ Na geh!

Auswahl

Heute stehen die Charts bis zu sieben Tage lange im Internet zum Abruf bereit. Und das analoge Kassetten-Radio wurde weitgehend vom Digitalradio abgelöst, das alle Stückerln spielt, also auch Radiosender aus fernen Ländern empfangen kann. Trotz der vielen Auswahl bleiben viele aber „ihrem“ Sender treu.

„Das Radio gehört noch immer zum täglichen Gebrauchsmittel. Es bietet einem eine gewisse Sicherheit. Man weiß, was man bekommt – und manchmal wird man auch noch überrascht. Der Radio ist also der tägliche Begleiter, auf dem man sich verlassen kann“, sagt FM4-Senderchefin und ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger im KURIER-Interview (das Interview können Sie an dieser Stelle nachlesen).

Wie viele Radiogeräte in Österreich in Betrieb sind und wie viele jährlich neue gekauft werden, darüber gibt es zwar keine Daten, aber diese nun folgenden Zahlen sollen die flächendeckende Verbreitung des Mediums vor Augen führen: In Österreich gab es im Jahr 2018 fast fünf Millionen zugelassene Autos. So gut wie in jedem Auto ist als Grundausstattung ein Radio eingebaut. Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass in fast jedem der rund 3,9 Millionen Privathaushalte ein Radiogerät steht. Und auch via Smartphone oder Computer lässt sich Radio hören. „93 Prozent aller Österreicher werden zumindest einmal in der Woche mit Radio konfrontiert, als de facto jeder“, bringt es Joachim Feher, Geschäftsführer der österreichische Privatradiovermarkter (RMS Austria) auf den Punkt.

Nebenbei

Ob der Radiokonsum freiwillig oder unfreiwillig passiert (wie zum Beispiel beim Einkaufen) spielt dabei keine Rolle. Radio ist ohnehin ein Medium, das man meistens nebenbei konsumiert. Seine Aufmerksamkeitsanforderung ist gering und variabel. Man kann Radio in der Früh im Halbschlaf hören, neben dem Zähneputzen und beim Autofahren. In den seltensten Fällen setzt man sich hin und sagt, jetzt höre ich eine halbe Stunde bewusst Radio. „Radio hat den Vorteil, dass man daneben etwas anderes machen kann. Das Medium passt zu unserem immer vollen Terminkalender. Radio kann dich begleiten“, sagt Joachim Feher. Damit wurde das Radio zum Klangteppich, der mit dem Alltagsleben rund um die Uhr kompatibel ist. Das bedeutet aber auch: Nur weil der Apparat eingeschalten ist, heißt es nicht automatisch, dass auch jemand aufmerksam zuhört.

Stabile Lage

Das Radio passte sich stets an die veränderten Gesellschaftsstrukturen an. Man ging mit der Zeit und wurde vom technischen Fortschritt nicht überrollt. Damit blieb auch der Radiokonsum über die Jahre stabil, was der Radiotest jährlich bestätigt. Der durchschnittliche tägliche Radiokonsum liegt aktuell bei 195 Minuten pro Tag. Alleine die ORF-Radios werden noch immer täglich von fünf Millionen Menschen gehört. Die Marktanteile haben sich zuletzt etwas verschoben – zugunsten der Privatsender. Trotzdem dominieren nach wie vor die ORF-Sender mit 74 Prozent Anteil das Geschäft. Tendenz: sinkend. Denn Ende der 90er-Jahre hielten sie noch bei 80 Prozent Marktanteil. Und das, was die Öffentlich-Rechtlichen verlieren, gewinnen die Privaten – heuer erzielten sie zusammen 28 Prozent.

Mit den neuen Technologien sind keine Verbreitungswege weggefallen, sondern welche dazukommen. Seit der Einführung von LTE als neuer Mobilfunkstandard hat man überall die Möglichkeit, Radio zu hören. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Dazu kommt, dass Spotify, Amazon, Apple und andere Musik-Streamingangebote dem Radio weit weniger schaden, als man annehmen würde. „Musik-Konsum abseits des Radios hat es schon immer gegeben. Früher waren es halt Musikkassetten, Schallplatten, CDs, legale wie illegale Downloads. Wir haben zwar eine unglaublich große Auswahl an Musik, aber am Ende des Tages fallen vielen Menschen die immer gleichen Interpreten ein – es sei denn, man ist wirklich tief in das Thema Musik involviert. Das Radio kann einem da durchaus Neues liefern“, sagt Feher. Im Idealfall, muss man hinzufügen. Denn bei vielen Sendern ist da noch viel Luft nach oben. Die Inhalte, die sich professionell mit Musik abseits des Mainstreams auseinandersetzen, werden immer weniger: Stichwort: Formatradio.

Für Feher hat das mit der Größe des Marktes zu tun. „Ich sage es zwar nur ungern, aber Österreich ist ein kleines Land. Und als ein kleiner privater Sender muss ich schauen, wie ich meine Ausgaben wieder hereinbekomme. Radio finanziert sich über Werbung. Und die Werbewirtschaft will Reichweite. Dadurch tendieren alle dazu, sich an der Masse zu orientieren und das führt zu ähnlichen Formaten“, sagt Feher. Aber Nischensender für eine spezielle Hörerschaft sind nur einen Knopfdruck oder einen Befehl entfernt: „Alexa, öffne den Radioplayer und spiele Jazz FM“. Und das in vielen Smart Speakern eingebaute Sprachservice von Amazon erfüllt einem den Wunsch. Mit dieser Technologie kehrt das Radio in einer neuen Form in die Haushalte zurück. „Das Küchenradio des Jahres 2020 ist mit dem Internet verbunden und dient nicht nur als klassischen Abspielgerät, sondern kann auch Rezepte vorlesen“, sagt Feher.

Künstliche Intelligenz

Mit Apps für das Smartphone oder Tablett und via Spotify abrufbare Podcasts reagierten viele Radiosender bereits auf den Trend des zeitunabhängiges Hörens. Serviceorientierte Formate, Reportagen und Schwerpunkte, die volle Aufmerksamkeit verlangen, können somit mehrere Tage on demand nachgehört werden. In ferner Zukunft könnte auch künstliche Intelligenz eine Rolle spielen. Soll heißen: „Der Moderator ist digitalisiert, spricht nicht mehr live, sondern individualisiert – abgestimmt auf die jeweilige Nutzungssituation des Hörers in Kombination mit der richtigen Musik für den jeweiligen Hörer. Aber so schnell wird das nicht kommen“, sagt Feher.

Der KURIER-Radiotest

Der im Juli 2019 veröffentlichte Radiotest für den Zeitraum 2018/2019 kam zum Ergebnis, dass hierzulande wieder (ein bisschen) mehr Radio gehört wurde. Die Radionutzungszeit stieg von 174 Minuten im Vergleichszeitraum auf 195 Minuten pro Tag. Reichweitenstärkster Sender montags bis sonntags ist bei der Gesamtzielgruppe (ab zehn Jahren) österreichweit einmal mehr Ö3, der seine Reichweite von 31,8 im Vergleichszeitraum auf 32,9 Prozent steigern konnte. Der größte bundesweite Privat-Konkurrent Kronehit kam auf 10,9 nach 10,7 Prozent, Ö1 erreichte 9 Prozent (nach 8,5), FM4 blieb konstant bei 3,3 Prozent. Die Regionalsender des ORF erzielten österreichweit 29,4 Prozent (27,3).

Was hat das UKW-Spektrum von 87,6 bis 107,9 MHz zu bieten?
Der KURIER hat den Sendesuchlauf   gestartet und das Radioangebot  genauer unter die Lupe genommen (siehe unten). Per Losverfahren wurde den vorab ausgewählten Kritikern und Kritikerinnen (quer durch die KURIER-Redaktion) ein Radiosender zugeteilt – auf das  persönliche  Hörverhalten wurde dabei keine Rücksicht genommen. Da wir in diesem Rahmen nicht  alle Sender  testen konnten, haben wir uns auf einige    beschränkt – mit dabei sind natürlich alle  bundesweit empfangbaren Radiosender wie zum Beispiel  Ö3.  Neben einigen regionalen   Radioangeboten (Schwerpunkt: Ostösterreich)   hörten wir  noch bei ausgewählten Privatsendern genauer hin.

 

Ö3
So viel Bass hat das Lied? Wer Ö3 aufdreht, bekommt die volle Dröhung, das will die Soundabmischung des größten österreichischen Radiosenders so. Entsprechend wummert das Programm durch den Tag. Die harmlose Fröhlichkeit, die den Sender auszeichnet, seit Bogdan Roščió (ja der aus der Staatsoper) Ö3 in den 1990ern zum generischen Breitband-Antibiotikum der Popmusik umgebaut hat, drückt heute noch fast  alle Privatsender an die Wand. (Die hatten natürlich den Nachteil, erst im nächsten Jahrzehnt bundesweit starten zu dürfen. ) Ö3 tänzelt bei allem Naserümpfen von echten Popfans erfolgreich und kunstfertig an allen subkulturellen Tiefgängen vorbei, bis die so alt sind wie die eigenen Hörer. Dass Wolfgang Ambros und andere Austropopper kaum mehr vorkommen, ist ein Kulturkampf, den die Branche verloren hat. Ö3 wummert halt.

Radiotester: Philipp Wilhelmer

Ö1
Manchmal wird es mühsam. Etwa wenn  auf Ö1 in  „Pasticcio“ Musik aus dem 12. Jahrhundert   von Pérotin präsentiert wird, der ein „Meister des bewegten Stillstands“ gewesen sein soll!? Ich versuche, mich darauf einzulassen,  doch irgendwann wird es doch zu viel. Andererseits ist, wann immer möglich, das Mittagsjournal um 12 Uhr ein täglicher Fixtermin. Nach 55 Minuten weiß ich, was sich in der Welt abspielt und bin  ein bisschen gescheiter geworden. Dazu kommen aufwendig gestaltete Reportagen, die lange Autofahrten verkürzen und – ganz wichtig – keine Werbung. Nur etwas geht mir  seit einigen Jahren ab. Die stündliche Zeitansage wurde abgeschafft: „In fünf Sekunden ist es zwölf Uhr“ ... GONG! Diesen Gong hörte ich am liebsten. Der Legende nach ist es jenes Geräusch das entstand, als der betrunkene Dirk Stermann mit dem Kopf auf dem Glastisch aufschlug.

Radiotester: Florian Plavec

Radio Niederösterreich
Als gebürtiger Mostviertler  wächst man mit diesem Sender auf – ob man will oder nicht. Und so ist Radio NÖ immer auch mit Heimkommen verbunden. So auch unlängst  anlässlich der Feiertage:  Aus dem Küchenradio  evergreent und  schunkelt es, böllert einem  der seichte Schlager um die Ohren. Durchhalten, Papa zuliebe (Mama hat den Senderkampf   längst  verloren). Die Radiostimmen sind unauffällig, kaum mit Dialekt eingefärbt. Zu Mittag läuten die Glocken. Das hat Tradition. Niederösterreich ist der Nabel der Welt. Die Musikauswahl liegt  zwischen Oldies, Austropop der alten Garde (Cornelius, Fendrich, Ambros) und Schlagerparade.  Die Seer gehören  wohl  zu den Lieblingen der Musikredaktion. Und während man sich mit den Pussycats nach „Mississippi“ träumt, überquert man gerade die Ybbs. Mit Radio NÖ ist jeder Tag wie der andere – ob man will oder nicht. 

Radiotester: Marco Weise

Radio Burgenland
Als passionierter und fast schon nibelungentreuer Ö1-Hörer  ließ ich mich zum Seitensprung mit Radio Burgenland verführen. Kurz gesagt: Es war Untreue ohne Reue. Kein Jugendradio umflirtet mich. Austropop ist ohnedies längst Futter für die Ohren aller Altersklassen. Und wer am Sonntag auf den Regionalsender switcht,  lernt ab 16 Uhr neue Musik aus Österreich und obendrein noch wenig bekannte Künstler kennen. Jeden Sonntag läuft von 20 bis 22 Uhr ebenfalls
nur heimische Musik, aus allen
Jahrzehnten. Und wie bereits angekündigt, ist auch schon
der nächste „Radio Burgenland Musikmärz“ in Planung. Die Programmchefin Ursula Hof- meister sagt, die Idee habe sich bewährt, jeden Tag einen Austro- pop-Star für eine Stunde im Studio zu haben.  Da hat das Radio-Team wieder richtig Spaß. Und dann könnte der spontane Seitensprung auch bei mir zur Affäre werden.   

Radiotester: Werner Rosenberger

Radio Wien
Radio Wien ist der ideale Sender für alle, denen das Leben manchmal zu aufregend ist: Der Sender verströmt eine wunderbare Atmosphäre der Gelassenheit. Nichts ist hier „zu“: Radio Wien ist weder zu laut, noch zu leise, weder zu anspruchsvoll, noch zu belanglos, weder zu alt, noch zu jung, weder zu  wild, noch zu brav. Vor allem aber ist der Sender niemals zu aufgeregt. Außerdem verzichtet er auf brachial bemühte Witzigkeit, aufdringliches Selbstlob und unangenehm gezwungene gute Laune. Die Musik beginnt ungefähr bei Elvis und endet irgendwo nahe bei heute, man hört auch einmal die Beatles,  manchmal ABBA, manchmal  geht die Musik nahe an die Kitschgrenze, manchmal erlaubt sie sich ein wenig  Rockigkeit. Im Verkehrsfunk herrscht ein merkwürdiger Singsang-Ton, die Moderatoren aber sprechen sympathisch normal. Gute Info-Elemente, viel Sport. 

Radiotester: Guido Tartarotti

Kronehit
Was schreibt man über einen Sender, an dem man selbst beteiligt ist? Der KURIER hält die Hälfte am ersten bundesweiten Privatradio. Das Investment war dem Vernehmen nach ein sehr gutes, aber das ist eine andere Geschichte. Inhaltlich positioniert sich Kronehit als jüngerer Cousin von Ö3. Die Musik hat engere Rotationen und ist näher am Zeitgeschehen. Dafür  gibt man sich ein Quäntchen bodenständiger, bleibt aber gewitzt und frech. Ein Beispiel für Letzteres wäre „Meinrad Beinhart“, bei der sich Meinrad Knapp als Blumenverkäufer tarnt, um für eingeweihte Kandidaten herauszufinden, wie ihr Partner über sie denkt. Motto: „Blumenstrauß oder Beziehungsaus?“ Bei den Nachrichten setzt man vor allem am Wochenende betont auf softere Nachrichten  – Politik findet hier nur im Ernstfall Platz. Die Musikmischung funktioniert. Kann man empfehlen

Radiotester: Philipp Wilhelmer

FM4
Am 16. Jänner 1995 ging FM4  erstmals „on air“.  Also vor einem Vierteljahrhundert. Der ORF-Sender mit musikalischen Alternativen, der das „Blue Danube Radio“ überlebte, strahlt aber noch immer Widerborstigkeit aus. Es flutscht nie ganz perfekt.  Die Stimmen der Moderatorinnen sind, wiewohl geschult, erfrischend formatradiountauglich.  Sie wollen gehört werden. Das geht super beim Autofahren. Doch je später der Abend, desto höher der Senderwechselimpuls. Enervierender Techno,  öde Fachsimpeleien, und der Witz am Witz ist mitunter, dass der Witz nicht witzig ist. Ansonsten aber darf man viele Entdeckungen machen (zuletzt Billie Eilish), man kriegt sie erklärt – und man bekommt coole Liveaufnahmen präsentiert („FM4 Acoustic Sessions“). Es gibt zwar Werbeblöcke, aber recht wenige.  Und absolut top auch von der Musik her:  die Programmfläche „Connected“ am Nachmittag.

Radiotester: Thomas Trenkler

88,6
„So rockt das Leben.“ Über diesen 88,6-Plakatslogan stolperte ich nach der Geburt meines Sohnes beim Weg aus der Klinik. Ich fand das durchaus passend. Zum Stammhörer, der sich schon am Morgen „rocken“, also eigentlich durchschütteln lässt, hat es mich trotzdem nicht gemacht. Die Musik auf 88,6 lässt sich so beschreiben: Du bist auf einer Party, auf der ein 30er, ein 40er und ein 50er gefeiert wird. Ab und zu legt der DJ, der noch immer  Jahr für Jahr aufs Nova Rock geht, auch etwas auf, das er aktuell einmal aufgeschnappt hat.  Jetzt sind runde Geburtstagsfeiern mit  den Tophits von Simple Minds, Nirvana und Green Day zwar  lustig, aber für den täglichen Gebrauch ist das doch etwas kalorienreiche Kost.Die Moderatoren? Bieten Sprüche, Höreraktionen, Nachrichten und Verkehrsfunk an. Beschreiben sich selbst auf der Sender-Webseite überwiegend mit Tränenlachsmileys.

Radiotester: Peter Temel

Radio Austria
Kurz nach sechs Uhr Morgens:  Radio Austria spielt Roxette und U2. „Das geht eigentlich immer und um kurz nach Sechs geht das erst recht“, denke ich mir. Bis zum Ende der Morning Show um 9.00 Uhr bekomme ich dann aber gefühlte 200 Mal gesagt, ich würde den „Sound meines Lebens“ hören. Und mittlerweile frage ich mich ernsthaft, wie sich die Radiomacher mein Leben eigentlich vorstellen? Oldies, okay, jedes Leben hat seine Stehblues-Phase. Aber die restliche Mischung aus Austro-Pop, 2000er und Dance Floor Music – wie das in  ein einziges Leben passen soll, das weiß ich wirklich nicht. Ich sitze also in der U-Bahn und mache mir Gedanken, was ich falsch gemacht habe, weil mein Leben nun doch keine so irre Mischung war, wie dieser Sound. Da sagt der Moderator zwei Mal die falsche Uhrzeit an und ich laufe, im Glauben, zu spät zu kommen, zu Chers „Believe“ los.

Radiotesterin: Elisabeth Hofer

Radio Energy
Sagen wir so: Als FM4-Stammhörerin plötzlich mehrere Stunden lang zu verschiedenen Tageszeiten Radio Energy  zu hören, das ist irgendwie schwierig für die Ohren. NRJ – so kürzt sich der Sender ab – entstand 1981 in Paris als Nouvelle Radio  Jeunesse (neues Jugendradio), aktuell ist er in  18 Ländern präsent.  Und wenn man sich vor Augen hält, dass die Musik, die dort gespielt wird,  für die Jugend ist, kann man besser damit umgehen, was dort gespielt wird. Austauschbare Tanzmusik nämlich. Oder – wie man auf NRJ sagt – „bester EDM-Sound“. EDM steht übrigens für Electronic Dance Music.   Dazwischen  gibt’s  ein paar Latino-Lieder. Moderiert wird  nur sporadisch, man wünscht einen „okayen Tag“ oder dass man am Wochenende „partyen“ soll. Da ist man dann froh, wenn man wieder auf den Stammsender umschalten darf und dort „High and Dry“ von Radiohead läuft.

Radiotesterin: Julia Schrenk

Der KULTUR-Ressortleiter Georg Leyrer empfiehlt
Wenn alte Kulturformen und gesellschaftliche Übereinkünfte durch neue verdrängt werden, dann setzt verlässlich das große Gejammer ein. Dabei ist eigentlich das Gegenteil erstaunlich: Wie veränderungsresistent das Radiohören ist. So gut wie jeder kann zu Hause längst alle Radiosender der Welt, die interessantesten Hör-Features, neue oder unerhörte Musik oder auch skurrile Sendungen hören – und stattdessen bleiben die Allermeisten beim lokalen Radioangebot. Meine Empfehlung: Handy an die Stereoanlage anschließen oder Web-Radio kaufen – und dann via App in 10.000 Sender aus aller Welt eintauchen. Es gibt so viel zu entdecken: BBC-Reportagen, Musik von den Kapverden, chinesische Oper. Viel Spaß!