Bei der Premiere sahen die Kostüme (Hanna Peter) irgendwie anders aus: der Chor und Markus Schumann (als Kreon) bei der Fotoprobe von „antigone. ein requiem“

© APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN

Kritik
09/13/2020

Premiere "antigone. ein requiem": Sophokles im Slimfit-System

„antigone. ein requiem“ von Thomas Köck sei eine Rekomposition. Im Akademietheater zeigt sich: Es ist eine Redimensionierung

von Thomas Trenkler

Spielentscheidend wird es in der „Ilias“ von Homer ja erst, wenn Achill den größten Feldherrn von Troja, Hektor, abschlachtet. Sterbend bittet der Königssohn, dass seine Leiche der Stadt zurückgegeben wird. Doch Achill rast weiter vor Wut; es braucht göttliches Eingreifen, damit die Trojaner ihren Helden elf Tage lang betrauern können.

In der „Antigone“ ist der Grund für den Krieg kein hübsches Mädchen: Es geht einfach um die Macht. So kommt es, dass Polyneikes gegen die eigene Stadt zu Felde zieht. Bei der Schlacht vor den Toren Thebens töten sich die Brüder gegenseitig. Onkel Kreon, der König, lässt Eteokles den Sitten gemäß beerdigen. Dem Angreifer Polyneikes jedoch verwehrt er den Einzug ins Totenreich: Sein Leichnam hat zu verwesen.

Doch Antigone will um beide Brüder trauern dürfen. Weil ihre Argumente nichts ausrichten, missachtet sie die Anweisungen des Onkels. Ein Happy End kann es da natürlich nicht geben.

Der 1986 in Oberösterreich geborene, hoch im Kurs stehende Dramatiker Thomas Köck – das Grazer Schauspielhaus eröffnete am Freitag mit dessen Stück „dritte republik“ die Saison – hat sich 2019 an eine „Rekomposition“ der Tragödie von Sophokles gemacht. Als österreichische Erstaufführung fand „antigone. ein requiem“ am Samstag im Akademietheater statt.

Leichensäcke

Dass der Applaus viel länger als nachvollziehbar ausfiel, hatte mit den Corona-Schutzmaßnahmen zu tun: Man musste sitzenbleiben, bis der letzte Besucher zu klatschen aufgehört hat. Erst dann ging das Saallicht an – und man wurde reihenweise auch über die normalerweise geschlossenen Seiteneingänge nach draußen geleitet.

Thomas Köck änderte den Plot radikal ab, um ein mitunter wortgewaltiges, mit vielen Trigger-Wörtern gespicktes Statement zur Lage in Europa abzugeben. Denn am Strand vor den Toren der reichen, im Überfluss lebenden Stadt liegt nicht der Bruder von Antigone, sondern eine namenlose Masse an Ertrunkenen. Dass diese in Leichensäcken entsorgt werden, ist der Heldin zu wenig: Sarah Viktoria Frick, görenhaft, aufmüpfig und widerborstig, fordert, dass die Toten nach Theben gebracht und nach dem örtlichen Ritus bestattet werden. Antigones Schwester (Deleila Piasko) findet das keine so gute Idee: „kulturzentristisch“ sei deren Blick.

Auch Kreon, der weiße, alte Mann, argumentiert ähnlich. Er faselt die ganze Zeit von Werten und vom Gesetz, an das man sich zu halten habe: „Wir sind nicht Friedhof für den Rest der Welt.“ Er weiß das „überinformierte und ahnungslose“ Volk hinter sich: Es errichtet Mauern, um den Frieden zu erhalten, an dem es sich „enjoyen“ kann.

Humankapital

Kreon muss sich von Antigone einiges anhören, bleibt aber stur. Und Markus Scheumann wird, mit stoischer Miene, immer zynischer. Zentral ist der auch im Programmheft abgedruckte Monolog, der an bekannte Allmachtsfantasien erinnert. Denn Kreon träumt unter anderem von einem „maßgeschneiderten Slimfit-System“. Es prasseln Worte wie „Humankapital“ und „Message Control“ und „demokratisches Praxis“. Man denkt an das Verhalten der türkis-blauen Exregierung in der Flüchtlingskrise – und an jenes der türkis-grünen Koalition nach den Vorkommnissen im griechischen Lager Moria. Das Stück ist, wenn man so will, brandaktuell.

Doch viele Sätze in der altertümelnden Sprache sind hohl, bloß eindeutig, ohne Geheimnis. Und die uninspirierte Inszenierung von Lars-Ole Walburg in einem uninspirierten Bühnenbild von Peta Schickart hat nicht Bundes-, allenfalls Stadttheaterniveau. Immer wieder treten aus dem siebenköpfigen Chor einzelne Figuren heraus, um als Seher Teiresias (Branko Samarovski) oder Eurydike (Dorothee Hartinger) oder Haimon (Mehmet Ateşçi) zu agieren. Mavie Hörbiger vermag als zitternde Botin mit angstgeweiteten Augen zu unterhalten. Zur Illustration gibt’s in den pausenlosen 85 Minuten auch ein paar Videoprojektionen – von unten auf eine Wasseroberfläche. Platt.

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