Kultur
19.05.2018

Pfingstfestspiele Salzburg: Bartoli macht Rossinis „L’italiana in Algeri“ zum Triumph

Salzburger Festspiele Pfingsten: Cecilia Bartoli triumphiert mit Gioachino Rossinis „L’italiana in Algeri“.

Wenn Sie in einer Opernaufführung sitzen und drei Stunden hindurch lächeln (sowie ein paar Mal laut lachen); wenn Sie fasziniert zuschauen und auf den nächsten guten Gag oder die nächste politische Spitze warten; wenn Sie jedem einzelnen Sänger gerne zuhören und dessen lustvolles Spiel bewundern – dann sind Sie höchstwahrscheinlich in der Neuproduktion von Gioachino Rossinis „L’italiana in Algeri“ bei der Pfingstausgabe der Salzburger Festspiele.

Cecilia Bartoli, die künstlerische Leiterin und Protagonistin, das Zug- und Zirkuspferd dieses feinen Festivals, beweist mit dieser Aufführung einmal mehr, dass das so oft als altmodisch verschrieene Operngenre jung, frech und dynamisch sein kann. Dass lustig und g’scheit keine Widersprüche sind, sondern einander bedingen. Und dass selbst ein Werk, das viele Opernliebhaber als schrecklich eindimensional, ja sogar fad, in Erinnerung haben, erfolgreich entstaubt werden kann. Es kommt nicht nur drauf an, was man macht – in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied.

Die Analytikerin

Im vergangenen Jahr hatte La Bartoli, die große Singschauspielerin, als Händels Ariodante mit Conchita-Bart triumphiert. In diesem Jahr begeistert sie als von allen Männern begehrte Isabella in Rossinis „L’italiana in Algeri“. Auch hier geht es um Geschlechterrollen, um Emanzipation, um starke Frauen. Mit großem Humor gibt die Künstlerin damit auch ihr Statement zur #MeToo-Debatte ab, die bei dieser Produktion stets mitschwingt, aber in keiner Phase explizit oder per Fingerzeig abgehandelt wird. Der Witz ist hier die Waffe der Frau.

In dieser Rossini-Oper, 1813 uraufgeführt, geht es um den in die Jahre kommenden Bey Mustafà, eine Art Statthalter des osmanischen Reiches in Algerien. Der hat die Lust an seiner Frau verloren und wünscht sich eine fesche Italienerin, die ihm per Schiffsunglück und Sklavennahme tatsächlich in die Hände fällt (wobei sie ihm rasch auf eben diese klopft, wenn sie zu übergriffig werden). Diese Italienerin bringt das testosterongesteuerte Umfeld in Wallung, macht Mustafà zum Dodel und flieht am Ende mit ihrem Liebhaber Lindoro, der ebenfalls als Sklave gehalten war.

Die Sängerin

Zum ersten Mal in ihrer Karriere singt Bartoli die Isabella – rein stimmlich ist das nicht ihre beste Rolle, weil diese mehr Kraft in der Tiefe erfordert und für einen Alt geschrieben war. Das erwähnt habend, wähnt man sich aber schon beckmesserisch, weil Bartoli in den Höhen, in den Koloraturen, von denen jede Girlande eine tiefere Bedeutung hat, in ihrem Ausdruck und in ihrer großen Darstellungskraft dennoch zur Idealbesetzung wird. Wie sie etwa die Kavatine „Per lui che adoro“ singt, ist grandios – in der Badewanne, nackt und vollbusig, vielleicht doch eher in einem Nacktkostüm, jedenfalls von den Blicken der umstehenden Männer verschlungen.

Auch die restlichen Sängerinnen und Sänger sind famos besetzt: Peter Kálmán als komödiantischer, stimmlich profunder Mustafà, Edgardo Rocha als Musterbeispiel eines kraftvollen, prachtvoll timbrierten Rossini-Tenors, Alessando Corbelli als hinreißender Taddeo, José Coca Loza als Haly, Rebeca Olvera als Elvira und Rosa Bove als Zulma. Für Bartoli ist eine Opernproduktion Teamwork – das merkt man hier besonders stark. Im Orchestergraben sitzen die Damen und Herren des Ensemble Matheus unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi – sie spielen klanglich ausgefeilt und farbenreich, hinken aber bezüglich Tempo, Witz, Flexibilität hinter dem Bühnengeschehen hinterher.

Die Türken-Gang

Dafür ist die Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier im Bühnenbild von Christian Fenouillat fabelhaft. Die Herren verlegen die Geschichte in die Gegenwart, in eine türkisch dominierte Vorstadt von Algier, die genauso gut Berlin-Neukölln sein könnte. Noch ehe der erste Ton von Rossini erklingt, hört man Muezzin-Rufe. Mustafà ist kein Herrscher, sondern Chef einer türkischen Gang, die elektronische Geräte schmuggelt. Er trägt die meiste Zeit Unterwäsche und weiße Socken, seine Bandenmitglieder sind sichtlich stolz auf ihre Trainingsanzüge. Allein die Inszenierung der Ouvertüre ist genial: wie Elvira ihren Mustafà im Bett zu verführen versucht und sich in ein Bild träumt, das mit animierten verliebten Kamelen zu leben beginnt.

In Folge wird auf der Bühne regelmäßig Wasserpfeife geraucht, die Türkengang fährt weißen Mercedes, auf den Balkonen hängt die Wäsche zum Trocknen, manchmal brüllt einer herunter, wenn der Tenor zu laut singt.

Isabella reitet auf einem Stoffkamel wie eine Touristin ein – und bringt allerlei Italien-Klischees mit, bis hin zur gesamten Fußball-Nationalmannschaft der Azzurri, mit der sie am Ende, nachdem sie Spaghetti servierte, gemeinsam flieht. Es gibt Filmzitate, von „La dolce vita“ bis zu „Titanic“, und unzählige feine Details in dieser entlarvenden, liebevollen, nie bösartigen Regie.

Das Publikum dankte mit Standing Ovations. Und lächelt wohl immer noch.