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Kritik
09/18/2020

Peymann inszeniert Bernhard: Kasperltheater für Erwachsene

"Der deutsche Mittagstisch" ist im Josefstädter Theater ein aus der Zeit gefallener Abend, in dem brilliert werden darf.

von Thomas Trenkler

Auch wenn vom Welthunger die Rede ist und die eine oder andere Figur das Jugoslawen-G’sindel am liebsten "vergasen" würde: Mit der brutalen Realität der Gegenwart hat der Szenenreigen "Der deutsche Mittagstisch" nicht viel zu tun. Jedenfalls nicht in der sehr genauen Regie von Claus Peymann im Theater in der Josefstadt, die am Donnerstag Premiere hatte.

Zwischen 1978 und 1981 schrieb Thomas Bernhard mehrere Dramolette über Alltagsrassismus und Herrenmenschentum, die den gleichen Nenner haben: Alle hätten „den Nationalsozialismus mit dem Löffel gegessen“, wie es im Sketch „Der deutsche Mittagstisch“ heißt.

 

In den letzten Jahrzehnten wurden die Dramolette mehrfach aufgeführt. Die Reihenfolge änderte sich dabei nur unwesentlich: Zu Beginn stehen die drei bayrischen Szenen. Dann folgen die beiden Dramolette am Rhein und an der Nordsee über schwere Nazis an den Schalthebeln der Bundesrepublik, die den glorreichen Zeiten nachhängen. Und schließlich kippt das Ganze in die Farce und ins Absurde. So war es bei der Uraufführung 1981 durch Peymann in Bochum, so war es 1987 am Burgtheater, so war es auch 2003 am Berliner Ensemble – erneut in einer Inszenierung von Peymann.

Gewürzt mit Teufeleien

Und nun durfte der alte Herr, 83 geworden, die Szenen noch ein drittes Mal aufbereiten. Die Dramaturgie blieb dabei gleich. Im Gegensatz zu Berlin nahm Peymann aber „Alles oder nichts“ hinzu. Weil dieses Dramolett hierzulande noch nicht zu sehen war. Durchaus begründet übrigens: Es ist der schwächste Beitrag. Drei deutsche Spitzenpolitiker – Carstens, Schmidt und Genscher – machen sich vor dem Publikum, der Fernsehkamera und einem Pekinesen als Schiedsrichter zum Affen.

Bernhard Schir äfft dazu rotgewandet das Moderatorengehabe nach, gewürzt mit vielen Teufeleien. Doch diese groteske Show mit Handpuppen-Hund lässt völlig kalt. Und auch die Idee, dass die Politiker stellvertretend für Kurz und Co stehen könnten, geht nicht auf. Peymann hat zwar die konkreten Namen gestrichen; aber Raphael von Bargen ist, von Margit Koppendorfer pointiert hergerichtet, unverkennbar als Helmut Schmidt erkennbar – mit einer Zigarette zwischen den Fingern.

Ziseliert und zelebriert

Dieses siebente Dramolett verlangte zudem das Einziehen einer Pause. Auf beides zu verzichten, wäre nicht nur wegen Covid angeraten gewesen. Denn man hätte einen dichten, schauspielerisch fulminanten Abend erlebt. Auch wenn Peymann die Szenen nachgerade ziseliert und zelebriert, also extrem ausspielen lässt. Oder vielleicht gerade deswegen.

Achim Freyer hat für „Der deutsche Mittagstisch“ (so der Übertitel) ein mehr oder weniger komplett gemaltes Bühnenbild entworfen – inklusive vieler roter Vorhänge und zweier Strandkörbe. Kostüme und Maske sind stark überzeichnet, mitunter erinnern die Figuren an die Karikaturen von Manfred Deix. Und so wohnt man einem liebevollen Kasperltheater für Erwachsene bei.

2004 vertrat Peymann, wie im Programmheft nachzulesen ist, die Meinung, dass nicht auch Bernhard „nur noch als Süßspeise konsumiert“ werden dürfe. Aber jetzt hat er uns eine Linzertorte mit viel Sahne serviert.

 

Dass der eine oder andere Bissen im Halse kratzt, versteht sich von selbst. Ganz besonders beim Herzstück des Abends, beim Dramolett „Freispruch“, das quasi eine ergänzende Fingerübung zu „Vor dem Ruhestand“ (1979) ist: Im Hause des Gerichtspräsidenten Sütterlin feiern drei honorige Persönlichkeiten der BRD und ihre honorigen Frauen, dass der Kriegsverbrecherprozess gegen den Hausherrn niedergeschlagen werden konnte. Und dann singen sie, wie sie auch bei der schlagenden Verbindung von Wiener Neustadt zu singen pflegen.

Fratzenhafte Ewiggestrige

Michael König verkörpert mit Glatze einen hemdsärmeligen NS-Schlächter von Buchenwald und sonstwo – und die zierliche Lore Stefanek, von Peymann reaktiviert und nach Wien geholt, verströmt als fratzenhafte Ewiggestrige eine Eiseskälte, die man selten so körperlich spürt. Dass die Haushaltshilfe nicht nur ein seelischer Krüppel ist, veranschaulicht Ulli Maier mit jedem geschlurften Schritt.

Grandios zappelt Lore Stefanek auch zu Beginn als verschreckte, aufgeganselte Bäuerin und Betschwester in „A Doda“, einem Bernhard’schem Mundartmeisterwerk („A Mo / A Mo is / A Mo is des“ – „Ja a Mo“ – „Des is a Mo“). Zu glänzen vermögen auch Traute Hoess als sensationslüsterne Gatsch’n und Robert Joseph Bartl als dumpfer Polizist nicht nur mit variantenreichem Mimenspiel oder G’schau. Das bayrische Idiom haben sie eben sensationell drauf.

So war die Premiere am Donnerstag ein sentimentaler, unterhaltsamer Abend. Auch wenn vom Welthunger die Rede ist und die eine oder andere Figur das Jugoslawen-G’sindel am liebsten "vergasen" würde.

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