Inszeniert im Theater an der Josefstadt: Claus Peymann

© APA/ROLAND SCHLAGER

Interview
09/15/2020

Claus Peymann: „Ich schlief neben der Waschmaschine“

Der Ex-Burgtheaterdirektor anlässlich der Josefstadt-Premiere über seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Thomas Bernhard

von Thomas Trenkler

Am 17. September hat im Josefstädter Theater „Der deutsche Mittagstisch“ von Thomas Bernhard Premiere – in einer Inszenierung von Claus Peymann. Im Interview erinnert sich der 83-jährige Regisseur an den genialen Übertreibungskünstler.

KURIER: Thomas Bernhard hat 1967 mit „Ein Fest für Boris“ einen Anti-„Jedermann“ geschrieben. Das Stück wurde aber nicht bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, sondern erst 1970 von Ihnen in Hamburg. Also vor genau einem halben Jahrhundert. Und schon damals mit Ihrem Lieblingsbühnenbildner Karl-Ernst Herrmann. Wie kam es dazu?

Claus Peymann: Auf die gleiche Weise wie davor bei der „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke: durch den Lektor Karlheinz Braun vom Suhrkamp Verlag. Ich kannte Thomas Bernhard damals nicht wirklich, ich hatte bloß „Frost“, seinen ersten Roman, gelesen. Dann las ich „Boris“. Ich war fasziniert. Und dann unternahm ich meine Gespenster-Reise zu Bernhard.

Noch vor der Uraufführung?

Ja, in Vorbereitung. Ich bin ohne Ansage nach Obernathal gefahren. Mit großen Mühen fand ich den Vierkanthof von Bernhard, der damals natürlich noch kein Wallfahrtsort war. Ich klopfte an die Tür, niemand war da. Wieso sollte Bernhard auch auf einen verrückt gewordenen Jungregisseur warten, der aus Hamburg anreist? Ich fragte die Nachbarin, aber die wusste auch nichts. Sie gab mir zu verstehen, dass sie den Mann, der da allein auf dem Hof lebte, für etwas merkwürdig hielt. Heute sind ja dort alle begeistert, Bernhard gekannt zu haben. Aber damals … Ein Nachbar wollte direkt neben dem Haus von Bernhard ein riesiges Silo errichten. Das abzuwenden, hat Bernhard viel Geld gekostet. Auch eine Erdölquelle wurde gefunden. Bernhards Idylle war ständig bedroht.

Was machten Sie? Warten?

Ich hinterließ einen Zettel und bin zu Fuß durch die Felder nach Ohlsdorf. Im Gasthaus Asamer fand ich Quartier. In der Wirtsstube saßen all die Typen, die ich aus Bernhards Buch kannte, darunter Holzknechte mit abgeschnittenen Fingern oder Armen. Die Wirtin sang Lieder und sie fragte mich, ob ich nicht einen schönen Bauernhof kaufen wolle. Hätte ich damals doch nur zugeschlagen, ich Trottel! Ich trank viel Wein und fing einen Flirt mit einem Küchenmädchen an. Irgendwann ging ich auf mein Zimmer, sperrte aber nicht ab. Ich dachte mir: Vielleicht kommt sie ja doch rauf. Und dann schlief ich betrunken ein. Stunden später reißt jemand die Tür auf, ein Mann im Lodenmantel schreit mich an: „Haben Sie wegen des Küchenmädchens nicht abgesperrt? Neulich hat sich schon ein Liebhaber erhängt, weil sie so mannstoll ist!“

Das war Thomas Bernhard.

Genau. „Stehen Sie auf, wir müssen reden!“ Und dann sind wir mit seinem VW los. Die Wirtshäuser hatten längst zu, daher sind wir in die Kantine der Papierfabrik Steyrermühl. Dort tranken wir bis zum Morgengrauen. Auf der Rückfahrt wurden wir von der Polizei gestellt. Bernhard spielte den Herrenmenschen und fertigte sie ab: „Wie können Sie es wagen? Mein Gast ist ein wichtiger Regisseur!“ Es entstand nicht gleich Freundschaft, aber eine Beziehung – mit verteilten Rollen: Er war der Redner, ich der Zuhörer. Das hat sich fortgesetzt, bis ich 1986 Burgtheaterdirektor wurde. Wir haben uns immer mehr angenähert, es gab aber keinerlei Kumpanei, es blieb beim „Sie“. Unser Verhältnis war von gegenseitigem Respekt getragen.

Er vertraute Ihnen fast jedes Stück zur Uraufführung an.

Ich habe, glaube ich, 19 Stücke von ihm gemacht, davon 14 Uraufführungen. Inniger kann man nicht zusammenarbeiten. Entweder brachte er mir die Stücke nach Stuttgart oder Bochum. Oder ich holte ich sie bei ihm ab. Wenn ich mit dem Zug zurück war, musste ich mich gleich bei ihm melden. Wehe, ich hätte nicht gesagt, dass ich das Stück sofort machen werde! Ein einziges Mal habe ich ihn enttäuscht. Da hatte ich gerade einen Bernhard inszeniert – ich erinnere mich nicht genau, war’s „Ritter, Dene, Voss“? – und er hatte schon das nächste Stück in der Schublade. Es war „Elisabeth II“. Aber die Stücke von Bernhard sind ja eine enorme Herausforderung, eine Gehirnarbeit, auch für den Regisseur. Das kann man nicht einfach so raushauen …

Sie lehnten daher ab?

Ja, und deshalb hätte er fast mit mir gebrochen. Die Uraufführung fand erst im November 1989, ein halbes Jahr nach seinem Tod, in Berlin statt.

Aber nur fast. Denn im November 1988 kam in Ihrer Regie „Heldenplatz“ heraus.

Wissen Sie, wie es dazu kam? 1986 rief mich der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky an: „Wir haben in zwei Jahren das Bedenkjahr (50 Jahre „Anschluss“, Anm.). Sie sind ja mit dem Thomas Bernhard befreundet. Kann er nicht ein Stück für die Burg schreiben?“ Ich redete daher mit Bernhard. Und er schrie: „Ist der verrückt geworden? Ich schreibe doch kein Stück für diesen Scheiß-Staat! Ich bin kein Schneidermeister, bei dem man ein Stück in Auftrag geben kann!“ Aber ein Jahr später fuhr ich mit Bernhard im Taxi den Ring entlang. Und plötzlich zeigt er auf ein Haus beim Burggarten: „Da oben wohnt Professor Schuster, die Hauptfigur meines neuen Stücks.“ – „Ach wirklich?“ – „Ja, ich schreib’ ein Stück über den Heldenplatz.“ Möglicherweise war es also Vranitzky, der Bernhard auf die Idee brachte.

„Heldenplatz“ war – wir haben darüber schon einmal geredet – ein riesiger Skandal. Und ein letzter Triumph. Bernhard und Sie: Das war ein einzigartiges Gespann.

Es gab immer Erregung. Es wurde immer auf Leben und Tod gespielt. Und immer mit dem beleidigten Bernhard’schen Diktum: „Dann eben nicht!“ Wenn er mich treffen wollte, schickte er meist ein Telegramm. Denn er hatte kein Telefon. „Dienstag 9 Uhr Rathauscafé Bernhard.“ Wenn ich erst um 10 nach 9 in Gmunden eintraf, war er bereits wieder weg – und sauer. Dann durfte ich es am nächsten Tag wieder versuchen. Ich wohnte zunächst auch nicht bei ihm, sondern in irgendwelchen Landgasthöfen. Allmählich stieg ich auf: Ich durfte in den Vierkanthof, schlief aber nur unten neben dem Stall. Oder auf einer Luftmatratze neben der Waschmaschine. Erst später durfte ich in das Obergeschoß mit den Biedermeiermöbeln. Es war eine gewisse kämpferische Annäherung. Ich musste eben durchhalten. Andererseits lernte ich durch ihn viele Menschen kennen, darunter Cesare Zacchi, den Chefdiplomaten des Vatikans. Oder einen Doppelmörder, der seine Frau und deren Liebhaber totgeschlagen hatte. Wann lernt man schon einen Doppelmörder kennen? Also einen, von dem man es weiß. Ja, ich lernte durch Bernhard abenteuerliche Menschen kennen. Und die tauchten dann auch in seinen Stücken auf.

Andererseits lernte er durch Sie Ihre Lieblingsschauspieler kennen.

Später schrieb er Stücke oder Rollen für sie, für Bernhard Minetti, für Marianne Hoppe, für Bruno Ganz – und natürlich „Ritter, Dene, Voss“. Sie wuchsen zu einem imaginären Thomas-Bernhard-Ensemble zusammen. Ich war sein Regisseur. Meine Schauspieler waren seine Schauspieler. Meine Theater waren seine Theater.

Und auch Sie waren eine seiner Figuren ...

Ja, ich tauche immer wieder auf. Nicht nur im Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“, das ich am 29. September wieder mit Hermann Beil und Maria Happel im Akademietheater spielen werde. Letztlich bin ich auch der „Theatermacher“. Denn darin leidet Bruscon ja am Kampf ums Notlicht.

Sie meinen die Uraufführung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ 1972 bei den Salzburger Festspielen.

Ja. Wir waren dort wie eine Horde wilder Hunnen eingefallen. Ich trug Bart, Bruno Ganz fuhr einen alten Mercedes-Diesel, wir waren untypisch für Salzburg, passten nicht zu den gemütlichen Festspielen. Das dürfte Thomas Bernhard gefallen haben. Und dann wurden wir bei der Premiere um das Ende betrogen. Denn es hätte total finster sein müssen, damit man nicht erahnen kann, was auf der Bühne vor sich geht. Aber plötzlich, am Premierenabend, durfte das Notlicht nicht abgeschaltet werden. Wir haben uns daher alle geweigert, die weiteren Vorstellungen in Salzburg zu spielen. Die Festspiele klagten gegen die Schauspieler – und ich klagte gegen die Festspiele, weil die künstlerische Freiheit eingeschränkt worden war. Heute ist ja alles in Zusammenhang mit Bernhard heilig. Damals war er schwer umkämpft.

Auch die Uraufführung von „Der Theatermacher“ 1984 war von einem Skandal begleitet …

Das Stück spielt ja in einem Kaff, in Utzbach – alias Gaspoltshofen. Karl-Ernst Herrmann hatte tatsächlich die Idee, durch das offene Fenster Fliegen vom Misthaufen vor der Tür in den muffigen Tanzsaal fliegen zu lassen. Und die Salzburger Festspiele sind ja tüchtig: Sie haben die Fliegen so gezüchtet, dass sie genau zur Premiere flügge waren. Das ist wirklich wahr! Ich sagte zu Herrmann: „Du bist verrückt geworden! Wir können ja gar nicht spielen, wenn 1000 Fliegen herumschwirren.“ Er aber beharrte darauf: „Das muss authentisch sein!“ Es kam aber dann doch nicht dazu.

Beruht das Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose …“ eigentlich auf einer wahren Begebenheit?

Tatsächlich war es so: Er hat mir eine Hose gekauft, eine braune Glencheck-Hose. Ich trug ja früher immer nur Jeans. Und Bernhard war sehr besorgt – nicht nur um mich, er war ein sehr liebenswerter, kameradschaftlicher Mensch. Einmal, als ich noch vor meiner Zeit als Burgtheaterdirektor in Wien inszenierte, sagte er zu mir: „Es ist kalt. Wenn Sie mit diesen dünnen Klamotten rumlaufen, werden Sie sich den Tod holen. Kommen Sie, ich kaufe Ihnen eine Hose.“ Ich habe sie zwar nie getragen, hatte sie aber immer dabei, wenn ich in Wien war. Weil sie eben eine heilige Sache war. Irgendwann dachte ich mir: „Das ist ja Quatsch!“ Und ließ die schrecklich karierte Hose in den Kostümfundus der Burg bringen. Jahre später erinnerte ich mich daran – und wollte sie holen lassen. Aber sie war nicht mehr da. Jemand muss die Hose stibitzt haben. Wenn der wüsste, dass er die teure Hose trägt, die Bernhard für mich gekauft hat: Er würde nur mehr auf Stelzen laufen!

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