Peter Klien: "Ich will im Journalismus nichts werden"

Peter Klien
Foto: KURIER/Jeff Mangione Peter Klien

Der Schreck der Promis und Politiker: Peter Klien, 47, ist seit 2016 Außenreporter bei "Willkommen Österreich" und fühlt in seinen Beiträgen den Mächtigen auf den Zahn. Selbst Prinz Charles ging vor ihm in die Knie. Auch sonst hat der "König der Provokation" viel zu erzählen und spricht in der über seinen schwierigsten Einsatz, die Grenzen seiner Arbeit und – Richard Lugner.


freizeit: Herr Klien, Sie wirken so seriös, es sei denn Sie rücken mit Mikro und Kamera aus und stellen Promis und Politikern die unangenehmsten Fragen. Wie passt das mit Ihrem Äußeren zusammen?

Peter Klien: Auch wenn das so wirken mag, habe ich trotzdem Freude daran, mich zum Trottel zu machen. Sonst wird man nicht Komiker. Man muss es mögen, sich ungeschickt anzustellen oder clownesk zu benehmen, damit die Leute schauen und lachen. Das ist so dieses Komiker-Gen, das ich in mir habe.

Was denken Sie, wenn Außenminister Kurz, der gerade die politische Landschaft Österreichs auf den Kopf stellt, vor einem Interview mit Ihnen davonläuft? (Anm.: so geschehen bei der Angelobung von NÖ Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner)

Wenn wir drehen, involviere ich kaum eigene Gefühle. Ich versuche, das Maximum aus dem Beitrag rauszuholen. Herr Kurz ist ein Medienprofi und wollte im konkreten Fall nicht dem Verderben anheimfallen. Aber natürlich war er auch ein bissl feig.

Den Leuten gefällt es offenbar, dass Sie den "Mächtigen" Paroli bieten. Sie bekommen viel Lob. Wann haben Sie den Zuspruch bemerkt?

Eigentlich nach dem ersten Beitrag. Es war Bundespräsidentschaftswahl und der erste Durchgang mit großen Überraschungen. Die Stimmung im Land war extrem angespannt und die Konzentration der Leute auf das Geschehen sehr hoch. Dann ist uns der Beitrag noch so gut gelungen und die Leute haben auf der Straße gesagt: "Gratulation. Sind Sie nicht der?"

Bisher waren Politiker es gewohnt, Standard-Antworten geben zu können. Haben Sie auch das Gefühl, dass das symptomatisch ist? Sonst wären viele über Ihre Fragen wohl kaum so überrascht.

Es ist genauso, wie Sie sagen. Es gibt Routinen, die nicht abgesprochen sind, sich aber massiv eingeschlichen haben. Ich bin kein Journalist, sondern habe mich nur hingestellt und gemacht, wovon ich glaube, dass es lustig ist. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, für wie viel Irritation es sorgt, wenn jemand die ausgetretenen Kommunikations-Pfade verlassen muss.

Ihre Frage an den Wiener Bürgermeister Häupl, ob man einen guten Roten am starken Abgang erkennt, hat für Aufsehen gesorgt. Wie haben Politik-Journalisten auf Sie reagiert?

Die positiven Rückmeldungen haben mich fast erstaunt. Es kann natürlich sein, dass jemand, der die ungeschriebenen Gesetze des Journalismus durchstößt, sehr kritisch beäugt oder angefeindet wird – nach dem Motto: Der glaubt wohl, er kann sich alles erlauben! Aber viele Journalisten haben mir gratuliert und gemeint, dass das, was ich mache, erfrischend ist.

Wie lange tüfteln Sie an einer Formulierung wie jener über den starken Abgang des guten Roten?

Eine gute Idee kommt immer spontan, die Frage ist nur: Wie lange ist der Vorlauf? Ein Skispringer muss ja auch lange trainieren, damit er im Augenblick gut springen kann. Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Grundsätzlich nehme ich mir schon eine Woche Zeit, damit ich offen für Ideen, Formulierungen und Einfälle bin.

Warum können Sie Fragen stellen, die ein Polit- Journalist nicht stellen kann?

Ich habe einen doppelten Vorteil. Das eine ist, dass ich nicht aus dem Journalismus komme und da auch nichts werden will. Ich muss keine Rücksichten nehmen, um meine Karriere vorantreiben zu können. Das andere ist, dass wir im ORF eine Sonderstellung und bei "Willkommen Österreich" Freiheiten haben, die eine normale ORF-Sendung nicht hat. Das öffnet Türen.

Peter Klien Foto: KURIER/Jeff Mangione

ZIB-2-Moderator Armin Wolf stand kürzlich für seine Berichterstattung über Ex-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner in der Kritik. Was ist Ihre Meinung zu seiner "Django"-Anmoderation?

Vor dem Hintergrund von Mitterlehners Schicksal kann man das Insert freilich als geschmacklos bezeichnen. Das hat aber auch Armin Wolf eingesehen. In Deutschland wäre solche Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk jedenfalls undenkbar, umgekehrt war aber auch Mitterlehner sicher gereizt und zermürbt.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht, wenn Sie den Mächtigen des Landes und international nahe kommen?

Das ist natürlich sehr interessant, aber auch ernüchternd. Der Prozentsatz dessen, was Show ist, sowohl in der Innenpolitik als auch international, ist sehr hoch. Als Prinz Charles in Wien zu Gast war, war unglaublich viel Show dabei.

"Wenn ich in die Rolle des naiven Reporters schlüpfe, der selber nicht weiß, was er  tut, ist es so, als würde sich bei mir ein Schalter umlegen."

Sie haben ihm zugerufen: "Prince Charles, do you have a King-Size Bed?", als er mit seinem Tross vorbeikam. Seine Antwort war: "What a ridiculous question!" Als Sie nachgehakt haben, meinte er: "You already asked that." Warum hat er Sie nicht einfach ignoriert?

Das habe ich mich auch gefragt. Es hat mich vor allem gewundert, dass Prinz Charles zweimal eine Antwort gegeben hat. Vielleicht hat es mit den Signalen zu tun, die ich aussende. Ich will nicht nur eine Frage stellen, sondern auch eine Antwort bekommen. Das spüren die vielleicht.

Klopft Ihnen das Herz, kurz bevor Sie einer Person, die hohes Ansehen genießt, eine Klamauk-Frage stellen?

Tendenziell schon. Ich bin ein ganz normaler Mensch und muss da gewisse Hürden überwinden. Wenn ich in die Rolle des naiven Reporters schlüpfe, der selber nicht genau weiß, was er tut, ist es aber so, als würde sich bei mir ein Schalter umlegen. Aber klar, vor Leuten wie Prinz Charles und den Spitzen der Republik hat man natürlich Respekt.

Das heißt, Sie können sich bei Kritik immer auf Ihre Rolle rausreden?

Es sind schon meine Beiträge und meine Fragen. Ganz rausreden werde ich mich nie können. Will ich auch nicht.

Welcher Ihrer Einsätze war für Sie bisher der Schwierigste?

Emotional am anstrengendsten war für mich der Opernball. So viele Prominente und ein riesiges Land, das unbestellt vor einem liegt. Ich war auch zum ersten Mal dort und habe danach zwei Tage gebraucht, um runterzukommen. Mein ganzer Körper war voll mit Adrenalin.

Man fragt Goldie Hawn ja auch nicht alle Tage, ob sie daheim in den USA erzählen wird, "that we in Austria have great balls".

Ich glaube, Goldie Hawn hat gar nicht gewusst, was da passiert. Vielleicht hatte sie das Gefühl, das ist ein österreichischer Reporter, der ein bisschen blöd ist und nicht Englisch kann. Da hat sie mir halt ein Brückerl geschlagen, was lieb von ihr war, und auch ein Witzerl gemacht.

Widerstreben einem studierten Philosophen Witze unter der Gürtellinie nicht?

Für mich ist Humor eine Art Gemischtwarenhandlung, wo für alle etwas dabei sein sollte. Es ist langweilig, wenn es nur tief ist und langweilig, wenn es nur intellektuell ist. Die gute Mischung macht für mich den guten Beitrag aus.

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Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen? Die Oberflächlichkeit der High Society oder politische Systeme werden sich nicht so leicht ändern lassen.

Ich habe kein großes pädagogisches Ziel, aber finde es sehr interessant, Politiker und Prominente mit einer subversiven Wahrheit zu konfrontieren. Es geht auch darum, Täuschungen aufzudecken und Menschen zu zwingen, Stellung zu Dingen zu beziehen, über die sich Politiker oft drüberretten.

Gibt es bei der Arbeit Grenzen für Sie?

Natürlich, bei Prinz Charles war alleine die Grenze, wie weit ich körperlich gehen und mich ihm nähern kann, ohne vom britischen Geheimdienst erschossen zu werden. Das weiß man ja nicht. Ich will auch niemanden so böse angehen, dass der ein Leben lang nicht mehr mit mir redet.

"Für mich ist Humor eine Art Gemischtwarenhandlung, wo für alle  etwas dabei sein sollte. Es ist langweilig, wenn es nur tief ist und langweilig, wenn es nur intellektuell ist."

Hoffentlich nimmt Ihnen Richard Lugner nicht krumm, dass Sie ihn in einem Fragebogen auf Ihrer Homepage als Ihren Lieblingsverstorbenen bezeichnen.

Das ist sicher böse, aber es ist acht Jahre her, dass ich das auf meine Homepage gestellt habe. Das muss ich, glaube ich rausnehmen. Jetzt, wo ich ihn kennengelernt habe, hätte ich nicht geglaubt, dass man eines Tages mit Richard Lugner Mitleid haben wird. Aber nach der Scheidung von Kathi Lugner ist diese Anteilnahme in Österreich neu gewesen.

Man muss ihm eigentlich zur Scheidung gratulieren.

Ja, man muss ihm gratulieren, dass jemand noch mediengeiler war als er.

Jetzt wieder zu Wichtigerem: Sie waren einmal Bergbauer im Ötztal. Wie kam das?

Ich wollte einmal im Ausland studieren. Deswegen war ich ein Semester in Innsbruck.

Nichts gegen Tirol. Als Tirolerin ist es meine Pflicht, dem Land die Treue zu halten.

Ich liebe Innsbruck ja auch. Es ist eine sehr junge Stadt. Trotzdem wollte ich in Deutschland studieren. Damals war Österreich noch nicht Mitglied der EU und es war nicht leicht, ins Ausland zu gehen. So habe ich mit Innsbruck Vorlieb genommen. Im Sommer wollte ich in der Gegend arbeiten, habe mir in der Tiroler Tageszeitung die Inserate durchgesehen und die Stelle als Bergbauernknecht in Obergurgl gefunden.

Ihre Erkenntnis?

So fit wie damals nach diesem Monat als Bergbauer war ich danach mein ganzes Leben nicht mehr.

Sie haben dann Altgriechisch und Philosophie studiert. Was war Ihre Ambition?

Ich habe nach der Matura einfach nicht gewusst, was ich machen soll und hatte zwar einige Talente an mir entdeckt, wollte aber trotzdem auch die großen Fragen der Menschheit klären. Ich habe dann alles Mögliche begonnen: Biologie, Physik, Germanistik – und Philosophie. Das ist immer stärker geworden und ich bin darüber zum Altgriechischen gekommen. Ich hatte das in der Schule, wo mich die griechischen Philosophen am stärksten angesprochen haben. Die wollte ich dann im Original lesen.

Und dann wurden Sie Gag-Schreiber bei "Willkommen Österreich".

Das lag nahe, weil ich Kabarett schon in der Schule betrieben habe und nach der Matura ein Programm schreiben wollte. Ich habe es dann aber als zu unseriös hinten angestellt. Mir war aber klar, dass ich es einmal ausprobieren möchte.

Das haben Sie getan und 2009 den Kabarettnachwuchspreis "Goldener Neulingsnagel" gewonnen. Was hat Sie im Alter von 39 Jahren noch dazu bewogen?

Wenn man gewinnt, darf man drei Abende in einem Theater spielen. Es ist nicht so leicht, auf einer renommierten Bühne Auftritte zu bekommen. Das war die Motivation.

Stimmt es, dass Sie Gedichte schreiben?

Ab und zu. Ich wurde jetzt auch vom Volkstheater beauftragt, für ein Nestroy-Stück im Herbst, Couplets zu schreiben. Da muss ich jetzt wieder Gedichte schreiben.

Sind Sie immer noch Pressesprecher des Österreichischen Bibliothekenverbundes?

Ja, aber ich habe den Umfang reduziert. Es ist so, dass meine Zeitressourcen in den letzten Jahren knapp geworden sind.

Eine junge Frau kommt an unseren Tisch im Café und fragt, ob sie kurz stören dürfe. "Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie großartige Arbeit leisten und ich eine große Bewunderin bin."

Peter Klien: Das ist sehr lieb, das freut mich extrem. Schönen Tag!

Und jetzt? Wie fühlen Sie sich?

Das freut mich extrem. Wie denn nicht? Deshalb wache ich mit einem Lächeln auf und schlafe mit einem Lächeln ein. Es kommt so unheimlich viel zurück.

Was glauben Sie, wie lange Sie noch als unerschrockener Reporter ausrücken können? Viele kennen Sie mittlerweile und die Spontanität, von der Ihre Arbeit lebt, geht damit verloren.

Sicher wird es sich im Laufe der Zeit für beide Seiten verändern. Ich werde meine Art, an die Prominenten heranzugehen, verbessern und die Prominenten werden ihre Art, zu reagieren, anpassen. Auch wenn sich der Charakter der Interviews dadurch ändert, sind sie deshalb nicht weniger lustig, hart oder aufschlussreich.

Einen Philosophen darf man am Ende nach weisen Worten fragen.

Bei meiner Diplomarbeit habe ich mich mit einem alten Griechen beschäftigt, der witzige Texte geschrieben hat und auch die Vorlage für Münchhausen geliefert hat.

Das wäre eine Millionenshow-Frage. Wer war der Mann?

Lukian und der hat gesagt: "Sei nüchtern und vergiss nicht, misstrauisch zu sein." Ich ergänze: Und geh trotzdem regelmäßig zum Heurigen.

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Der Vielseitige

PETER KLIEN, 47,  wurde 1970 in Wien geboren und hat zwei Brüder. Schon in der Schule spielte er Kabarett und tourte nach der Matura  zwei Jahre lang mit einer Schauspieltruppe und einem Kindertheaterstück durch Österreich. Später studierte er Altgriechisch und Philosophie und arbeitet seit seinem Abschluss als Lektor am Institut für Philosophie der Universität Wien. Außerdem ist Peter Klien Pressesprecher  des Österreichischen Bibliothekenverbundes, Kabarettist und seit  2016 Außenreporter der Talkshow "Willkommen Österreich", in der er den Mächtigen der Welt mit Kamera, Mikrofon und frechen Fragen auflauert. Klien ist zudem einer von fünf Gag-Autoren der Sendung und bringt es innerhalb eines Jahres auf rund 337 Seiten Gags und Bilderwitze.

(kurier) Erstellt am
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