Das Dschungelcamp, eine große Oper

Kritik: Begeisterung für die humorvolle, hochkarätige Premiere von Bizets „Perlenfischer“ - in der genialen Regie von Lotte de Beer.

Regisseurin De Beer nennt ihre Opern-Show mit Diana Damrau „Perlenfischer – The Challenge“, dahinter sitzen TV-Zuschauer und voten mit     

Als die Reality-Show "Ich bin ein Star – holt mich hier raus" zum ersten Mal auf RTL lief, es war im Jahr 2004, gab es den großen, klar kalkulierten Igitt-Effekt. Menschen, die einst bekannte Figuren waren, fressen Maden, um wieder Öffentlichkeit zu bekommen – darf ein TV-Sender so etwas zeigen? Vor allem aber: Darf man bei einem derartigen Mist zuschauen? Das Dschungelcamp ist Ekel-TV, so viel stand fest.

Schon im zweiten Jahr drehte sich die Stimmung, das Pfui-Sujet verlagerte sich immer mehr von reflexartiger Ablehnung zu seriösen Feuilleton-Debatten. Und mittlerweile weiß man: Das (enorm zahlreiche) Publikum besteht auch zu großen Teilen aus Menschen der höchsten Bildungsklasse.

Pervertierung der Show

Langer Vorrede kurzer Sinn: Es schauen so gut wie alle Schichten zu und delektieren sich daran. Auf die Spitze getrieben hat die Pervertierung der TV-Unterhaltung eine Österreicherin: Larissa Marolt wurde ausgerechnet durch ihre verbalen und intellektuellen Torpedos auf das klassische Bildungsmedium zu einer Repräsentantin des aktuellen TV-Zustandes.

Dass das Dschungelcamp irgendwann auf eine Opernbühne kommen würde, war aufgrund der Popularität also nur eine Frage der Zeit. Schon die Sendung stellt ja eine Form von Oper dar, sofern man dieses Genre mit großen Emotionen, Liebe, Tragödien und manchmal krausen Geschichten in Verbindung bringt.

Dass die Regisseurin Lotte de Beer nun für ihre erste Premiere im Theater an der Wien die Oper "Les pêcheurs de perles" von Georges Bizet wählte, um diese ins Dschungelcamp zu verlegen, ist ein grandioser, auch inhaltlich passender Kunstgriff. Bei diesem Werk, das aufgrund des Librettos von Eugene Cormon und Michel Florentin Carre selten szenisch aufgeführt wird, geht es um eine verschleierte Priesterin (Leila), die von einem Jäger (Nadir) geliebt wird, mit dem Keuschheitsgelübde ringt, in flagranti entdeckt, zum Tode verurteilt, am Ende aber vom Anführer der Perlenfischer gerettet wird, weil sie diesem vor langer Zeit auch das Leben gerettet hatte. All das spielt auf Ceylon, das sich für den exotischen Opernausflug gut eignet.

De Beer ist das verständlicherweise zu konstruiert. "Scripted" würde man beim Reality-TV dazu sagen. Also verlegt sie die Handlung gleich ins Dschungelcamp und lässt die Geschichte vor einem live filmenden Kamerateam und den Choristen als Zuschauern ablaufen.

Wie sie das umsetzt,ist grandios. Die Präzision, von der Zeichnung des Regisseurs bis zum Maskenbildner, ist verblüffend. Drei Tänzerinnen lächeln nur dann verführerisch, wenn die Kamera auf sie gerichtet ist. Und der (Schoenberg)-Chor sitzt hinten auf der Bühne in verschiedenen Wohnungen und fiebert mit: Von der spießigen Familie bis zu Mitgliedern einer WG, von arm bis reich, jung bis alt. Alle voten fleißig und entscheiden mit 91 Prozent gegen die Gnade und dafür, dass die Liebenden sterben müssen.

Eine Umbaupause wird dazu genützt, einen Film mit fiktiven Interviews, geführt am Naschmarkt, einzuspielen und Menschen begründen zu lassen, warum sie sich das anschauen. Als es aber auf der Bühne nicht wie geplant zur Verbrennung der Verurteilten kommt und stattdessen nur eine Bildstörung zu sehen ist, ergreifen die Choristen, also die TV-Zuschauer, die Initiative und verbrennen den Retter der Liebenden, der ihnen den schönen Abend verdorben hat. Eine geniale Abrechnung mit der Fernseh-Hörigkeit.

Die Produktion ist jedoch keine Persiflage auf die Oper, Lotte de Beer nimmt diese sogar sehr ernst. Die Sänger gehen zum Dschungeltelefon, wenn sie alleine eine Arie zu singen haben. Auch die traumhaften Duette werden szenisch nicht gestört.

Gewinnerin der Show

Diana Damrau ist als Leila herausragend: Mit betörenden Koloraturen, brillanter Höhe, viel Ausdruckskraft und enormem Spielwitz stellt sie sich in den Dienst des Konzepts. Dmitry Korchak ist ein Nadir mit feinen Lyrismen, schönen Spitzentönen und mächtigen Attacken, Nathan Gunn (Zurga) und Nicolas Testé (als Nourabad der Moderator der Show) sind ebenfalls gut besetzt.

Das RSO Wien unter Jean-Christophe Spinosi spielt farben- und kontrastreich, könnte aber etwas präziser sein. Die Perlen der Partitur werden aber gut geknüpft.

Das Premierenpublikum feierte alle Beteiligten, auch die Regisseurin. Selbst wer mit ihrem Zugang nichts anfangen kann, muss über die fantasievolle, ja fabelhafte Umsetzung staunen.

KURIER-Wertung:

Fazit: Eine Sternstunde

Das Werk
„Les pêcheurs de perles“ von Georges Bizet, 1863 in Paris uraufgeführt. Am berühmtesten ist die Arie „Je crois entendre encore“ und das Duett zwischen Zurga und Nourabad.

Die Produktion
Regisseurin Lotte de Beer verlegt die Geschichte, die auf Ceylon spielt, ins Dschungelcamp. Starsopranistin Diana Damrau glänzt als Leila. Ein Triumph, zu hören am 22. 11. (19 Uhr) in Ö 1.

(kurier) Erstellt am
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