Kultur
31.10.2018

Performance im Belvedere: Nackt auf dem Allzweckbesen reiten

Die Künstlerin Donna Huanca unterzieht das Untere Belvedere bis 6.1. einem Reinigungsritual

Jö schau.

Gleich mehrere Nackte bevölkern seit einiger Zeit das Untere Belvedere. Sie reiben sich an Wänden, mischen sich unter die barocken Skulpturen, stehen auf Sockeln und gerieren sich als Kunst.

Die Kontroverse, so es sie überhaupt gibt, ist bis jetzt sehr leise ausgefallen.

Dennoch wird die Schau „Piedra Quemada“ (etwa: „Brennender Stein“, bis 6.1.) der US-bolivianischen Künstlerin Donna Huanca ihr Publikum spalten. Denn natürlich lässt sich angesichts des Arrangements aus Gemälden, Videos, Materialobjekten und eben auch nackten, bemalten Darstellerinnen ein seufzendes „Warum?“, gefolgt von einem „Warum gerade hier?“ ausstoßen.

Ebenso lässt sich die Installation, mit der Direktorin Stella Rollig zweifellos ein Statement setzen wollte, in historischer Perspektive sehen. Die in der Renaissance geführte Diskussion des „paragone“, des Wettstreits der Kunstformen, hallt in den teils hell erleuchteten, teils abgedunkelten Barocksälen dann ebenso nach wie der einst in der höfischen Festkultur gepflogene Brauch, Gemälde nachzustellen („tableaux vivants“). Im 20. Jahrhundert findet Huancas Gesamtkunstwerk einen Anschluss bei Hermann Nitsch, den die Künstlerin, so erfährt man, sehr verehrt. Doch der Einsatz des nackten Körpers hat auch in der feministischen Performancekunst seine Verwandten, besonders die US-Kubanerin Ana Mendieta mit ihren ebenfalls ritualistisch anmutenden Aktionen fällt einem ein.

Fremd im Museum

Dennoch fühlt sich Huancas Inbesitznahme der Belvedere-Säle nicht wie ein Dialog mit dem Museum an. Zwar wurden zusätzlich zu den im Marmorsaal vorhandenen Skulpturen Gipsabgüsse historischer Akte, u.a. von Max Klinger und Anton Hanak, herangeschafft, die nun mit den Performerinnen kontrastieren. Eigentlich sind Huanca die Sammlung und das Gebäude aber recht egal – sie bringt ihren eigenen Kosmos an Zeichen mit, manscht in Videos mit Farben, stellt Skulpturen auf, die Zöpfe und Haare haben und damit Verbindungen zur südamerikanischen Herkunft der Künstlerin vermuten lassen.

Dass all das ästhetisch Eindruck hinterlässt – Huanca lässt auch noch Töne und Gerüche durch die Räume wabern – ist unbestritten; die Situation, statt einer starren Skulptur plötzlich einem nackten Menschen gegenüberzustellen, lässt auch über das eigene Gaffen nachdenken.

Dennoch bleibt der Beigeschmack, dass „das Zeitgenössische“ hier einmal mehr als Allzweckbesen herhalten muss, um die vermeintlich verstaubten Hallen frisch zu machen. Darüber, ob ein derartiges Reinigungsritual nötig ist, darf man geteilter Ansicht sein – als Befreiungsschlag zwischendurch ist es wohl legitim. Nach Donna Huanca ist jedenfalls der Weg frei für ein echtes Statement in Sachen historischer Kunst.