Das von Wien aus agierende Trio: Xavier Plus, Paul Buschnegg (Mitte) und Romy Jakovcic.

© Gwen Meta

Kultur
06/02/2020

Pauls Jets: "Highlights zum Einschlafen"

Das Wiener Trio legt ein neues Album vor. Ein Gespräch über zerbrochene Herzen, Selbstoptimierung und Tankstellenessen.

von Marco Weise

Das Leben meint es gut mit einem: Die Vögel zwitschern, die Wiese im Wiener Stadtpark duftet nach Frühsommer. Aber irgendwas ist anders: Ach ja, Corona geht um. Ein (unsichtbarer) Feind, der viele Musiker gerade um ihre Ernte bringt. Pauls Jets mussten etwa einen Teil ihrer Deutschland-Termine als Vorband der Kult-Band Die Sterne absagen, womit das Trio um viele Minuten im Scheinwerferlicht gebracht wurde. Aufmerksamkeit, die Pauls Jets im Rahmen der Veröffentlichung ihres neuen, zweiten Albums „Highlights zum Einschlafen“ gut gebrauchen hätten können.

„Es ist natürlich schade, aber finanziell ist dieser Ausfall locker zu verkraften, wir machen die Musik nicht wegen dem Geld“, sagt Paul Buschnegg, Lenker und Denker des Trios aus Wien“, dem KURIER beim Picknick gelassen und nimmt einen Schluck vom mitgebrachten Bier, während die Bassistin Romy Jakovcic weiter ausführt: „Wir haben einen Tag bevor in Österreich die Maßnahmen, die zum Lockdown geführt haben, noch in Leipzig gespielt. Und danach ging nichts mehr. Der Kontrast, der Aufprall war schon sehr hart.“

Deswegen sei das zweite Album so geworden wie es ist, nämlich düsterer. „Denn wenn man von den Auftritten nach Hause kommt, ist man erst einmal vollkommen down. Am Wochenende frönt man dem Hedonismus, zelebriert die Endorphinausschütung und dann kommt der Blues, weil man unter der Woche, nach den Konzerten alleine zuhause sitzt. Dann passieren einem halt solche Songs“, sagt Buschnegg.

Außenstehende stellen sich das Tourleben meist schöner vor, als es tatsächlich ist. So, wie einem das Leben auf Instagram verkauft wird, ist es eben selten, sagen Pauls Jets im Gespräch. Auch wenn Konzerte Spaß machen, es aufregender und besser sei, als im Büro zu sitzen, sind die Rahmenbedingungen für junge Bands oft ausbeuterisch: Und dennoch: „Das viele Stunden im Bus sitzen, das tägliche Tankstellenessen und mehr müde als wach herumgeistern, hat einen Sinn – nämlich abends die Songs aufzuführen, den Songs Leben einhauchen. Und das findet gerade nicht statt, was schmerzt“, sagt Buschnegg.

Freundliche Diktatur

Die 14 neuen Songs (auf Vinyl wurden nur 13 gepresst) wurden auf einem anderen Weg produziert, als das beim gelungenen Debütalbum „Alle Songs bisher“ der Fall war. Der Großteil ist zwar wieder auf Pauls Computer entstanden, aber diesmal hat die Band auch gemeinsam Lieder erarbeitet. Einige Ideen wurden bei Proben oder Soundchecks geboren. Danach ging es gemeinsam für sieben Tage ins Studio. „Ich finde, wir sind jetzt mehr Band als noch beim ersten Album – obwohl das Projekt natürlich immer noch Pauls Baby ist“, sagt Xavier Plus. „Wir haben uns kürzlich auf eine freundliche Diktatur geeinigt“, ergänzt Paul Buschnigg, lacht, und führt weiter aus: „Durch das Zusammenspielen haben wir gemerkt, welche Songs wir gerne machen möchten, welche Songs Pauls Jets ausmachen.“

Das auf dem ersten Album noch zu findende Füllmaterial, das meist aus der Konserve kommt, wurde nun auf ein Minimum reduziert. „Wir konnten das zu dritt ohne Keyboarder auch nie live spielen, daher kam vieles vom Band.  Aber das wollten wir bald nicht mehr und haben das Schritt für Schritt weggelassen. Experimentieren, das war gestern, ab jetzt ist nur noch ernst“, sagt Buschnegg. Trotzdem gibt es wieder das eine oder andere Sound-Abenteuer, bei dem man nicht weiß, ob das nun schon Free Jazz ist, oder einfach nur das Ergebnis einer gerade gut einfahrenden Zigarette.

Durch die Reduzierung der elektronischen Sounds, wurde den Instrumenten mehr Platz, mehr Raum zum Atmen gegeben. Ein Grund dafür, dass das zweite Album auch runder als der Erstling klingt. Andererseits hängt es auch damit zusammen, dass die neuen Lieder in einem wesentlich kürzeren Zeitraum entstanden sind als das noch bei „Alle Songs bisher“ der Fall war.


Zerbrochene Herzen

Auf dem zweiten Album geht es deutlich persönlicher zur Sache. „Die Songs sind depressiver, wenn ich alleine bin“, heißt es in „Der Teufel“. Darin geht es im Midtempo „ums alleine Aufwachen“ und „um zerbrochene Herzen in den Augen“.  „Ich bin down“ erinnert einen in seiner musikalischen Ausführung an die Hochphase der Libertines Mitte der Nullerjahre: hymnisch, aber auch herrlich ungestüm. Ehrlich und roh, aber nicht mehr so Lo-Fi produziert wie das Debüt. Es ist ein locker wie lässig hingefetztes Stück mit fordernden Schrammelgitarren und dem leicht vernuschelten Gesang Buschneggs. „Blizzard“ ist hingegen eine langsam vorwärts schlurfende Ballade, die von Isolation, vom Zuhausebleiben erzählt, von der Sehnsucht doch noch jemanden für Stunden der Zweisamkeit zu finden.

Hat Paul Buschnegg mit dem neuen Album seinen Herzschmerz vertont? „Nein. Es geht in den Texten eigentlich um nichts“, versucht Paul zu relativieren. „Es sei bloß ein Versuch, unbedeutsame Dinge hervorzuheben und daraus Popsongs zu machen. „Aber Liebe und ein gebrochenes Herz sind nicht nichts“, wirft Bassistin Romy ein. Nachsatz: „Für mich ist das ein den Herzschmerz und die verflossene Liebe verarbeitendes Album.“

Paul Buschnegg widerspricht dem erstmal nicht, zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Es ist aber nicht so, dass ich mich mit dem Schreiben der neuen Songs therapieren wollte, aber es war eben das Einzige und das einzig Sinnvolle, was ich zum Zeitpunkt der Entstehung des Albums schreiben hätte können. Musik zu machen ist eine Beschäftigung, in der ich mich voll und ganz verlieren kann. Ich kann alles rund um mich herum ausblenden, die Zeit vergessen. Es ist ein ganz seltsamer Rausch.“ Ein Rausch, in dem sich Paul Jets gerne raus aus der Stadt und ans Meer träumen.

Nicht können

Ein wiederkehrendes Element ist die französische Sprache. Auf dem Debütalbum wurde im Song „Ich komme in den Park“ der Refrain auf Französisch gesungen. Und nun setzt sich das im Song „Je Suis Le Chevalier Rebol“ fort. Woher kommt diese Liebe zu, Französisch? „Keine Ahnung. Ich spreche die Sprache ja nicht einmal. Ich bin einfach von Dingen fasziniert, die ich nicht kann“, sagt Buschnegg und grinst schelmisch. „Ich kann eigentlich auch nicht singen. Zumindest wurde mir das immer wieder gesagt. Ich kann zeichnen, ich kann vielleicht Gitarre spielen und Songs schreiben. Und so ist auch die Band entstanden, weil ich mir gedacht habe: Ich will einfach singen, auch wenn ich es nicht kann.“

Der Titel des Albums – „Highlights zum Einschlafen“ – bezieht sich übrigens auf Highlight-Videos von Fußballspielen. „Das Internet ist voll damit“, sagt Buschnegg. Hat er damit die Corona-Isolation überbrückt oder gehört er eher zu jenem Teil der Bevölkerung, die sich im Home Office selbst optimiert hat? „Für was oder wen hätte ich mich selbst optimieren sollen? Für mich war die Krise tatsächlich eine Krise. Ich habe viel Bier getrunken“, sagt er. Ähnlich sieht das Bandkollege Xavier Plus. „Es gab so viele Menschen, die sich vorgenommen haben, aus dieser Zeit gestärkt rauszugehen. Für mich war das eher ein Freifahrtsschein: Endlich mal nichts machen - ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.“

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