Kultur
31.01.2018

Paul Thomas Anderson: Gift wirkt immer

US-Regisseur Paul Thomas Anderson drehte zum zweiten Mal mit Daniel Day-Lewis: "Der seidene Faden".

Gut möglich, dass Daniel Day-Lewis seine Drohung wahr macht und nie wieder als Schauspieler im Kino arbeiten wird. Dann wird seine letzte formidable Rolle die eines Modedesigners gewesen sein, der im London der 50er Jahre die High Society ausstattet.

Paul Thomas Anderson, einer der profiliertesten Filmemacher seiner Generation (siehe Kasten), hat bereits für das Öl-Drama "There Will Be Blood" mit Day-Lewis zusammengearbeitet. Mit der Rolle eines Ölmagnaten verhalf er ihm zu seinem dritten Oscar.

Auch von den sechs Oscarnominierungen, die "Der seidene Faden" (ab Donnerstag im Kino) abräumte, gilt eine Day-Lewis für seine Rolle als kaprizierter Schneider namens Reynolds Woodcock. Gemeinsam mit seiner strengen Schwester gebietet Woodcock über sein nobles Haus und entwirft Houte Couture für vornehme Damen. Als eingefleischter Junggeselle wechseln seine Liebschaften häufig – bis er auf eine junge Kellnerin namens Alma (Vicky Krieps) stößt: Er lässt sie als Model für sich arbeiten, beginnt aber auch bald eine Beziehung mit ihr.Paul Thomas Andersons Modemelodram, inspiriert von besten Hitchcock-Momenten, strahlt vor handwerklicher Schönheit und erzählerischer Unberechenbarkeit.

KURIER: Angeblich hatten Sie die Idee zu der verqueren Liebesgeschichte zwischen einem Modedesigner und seinem Modell, als Sie krank im Bett lagen. Wieso gerade dann?

Paul Thomas Anderson: Das kam so: Ich lag krank zu Hause und fühlte mich so richtig elend. Meine Frau (Maya Rudolph, Schauspielerin, Anm.) umsorgte mich liebevoll. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, sie genoss es sehr, dass ich so benebelt herum lag und mich von ihr pflegen lassen musste. Und dann dachte ich: Was, wenn sie irgendwie dafür sorgen würde, dass ich krank bleibe und noch länger im Bett liegen muss?

Abgesehen davon finde ich es persönlich immer super, wenn Gift in Filmen eine Rolle spielt. Das gehört zu den ältesten Spannungselementen des Kinos und wirkt immer. Es bringt die Geschichte ins Rollen und hält die Zuschauer in Atem.

Daniel Day-Lewis ist berühmt dafür, sich monatelang auf einen Film vorzubereiten. Auch für seine Rolle als Designer zeichnete er Entwürfe, nähte hundert Knopflöcher und schneiderte ein Kleid von Balenciaga nach. Er bleibt während des gesamten Drehs in seiner Figur. Das klingt ziemlich radikal. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit ihm aus?

Ich bin seine Arbeitsweisen mittlerweile gewöhnt – die nimmt man in Kauf, wenn man mit Daniel Day-Lewis dreht. Außerdem ist es bei weitem weniger extrem, als es vielleicht von außen den Eindruck hat. Er tut einfach alles, um sich in die Welt seiner Figur einfühlen zu können. Und je mehr er seine Rolle zum Leben erweckt, desto besser für uns: Deswegen sehen wir ihm so gerne auf der Leinwand zu. Man könnte ja auch umgekehrt fragen: Warum sollte ein Schauspieler nicht die Gelegenheit ergreifen, sich völlig in seine Figur zu versenken? Übrigens war in diesem Film die Zusammenarbeit besonders eng, weil Daniel bereits am Drehbuch mitgeschrieben hat.

Daniel Day-Lewis spielt einen mieselsüchtigen, perfektionistischen Upper-Class-Designer, der seine Umgebung terrorisiert. Hatten Sie konkrete Vorbilder?

Ich habe über dieses Milieu alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Es gab sehr, sehr viele Vorbilder, wie beispielsweise Cristóbal Balenciaga oder Christian Dior – sie alle haben bestimmte Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zu meiner Figur. Es wäre unredlich, eine einzelne Person als Vorbild zu nennen. Reynolds Woodcock ist eine unglaublich unleidliche Person, und ich glaube nicht, dass Balenciaga derartig unleidlich ist.

Sie haben dem berühmten Daniel Day-Lewis praktisch eine Newcomerin, die Luxemburgerin Vicky Krieps, an die Seite gestellt. Die erwies sich als tolle Wahl – bis hin zu der Tatsache, dass sie auf Kommando rot werden kann.

Oh ja, ich wurde sogar schon gefragt, ob ihr Rotwerden ein Spezialeffekt ist! Aber das ist eben Vicky: Wenn man sie in eine peinliche Situtation bringt und etwas zu ihr sagt, was sie verlegen macht, dann zeichnen sich auf ihrer Haut diese starken Reaktionen ab. Man muss dazu sagen, dass die besagte Szene an ihrem ersten Drehtag stattfand und sie bei der Gelegenheit stolperte – allerdings unbeabsichtigt. Das brachte sie dazu, rot zu werden.

Was interessiert Sie an dieser Pygmalion-Situation, an dem Verhältnis zwischen Künstler und Muse?

Irgendwie ist es guter Stoff. Allerdings muss ich zugeben, dass ich unlängst verversucht habe, mir noch einmal "Pygmalion" anzusehen und eine Gänsehaut bekam, beim Anblick des älteren Herren, der sich die junge Frau heraus pickt. Wer weiß, vielleicht bekommen die Leute bei meinem Film ja auch eine Gänsehaut...(lacht).

Das Interessante an der jungen Frau - Alma - ist ja, dass man sie nicht recht einschätzen kann.

Genau das gefällt mir so gut an ihr: Man weiß nicht mit Sicherheit, mit wem man es zu tun hat: Ist sie eine kleine Maus, die von anderen ausgenutzt wird? Die Unschuld vom Land? Das alles bleibt anfänglich offen. Doch hoffentlich wird im Verlauf der Geschichte klar, dass sie mehr Macht in der Beziehung zu Woodcock hat, als er es sich jemals vorstellen konnte. Wir haben ihr auch eine Hintergrundgeschichte gegeben: Sie ist Emigrantin, die im Krieg furchtbare Dinge erlebt hat und nach England ausgewandert ist. Sie hat tatsächlich viel schlimmere Dinge in ihrem Leben gesehen als den schrulligen Modedesigner. Der ist sozusagen ihr geringstes Problem. Insofern ist es egal, mit welchen Leuten sie es aus der High Society zu tun bekommt – sie ist immer die coolste und smarteste Person im Raum.

Sie vermeiden es bewusst, Sexualität zwischen den beiden Liebenden zu zeigen. Hätte das das Mysterium ihrer Beziehung zerstört?

Ich finde schon. Man will keine Sexualität sehen, nicht in diesem Film. Diesen Film will man elegant und erhaben erleben. Und was hätte man zeigen sollen: Wie die beiden im Bett liegen und Sex haben? Das hätte das Publikum völlig aus der Geschichte heraus gerissen, weil es sich dauernd gedacht hätte: Ha, das ist nicht echt, das ist nur ein Film! Ich glaube, ein Film, der Sex zeigt, muss dafür gebaut sein. Ich habe "50 Shades of Grey" nicht gesehen, aber ich gehe mal davon aus, dass man darin viel Sex sieht. Und genau das will man dort auch sehen – aber nicht, wenn man für "Der seidene Faden" ins Kino geht.