Man soll nicht hassen. Danke!

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Foto: APA/GUIDO MONTANI

In seinem neuen Buch „Die Schriften von Accra“ predigt der Brasilianer Paulo Coelho als griechischer Philosoph.

Das war ein Schock, als der Schweizer Diogenes Verlag vor Weihnachten ein Packerl Postkarten mit Zitaten aus Paulo Coelhos neuem Roman „Die Schriften von Accra“ schickte.

Man ist ja einiges gewöhnt vom Brasilianer, seit „Der Alchimist“ erschienen ist.
Wer an seine Träume glaubt, so wurde von ihm damals verkündet, dem wird geholfen werden.
Wobei beim ersten Start 1988 nur 900 Exemplare weggingen (und sich sein Verlag gleich wieder von Coelho trennte).
Nach dem zweiten Versuch – ab 1993 – wurden allerdings bis heute 45 Millionen „Alchimisten“ verkauft.

Was uns der mittlerweile 65-Jährige jetzt zu sagen hat, klingt besonders bacherlwarm.

Beispiel Nr. 1: „Wenn du glücklich bist, bist du auf dem richtigen Weg.“
Beispiel Nr. 2: „Die Liebe lässt dich lächeln, wenn du müde bist.“

Hintern schminken

Es tut fast körperlich weh, wenn man bedenkt, dass die Welt heute zwar Paulo Coelho kennt, aber fast niemand mehr den deutschen Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) liest, von dem immerhin Sprüche stammen wie jener: "Man kann den Hintern schminken wie man will – ein ordentliches Gesicht wird nie daraus."

Montag sind „Die Schriften von Accra“ mit einer Erstauflage von 200.000 Stück auf Deutsch erschienen.
Paulo Coelho ist im Mittelalter unterwegs. Er hat einen archäologischen Fund erfunden – an einem Ort, der damals zu Ägypten gehörte und jetzt in Israel liegt. Ein Manuskript, datiert aufs Jahr 1307. Coelho tut so, als hätte er den Sohn des englischen Entdeckers kennengelernt und von ihm eine Kopie des Originaltextes bekommen.

Gerecht sein

cover… Foto: kba/417fpg4wzql.jpg Paulo Coelho: Die Schriften von Accra. Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann. 192 Seiten. 18,40 Euro. Hörbuch, gelesen von Sven Görtz, um 21,99 Euro. In diesem Text wird erzählt, dass vor der Eroberung Jerusalems (1099) durch die Kreuzritter ein letztes Mal abends Juden und Moslems und Christen friedlich beisammensaßen – und ein griechischer Philosoph, weder Jude noch Moslem noch Christ, servierte ihnen stellvertretend für Paulo Coelho heiße Tipps. Diese haben freilich auch heutzutage noch Gültigkeit.

Nämlich: Man soll nicht hassen, man soll immer gerecht sein, man soll an Wunder glauben (sie öffnen Türen, zu denen niemand einen Schlüssel hat!), und man darf nie aufgeben. Und überhaupt, die Menschen müssen sich ihrer Sterblichkeit bewusst sein, damit sie das Leben verstehen können. Auch wenn Jerusalem am nächsten Tag zerstört werde – die Seele der Stadt, die Weisheit in den Herzen nämlich, die müsse gerettet werden!

„Die Schriften von Accra“ wurden laut Autor in zwei Wochen geschrieben. Das kann man sich sehr gut vorstellen.
Sie haben auf knapp 200 Seiten recht wenig Handlung. Es ist eine Predigt mit Aufruf, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
Aneinandergereihte Lebensweisheiten lassen sich – und das ist der Plan des zum Schriftsteller gewordenen Pilgers – einfach über Facebook und Twitter rund um die Welt schicken.

In dem Vorgänger-Roman „Aleph“ war Paulo Coelho wenigstens in der Transsibirischen gesessen. Und es war ihm bewusst geworden, vor 500 Jahren als Mönch gelebt zu haben. Aber das ist ohnehin selbstverständlich.

KURIER-Wertung: *** von *****

FAKTEN: Aktuelles in Zahlen

150 Millionen Bücher hat Coelho bisher verkauft.

74 Sprachen: Übersetzungen gibt es en masse.

6,7 Millionen Follower hat Coelho auf Twitter.

0 Euro: So viel kosten Bücher Coelhos online: Der Autor bietet Werke zum Download.

Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho ("Der Alchimist") twittert auf Englisch, Portugiesisch und Spanisch - und gibt sich eher pastoral: "Liebe deinen Feind. Aber vergiss nie: er ist nicht dein Freund." 6,7 Millionen Menschen wollen solche Sinnsprüche lesen. "so hopp, ohren waschen, butterbrot mit banane, klaps und ab auf die Strasse ihr kleinen Rüben." Anstrengend klingt, was Sibylle Berg schreibt. Aber nie belanglos. Mit Orthografie hat die Schriftstellerin ("Vielen Dank für das Leben") im schnellen Medium Twitter wohl auch nicht viel am Hut. Die Tweets sind kleine Einblicke in die Welt der 50-Jährigen. "uff, 1 Seite - ich gebe auf", schreibt sie über den Softporno-Bestseller von E. L. James. "wer das shades of grey ohne sprachmagenkrampf lesen kann, glaubt auch auf kloopapier stehen haikus." E. L. James selbst gehört zu den banalen Twitterern: "Sei freundlich, sei tapfer, sei stark, aber vor allem sei mitfühlend Viel redseliger ist Skandal-Schriftsteller Bret Easton Ellis ("American Psycho"). Ohne Scheu knüppelt das enfant terrible der Zwitscherer auf die Kulturwelt ein. Vor seinen rund 350.000 Followern nennt er Michael Haneke ("Das weiße Band") einen "der größten Regisseure ohne jemals einen großartigen Film gedreht zu haben". Und der vom Feuilleton gefeierte David Foster Wallace ("Unendlicher Spaß") sei "das beste Beispiel eines Gegenwartsautoren, der nach entsetzlicher Größe lechzte, aber sie einfach nicht erreichen konnte". Seine Tweets sind knallharte Statements ohne Erklärungsabsicht. Etwas tiefsinniger nutzt der Berliner Theatermann Rene Pollesch das Netzwerk: "Das Leben muss als Komödie enden, sonst geht das Abendland nicht unter." Die Dramentheorie des Schweizers Friedrich Dürrenmatt quetscht er so in eine Nussschale. Aber nicht nur die Hochkultur, sondern auch den täglichen Medienbetrieb kommentiert Pollesch: "Wenn man nicht hinsieht, merkt man erst wie beschissen die Stimmen dieser Juroren sind", schreibt er über das Casting-Format "The Voice of Germany". Knapp über 1.100 Menschen folgen ihm. Eine davon ist die Schriftstellerin Else Buschheuer ("Ruf!Mich!An!"). Knapp 18.000 Follower wollen über ihren ironisch gedeuteten Alltag lesen: "was genau will mir #ebay mit "else buschheuer, verpassen sie nie wieder den oma-tag" sagen?" Nebenher mausert sie sich zur Filmexpertin. Wer gutes Fernsehen will, braucht kein TV-Magazin: Die Leipzigerin empfiehlt Tag für Tag die besten Streifen. Solchen Service am Leser bieten nur wenige Autoren. Der britische Autor Salman Rushdie ("Die Satanischen Verse") stellt sich in den Dienst der Leser. Er hält sie über die Verfilmung seines literarischen Durchbruchs "Mitternachtskinder" auf dem Laufenden - Scherz inklusive: "ein buch oder einen film herauszubringen ist ganz okay, aber der 3:2-Sieg Tottenhams über Man.U... unbezahlbar." Im Vorjahr erschienen Rushdies Memoiren "Joseph Anton - Die Autobiografie". Der Schriftsteller lebt seit 1989 wegen einer gegen ihn ausgerufenen "Fatwa" im Untergrund. Mit über 440.000 Followern hat Rushdie viele kleine Fenster in eine ihm meist verschlossene Welt. Auch tote Schriftsteller kommen auf Twitter zu Ehren. Neben Shakespeare, Goethe und Jane Austen ist auch Mark Twain ein Account gewidmet. Zwei Mal am Tag wird auf @TheMarkTwain eine Auswahl seiner besten Bonmots wiedergegeben. Etwa: "Preise abzulehnen, ist eine gute Methode um Preise mit größerem Lärm zu begrüßen als sonst." Laura Ingalls Wilder, die Autorin und Hauptfigur der Pionier-Saga "Unsere kleine Farm" hat auch einen - nicht ganz ernst gemeinten - Account. Da gratuliert sie auf @HalfPintIngalls ihrem geliebten Almanzo schon einmal zum 127. Geburtstag - oder kommentiert einen Obama-Sager aus dem Wahlkampf: "Weniger Pferde und Bajonette?! Almanzo GEFÄLLT das NICHT!" Ob George Orwell Twitter gut geheißen hätte? Oder hätte er es als von "Big Brother" erfundenes Selbstüberwachungsmedium gebrandmarkt? @GeorgeOrwell twittert jedenfalls eine Mischung aus Aphorismen und Tagebucheinträgen, die mit dem aktuellen Weltgeschehen in einen Kontext gestellt werden.

Der Social-Media-Autor:
Coelho kommuniziert vorbildhaft mit seinen Lesern

Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, eines Morgens aufzuwachen und eine persönliche Nachricht eines der erfolgreichsten Autoren der Welt bekommen zu haben.

Denn Paulo Coelho ist vernetzt wie kaum ein anderer Autor von ähnlichem Bekanntheitsgrad: Er kommuniziert im Sozialen Netz mit seinen Lesern, über Twitter, Facebook und seinen Blog (paulocoelhoblog.com).

Und er führt dergestalt vor, was es heißt, im Zeitalter des Internets ein Autor zu sein: Publikumsnähe statt Elfenbeinturm. Coelho äußert sich zu vielerlei, von sozialen über ästhetischen bis hin zu persönlichen Fragen, gibt Lebensweisheiten ab, antwortet Lesern oder verbreitet deren Ansichten weiter. Und Coelho wurde so zu einem wichtigen Faktor im Social Web: 6,7 Millionen Follower hat der Autor auf Twitter.

Pirat

Dazu kommt noch, dass Coelho zu einem unerwarteten Vorreiter der digitalen Revolution wurde: Während Verlage aus Sorge vor illegalen Kopien nach wie vor Berührungsängste beim Anbieten von eBooks haben, geht Coelho den gegenteiligen, sehr offenen Weg: Er stellt seine Werke schon seit 1999 zum Download ins Netz.

Und das gratis: Wer will, kann sich ausgewählte Bücher des Autors herunterladen, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Laut „Pirat Coelho“ (Eigendefinition) funktioniert das wie geplant: Die Werbewirkung dieses Gratisproben-Angebots hat Coelho noch mehr Leser verschafft. Auch in der leidenschaftlich geführten Diskussion darüber, ob eBooks das Gesamterlebnis Papierbuch (mit seinem Geruch, seiner Haptik) ersetzen können, hat Coelho eindeutig Position bezogen: Er braucht kein Papier, denn „ich rieche nie an meinen Büchern“, schrieb der Autor auf Twitter. Mehr eBooks (und mehr Onlinenews) bedeuten für Coelho: „mehr Bäume“

Kommentar

Mehr Follower als "Goethe"

Autorenbilder (51)
Foto: KURIER

Also, eines hat Paulo Coelho schon erreicht: Er hat mehr Follower auf Twitter als Goethe. Na gut, das ist vielleicht ein bisschen unfair: Unter dem Namen @goethe wird wohl eher nicht der Dichter selbst mit seinen Lesern kommunizieren. Noch dazu ist „Goethe“ – dem Account-Foto nach zu urteilen – eine Katze. Kein Wunder, dass Coelho bei den Twitter-Followern mit 6.700.000 zu 64 gewinnt.

Jedenfalls: Auch wenn nicht alle großen Versprechen der Sozialen Medien – Demokratie! Bildung für alle! – Wirklichkeit geworden sind, die Kulturwelt haben Facebook, Twitter und all die anderen Plattformen grundlegend verändert. Künstler waren einst unerreichbar – heute sind sie nur eine Direktnachricht entfernt. Und die Kulturschaffenden von heute wissen, dass ihr Publikum keine gesichtslose Masse ist, die nur dazu da ist, stumm und dankbar die jeweiligen Werke der Künstler kaufen zu dürfen. Online wird heftig zurückgeredet, kritisiert und auch polemisiert. Was man dem alten Goethe da gerne alles gesagt hätte!

Der Online-Kontakt zwischen Publikum und Künstlern ist zu einer (Verkaufs-)Plattform für die Kultur geworden, die nicht mehr wegzudenken ist. Nicht zuletzt deshalb ist es nun an der Zeit, sich vom romantischen Bild des Künstlers als weltfremden Eigenbrötlers zu verabschieden. Liebe @kulturschaffende: Kultur ist Kommunikation, heute mehr denn je.

(kurier) Erstellt am
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