Literaten und Twitter: Keine Liebe auf den ersten Blick

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Foto: Reuters/HEINZ-PETER BADER Cornelia Travnicek hat selbst noch keine 1000 Follower - und ist dennoch eine der aktivsten heimischen Schriftstellerinnen auf Twitter.

Paulo Coelho, Sibylle Berg und Bret Easton Ellis tun es - aber hierzulande sind Schriftsteller kaum auf Twitter zu finden.

noch einmal gangam style aus irgendeiner plärre, und ich mach krieg mit Südkorea“ – Wer hier auf den südkoreanischen Dance-Hit „Gangnam Style“ schimpft wie ein Kesselflicker, ist nicht etwa ein vorlauter Hiphopper aus dem Plattenbau, sondern die schweizerisch-deutsche Schriftstellerin Sibylle Berg ("Vielen Dank für das Leben"). Sie nützt den Kurznachrichtendienst Twitter genau so, wie es viele andere Menschen auch tun, berichtet von ihrem Leben und zwitschert dabei, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Damit erreicht sie mehr als 27.000 Follower.

Weltweit der absolute Topstar unter den "Twitteraten" ist allerdings der brasilianische Romancier Paulo Coelho. Der Schöpfer von esoterisch angehauchten Megasellern wie „Der Alchimist“ kann bereits auf 6,7 Millionen Menschen verweisen, die seine salbungsvollen Sinnsprüche lesen wollen. Kostprobe: "Menschen (auch wir) sind oft uneinsichtig, unvernünftig und egozentrisch... Vergib ihnen, damit sie uns vergeben können."

Unpersönlich

Weniger persönlich gestaltet sich hingegen der Twitter-Account des österreichischen Bestsellerautors Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“). Über @glattauer verbreitet der Deuticke Verlag lediglich Ankündigungen von Lesungen oder Links zu Interviews.

Cornelia Travnicek (25), Publikumspreisgewinnerin beim Bachmannpreis und selbst als @frautravnicek eine der aktivsten österreichischen Schriftstellerinnen auf Twitter, präferiert Accounts wie jenen von Sibylle Berg. „Sie macht das sehr gut, weil ihr Kanal kein Werbekanal ist,“ sagt sie im KURIER-Gespräch. „Postet jemand andauernd Werbung für seine Produkte, Projekte oder Termine, interessiert das eher wenig - niemand abonniert freiwillig eine Dauerwerbesendung.“ Sie selbst nützt Twitter sporadisch, „um Inhalte zu teilen, Sätze in die Welt zu werfen, gerne auch zu besonderen Anlässen, als eine Art interaktive Live-Berichterstattung.“

Christian Ankowitsch ist neuer ?les.art?-Präsentat Foto: APA/Hans Leitner Experimentiert gerne mit Twitter: les.art-Moderator Christian Ankowitsch Es gibt zwar heimische Literatur-Schwergewichte, die schon im Netz angekommen sind, und die – wie im Falle von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek – ihre Texte auch zum Teil online publizieren. Aber auf Twitter treiben sie sich kaum herum. Christian Ankowitsch, Autor, Kolumnist und Moderator der ORF-Literatursendung „les.art“ nennt im KURIER-Gespräch einen möglichen Grund dafür: „Twitter entspricht nicht ihrem sprachlichen Anspruch und ihrer literarischen Intention. Und das ist völlig in Ordnung so.“ Dennoch meint Ankowitsch, dass Tweets durchaus hohe literarische Qualität haben können. Aber: „Als freier Autor muss man so viele Kanäle der Selbstpositionierung und -vermarktung bedienen. Da bleibt vielen nicht mehr die Kraft für Twitter.“ Dies könne sich aber durchaus ändern, den Twitter sei noch immer nicht im Mainstream angekommen.

Auch Cornelia Travnicek, die 2012 ihr Romandebüt mit "Chucks" hatte, meint, „dass jeder zusätzliche Kanal Kapazität beansprucht, ich verstehe, wenn man die eigene Energie zum Schreiben eher bündeln möchte. Es sollte ja auch nicht bemüht wirken. Wenn man sich also in diesem Medium nicht wohl fühlt, lässt man es besser“. Tweets mit literarischem Anspruch sind bei ihr eher die Ausnahme, „weil man theoretisch zu viele Rechte am Geschriebenen abgibt“.

Herumprobieren

Ankowitsch hingegen verfolgt keine spezielle Twitter-Strategie. „Ich probiere herum. Manchmal habe ich das Gefühl, das Medium verstanden zu haben. Dann wieder stehe ich vor Rätseln. Ich denke, das ist auch eine wesentliche Qualität dieses Mediums“. Die Kürze der Texte, die auf 140 Zeichen beschränkt sind, findet er bei Hinweisen und Links gut. „Bei Vorwürfen und Statements verleitet die Kürze aber zu Boulevard-Methoden“, meint Ankowitsch.

Vor solchen Methoden schreckt Skandal-Schriftsteller Bret Easton Ellis ("American Psycho") auf Twitter ganz und gar nicht zurück. Ohne Skrupel schenkt er der Kulturwelt ordentlich ein, und nennt vor den Augen seiner rund 370.000 Follower etwa den doppelten Goldene-Palme-Gewinner Michael Haneke ("Amour") einen "der größten Regisseure ohne jemals einen großartigen Film gedreht zu haben".

Verlage in der Pflicht

Und so verfolgt jeder Literat seine eigene Social Media-Strategie zwischen Komplett-Verweigerung, knalligen Statements, Banalitäten und Werbung. Während Autor Ankowitsch bei den Schriftstellern keine direkte Veranlassung erkennen kann, sich den sozialen Netzwerken zu öffnen, sieht er die Literaturverlage hingegen absolut in die Pflicht genommen. Ankowitsch: „Die sind - wie die Medien - existenziell darauf angewiesen. Verglichen damit sind die Verlage sträflich untätig!“

Zieht man  aber in Betracht, dass die internationalen Bestsellerautoren wie Coelho, Salman Rushdie und Bret Easton Ellis auf Twitter erfolgreich mit einem großen Publikum kommunizieren, ist anzunehmen, dass in Zukunft mehr Schriftsteller ihr Glück auf Twitter versuchen werden. Und selbst der 79-jährige Altmeister Philip Roth, der kürzlich das Ende seiner Literatenkarriere ausrief, hat sich zumindest schon einmal ein iPhone gekauft.

Literatur auf Twitter:

Der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho ("Der Alchimist") twittert auf Englisch, Portugiesisch und Spanisch - und gibt sich eher pastoral: "Liebe deinen Feind. Aber vergiss nie: er ist nicht dein Freund." 6,7 Millionen Menschen wollen solche Sinnsprüche lesen. "so hopp, ohren waschen, butterbrot mit banane, klaps und ab auf die Strasse ihr kleinen Rüben." Anstrengend klingt, was Sibylle Berg schreibt. Aber nie belanglos. Mit Orthografie hat die Schriftstellerin ("Vielen Dank für das Leben") im schnellen Medium Twitter wohl auch nicht viel am Hut. Die Tweets sind kleine Einblicke in die Welt der 50-Jährigen. "uff, 1 Seite - ich gebe auf", schreibt sie über den Softporno-Bestseller von E. L. James. "wer das shades of grey ohne sprachmagenkrampf lesen kann, glaubt auch auf kloopapier stehen haikus." E. L. James selbst gehört zu den banalen Twitterern: "Sei freundlich, sei tapfer, sei stark, aber vor allem sei mitfühlend Viel redseliger ist Skandal-Schriftsteller Bret Easton Ellis ("American Psycho"). Ohne Scheu knüppelt das enfant terrible der Zwitscherer auf die Kulturwelt ein. Vor seinen rund 350.000 Followern nennt er Michael Haneke ("Das weiße Band") einen "der größten Regisseure ohne jemals einen großartigen Film gedreht zu haben". Und der vom Feuilleton gefeierte David Foster Wallace ("Unendlicher Spaß") sei "das beste Beispiel eines Gegenwartsautoren, der nach entsetzlicher Größe lechzte, aber sie einfach nicht erreichen konnte". Seine Tweets sind knallharte Statements ohne Erklärungsabsicht. Etwas tiefsinniger nutzt der Berliner Theatermann Rene Pollesch das Netzwerk: "Das Leben muss als Komödie enden, sonst geht das Abendland nicht unter." Die Dramentheorie des Schweizers Friedrich Dürrenmatt quetscht er so in eine Nussschale. Aber nicht nur die Hochkultur, sondern auch den täglichen Medienbetrieb kommentiert Pollesch: "Wenn man nicht hinsieht, merkt man erst wie beschissen die Stimmen dieser Juroren sind", schreibt er über das Casting-Format "The Voice of Germany". Knapp über 1.100 Menschen folgen ihm. Eine davon ist die Schriftstellerin Else Buschheuer ("Ruf!Mich!An!"). Knapp 18.000 Follower wollen über ihren ironisch gedeuteten Alltag lesen: "was genau will mir #ebay mit "else buschheuer, verpassen sie nie wieder den oma-tag" sagen?" Nebenher mausert sie sich zur Filmexpertin. Wer gutes Fernsehen will, braucht kein TV-Magazin: Die Leipzigerin empfiehlt Tag für Tag die besten Streifen. Solchen Service am Leser bieten nur wenige Autoren. Der britische Autor Salman Rushdie ("Die Satanischen Verse") stellt sich in den Dienst der Leser. Er hält sie über die Verfilmung seines literarischen Durchbruchs "Mitternachtskinder" auf dem Laufenden - Scherz inklusive: "ein buch oder einen film herauszubringen ist ganz okay, aber der 3:2-Sieg Tottenhams über Man.U... unbezahlbar." Im Vorjahr erschienen Rushdies Memoiren "Joseph Anton - Die Autobiografie". Der Schriftsteller lebt seit 1989 wegen einer gegen ihn ausgerufenen "Fatwa" im Untergrund. Mit über 440.000 Followern hat Rushdie viele kleine Fenster in eine ihm meist verschlossene Welt. Auch tote Schriftsteller kommen auf Twitter zu Ehren. Neben Shakespeare, Goethe und Jane Austen ist auch Mark Twain ein Account gewidmet. Zwei Mal am Tag wird auf @TheMarkTwain eine Auswahl seiner besten Bonmots wiedergegeben. Etwa: "Preise abzulehnen, ist eine gute Methode um Preise mit größerem Lärm zu begrüßen als sonst." Laura Ingalls Wilder, die Autorin und Hauptfigur der Pionier-Saga "Unsere kleine Farm" hat auch einen - nicht ganz ernst gemeinten - Account. Da gratuliert sie auf @HalfPintIngalls ihrem geliebten Almanzo schon einmal zum 127. Geburtstag - oder kommentiert einen Obama-Sager aus dem Wahlkampf: "Weniger Pferde und Bajonette?! Almanzo GEFÄLLT das NICHT!" Ob George Orwell Twitter gut geheißen hätte? Oder hätte er es als von "Big Brother" erfundenes Selbstüberwachungsmedium gebrandmarkt? @GeorgeOrwell twittert jedenfalls eine Mischung aus Aphorismen und Tagebucheinträgen, die mit dem aktuellen Weltgeschehen in einen Kontext gestellt werden.

(KURIER) Erstellt am
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