Otto Schenk: „Ich bin kein Freund des theatralischen Ausdrucks, des Ausdruckstheaters. Ausdrücken kann man – wenn man Glück hat – einen harten Stuhlgang“

© APA/HERBERT NEUBAUER

Premiere
06/15/2014

Befallen vom Wahrhaftigkeits-Bazillus

Otto Schenk inszeniert an der Wiener Staatsoper "Das schlaue Füchslein" von Leoš Janáček.

von Peter Jarolin

Der Doyen ist zurück. Nach einer Pause von 26 Jahren gibt Otto Schenk am kommenden Mittwoch (18. Juni) sein Comeback als Regisseur an der Wiener Staatsoper. Das Werk: Janáčeks "Das schlaue Füchslein". Eine Oper über Menschen, Tiere, den Wald und die Natur. Ein Gespräch.

KURIER: Herr Schenk, wie kam es zu diesem Regie-Comeback nach so langer Zeit?


Otto Schenk: Das war so ein kurzer Überfall von Direktor Dominique Meyer. Ich mag ihn sehr gern, und ihm ist ein echter Hattrick gelungen. Die Musiker haben nach mir verlangt, Dirigent Franz Welser-Möst hat nach mir verlangt und Dominique Meyer hat nach mir verlangt. Das hat mich sehr gerührt. Da ist mir dann halt ein Ja entfahren. Der Eid, nie wieder Oper zu inszenieren, war gebrochen.

Warum gerade das ,Schlaue Füchslein‘? Was fasziniert Sie an dieser Oper?

Diese Musik erzählt mir etwas. Sie erweckt in mir einen Wahrhaftigkeitsbazillus. Diesmal sind es halt die Tiere, die mir was erzählen, ein bissl was über den Menschen, über die Natur, den Wald, das Leben und den Tod. Außerdem habe ich das ,Füchslein‘ noch nie gemacht. Das ist eine neue, schöne Erfahrung. Jetzt häng’ ich da drin, in diesem Janáček-Rausch.

Was erwartet uns szenisch?

Na ein Wald, Wasser, Natur und Tiere. Das ist ja eigentlich ein grünes Stück, ein ständiges Waldweben. Man hört plötzlich die Moldau rauschen, ohne dass der Smetana bestohlen worden wäre. Was mir meine Ausstatterin Amra Buchbinder und die fabelhaften Techniker da hingestellt haben, hat sich immer mehr mit Bewegung gefüllt. Da genügt ein Zwinkern, und man weiß, worum es geht. Man kann keinen Fuchs darstellen, aber man kann einen Fuchs bedeuten. Ich bin ein Freund von verräterischen Details, die verraten, was in einem Menschen vorgeht. Und ich bin kein Freund des theatralischen Ausdrucks, des Ausdruckstheaters. Ausdrücken kann man – wenn man Glück hat – einen harten Stuhlgang.

Das Stück wird in tschechischer Sprache gespielt, obwohl die deutsche Übersetzung immerhin von Max Brod ist ...

Die Übersetzung dieser Sprache ist eine Schändung und Fälschung, da sind die Noten gefälscht. Die deutsche Sprache trifft nicht die Musik. Da wären andere Noten vonnöten. Die Leute sollen doch eine Freude am Geschwätz dieses Böhmischen, an diesem so bunten Gewirr der Stimmen haben. Ich jedenfalls hab’ sie.

Am Ende wird das Füchslein vom Wilderer erschossen, die Musik aber suggeriert eine fast versöhnliche Stimmung. Ist diese Oper ein trauriges Stück?

Tieftraurig. So traurig wie das Leben im Wald halt ist. Ich bin immer traurig, wenn das Füchslein stirbt. Auch der Wilderer steht der Ermordung des Tieres hilflos gegenüber. Der Wald lebt weiter, das sagt die Musik. Es kommt noch viel Tröstliches danach. Aber die Frage, ob es gelingen kann, den Tod zu besiegen – ich glaub’ s nicht. Und dennoch macht das Ganze so eine Riesenfreude.

Könnten Sie sich vorstellen, nach dem ,Füchslein‘ weitere Opern zu inszenieren?

Nein, weil ich fast alles schon gemacht hab’. Ich bin nicht mehr jung genug für so ein lebensgefährliches Unterfangen wie eine Operninszenierung. Mir fehlen zehn Jahre Jugend. Man kann nicht alles mit Erfahrung wettmachen. Aber wenn ein großer Sänger mit irgendeiner Rolle in Not wäre, dann gäbe es vielleicht eine Rutsch’n.

Sie haben vor wenigen Tagen Ihren 84. Geburtstag gefeiert ...

Nicht gefeiert! Ich finde Geburtstage taktlos, weil einen das Leben mit einer immer wiederkehrenden mathematischen Präzision an das Ende erinnert. Ich mag nicht einmal Geschenke, weil ich nicht weiß, welches Gesicht man dazu macht.

Sie sind – Geburtstag hin oder her – aber sehr aktiv. In der Woche der Staatsopernpremiere stehen sie auch mit Ihrem Programm "Humor nach Noten" im Konzerthaus auf der Bühne, ab Herbst spielen Sie in der Josefstadt in Schnitzlers ,Liebelei‘, Ab März 2015 kommt die Tragikomödie ,Schon wieder Sonntag‘ in den Kammerspielen ...

Das Solo ist eine Nebenbeschäftigung, die ich sehr ernst nehme. Mein Vater hat immer gesagt: Man kann in der Hauptbeschäftigung scheitern. Das kann passieren. Aber in der Nebenbeschäftigung? Wenn man da scheitert, sagen alle Leute: Hat der das notwendig gehabt? Was die Kammerspiele betrifft: Dazu hat mich Helmuth Lohner verführt, der auch inszenieren wird. Der Lohner ist ja so ein großer Verführer.

Und Schnitzler?

Da spiel’ ich den alten Weiring, den Vater der unglücklichen Christine. Alt ist der nur, weil ich ihn spiele. Aber er ist die modernste Figur im Stück. Ein Vater, der seiner Tochter jede Freiheit gönnt. Das geht halt tüchtig daneben. Aber ich spiele den gern. Auch die Regisseurin Alexandra Liedtke, die Frau Hartmann, schätze ich. Sie ist ein bescheidenes Helferlein, das sehr viel von menschlichen Regungen versteht.

Wie sehen Sie den Entlassung von Matthias Hartmann als Burgtheaterdirektor samt Prozessen und Unruhe im Haus?

Ich verstehe nicht, wie man nach mehr als 200 Jahren einen erfolgreichen Direktor einfach so vor die Tür setzen kann. Direktoren, die mehr Geld ausgeben, als ihnen versprochen wurde, gibt es zuhauf. Da müsste man ja jeden Zweiten entlassen. Ich wünsche dem Theater jedenfalls Ruhe, hoffentlich nicht die eines Kirchhofs. Matthias Hartmann wünsche ich ein gerechtes Verfahren und ein leichtes Fallen auf seine sehr standhaften Beine.

Weit mehr als nur ein Märchen

Leoš Janáčeks dreiaktige Oper „Das schlaue Füchslein“ wurde 1924 in Brünn uraufgeführt. Das Libretto stammt vom Komponisten und basiert auf einer Novelle des tschechischen Dichters Rudolf Těsnohlídek. Das Werk schildert vordergründig das Schicksal einer vom Förster eingefangenen Füchsin, die auf seinem Hof heranwächst, dann aber in den Wald entflieht. Dort findet sie „ihren“ Fuchs, mit dem sie Hochzeit feiert. Ihre Kinder führt sie noch in die Gefahren des Lebens ein, ehe sie ein Wilderer erschießt. Aus dem Fell der Füchsin wird ein Muff, der letztlich in die Hände des Försters gelangt und von diesem als Hochzeitsgeschenk verwendet wird. Im Wald sieht der Förster schließlich ein Kind der Füchsin, blickt auf die Ereignisse zurück und akzeptiert letztlich den Kreislauf der Natur und des Lebens.

Produktion

An der Staatsoper führt Otto Schenk Regie; Bühne und Kostüme stammen von Amra Buchbinder. Wiens Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst dirigiert. In der Partie des Füchsleins Schlaukopf ist Chen Reiss zu sehen; Gerald Finley singt den Förster. Den Wilderer Harašta gibt Wolfgang Bankl, Donna Ellen ist die Frau des Försters; Heinz Zednik spielt den Hahn. Dazu sind (als Grillen, Heuschrecken, Hennen oder Frösche) viele Kinder der Opernschule im Einsatz.

Premiere ist am 18. Juni. Beginn: 19 Uhr. Folgetermine: 21., 24., 26. und 30. Juni. Ab 8. November ist das etwa 90 Minuten lange Stück in teils identer Besetzung wieder zu sehen. Es gibt für alle Termine noch Restkarten.

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