Chloé Zhao erhielt  Oscars für beste Regie und den besten Film: „Nomadland“

© EPA/Chris Pizzello / POOL

Oscars
04/26/2021

Oscarsiegerin Chloé Zhao: Mit dem Blick der Außenseiterin

Das poetische Roadmovie „Nomadland“ gewinnt drei Oscars. Ein historischer Triumph für Regisseurin Chloé Zhao und Frances McDormand

von Alexandra Seibel

Die diesjährige Preisverleihung hat Oscargeschichte geschrieben. Es begann mit der ungewöhnlichen, wenngleich unrunden Inszenierung des Gala-Abends, der aufgrund der Corona-Pandemie nur im kleinen, intimen Rahmen stattfinden konnte – und endete mit dem historischen Sieg der sino-amerikanischen Regisseurin Chloé Zhao und ihrem zärtlichen Film „Nomadland“.

„Nomadland“ erzählt mit kitschloser Poesie von einer nicht mehr jungen Frau, die ihre Existenz verliert und in ihr Auto übersiedeln muss: „Ich bin nicht obdachlos, ich bin hauslos“, erklärt die unschlagbare Frances McDormand ihre Situation – und erhielt für ihr Spiel in „Nomadland“ einen Oscar als beste Darstellerin. Dazu bekam „Nomadland“ einen Oscar für beste Regie und besten Film.

Chloé Zhao ist damit die zweite(!) Frau nach Kathryn Bigelow, die einen Oscar im männerdominierten Regiefach erhält; und die erste asiatische Frau, die es in diese Liga geschafft hat.

Wer ist Chloé Zhao?

Mit dem geschärften Blick der Außenseiterin erforscht Chloé Zhao ihre neue Heimat Amerika. Sie selbst stammt aus privilegierten Verhältnissen, wurde 1982 als Tochter eines Topmanagers der Stahlindustrie in Peking geboren, ging mit 14 Jahren nach Großbritannien ins Internat und machte ihren Schulabschluss in Los Angeles.

Eigentlich wäre sie als begeisterte Manga-Leserin gerne Comiczeichnerin geworden, erzählt Zhao in Interviews freimütig, jedoch hätte es ihr an Talent gemangelt.

Was man von ihr als Filmemacherin nicht behaupten kann: 2010 übersiedelt sie nach New York und studierte Regie – ein Berufsgedanke, der ihr erstmals kam, als sie Wong Kar-Weis traumtänzerischen Liebesfilm „Happy Together“ das erste Mal sah. Doch auch die lyrische Filmsprache von Terrence Malick zählt sie zu ihren Einflüssen.

„Ich war schon immer eine Außenseiterin. Und ich fühle mich zu Außenseitern hingezogen“, sagt Zhao über sich selbst – und diese Hingebung sieht man auch ihren Filmen an. Für ihr Regiedebüt „Songs My Brothers Taught Me“ (2015) übersiedelte sie für 17 Monate ins Reservat der Lakota in South Dakota, einer der ärmsten Regionen der USA. Um die Lebensumstände der Bewohner und Bewohnerinnen möglichst hautnah zu erfassen, blieb sie vier Jahre im Reservat und drehte mit ihnen ihr Regiedebüt, in dem sie von der innigen Beziehung zweier Geschwister erzählt. Bei der Gelegenheit lernte sie Brady Jandreau kennen, einen jungen, indigenen Cowboy und begeisterten Rodeoreiter, der nach einer schweren Verletzung seine Leidenschaft aufgeben musste. Mit ihm entstand ihr zweiter, mehrfach ausgezeichneter Low-Budget-Western „The Rider“ (2017).

Wohnmobil

„Nomadland“ setzt Zhaos ethnografisches Erzählen, schnörkellos, aber voller poetischer Kraft, fort. Frances McDormand hatte die Rechte zu Jessica Bruders Buch „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“ erworben und wollte niemand anderen als Chloé Zhao für die Regie engagieren.

Damit lag McDormand völlig richtig: Zum einen bekam sie dadurch die Gelegenheit, ihr eigenes Spiel gegenüber von Laiendarstellern noch einmal zu schärfen. McDormand mischte sich unter ältere Menschen, die in Wohnmobilen durch die USA ziehen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Als Gemeinschaft von selbst ernannten Nomaden spielen sie Versionen ihres Lebens. McDormand passte sich deren Routinen dermaßen mühelos an, dass man sie bald ebenfalls für eine Nomadin hält. Zum anderen bekam sie Chloé Zhao Sensibilität als Filmemacherin, die mit dem geschärften Blick der Außenseiterin auf eine zerrissene US-Gegenwart blickt.

In ihrer Dankesrede für den Oscar erinnert sich Chloé Zhao an ihre Kindheit. Wann immer die Zeiten besonders hart würden, denke sie ein chinesisches Gedicht, das sie mit ihrem Vater rezitiert hatte: „Alle Menschen sind bei ihrer Geburt gut.“

Diese Erfahrung könne sie nur bestätigen, sagt Chloé Zhao: „Ich habe bei allen Menschen, die ich getroffen habe, immer das Gute gefunden – überall auf der Welt.“

Und ihren Oscar widmete sie all jenen, die weiterhin am Guten im Menschen festhalten – eine grundsätzlich liebevolle Einstellung zur Welt, die sich auch in allen Filmen von Chloé Zhao wiederfindet.

Der Dreifachgewinn von „Nomadland“ ist übrigens nicht nur ein Triumph für ein Filmprojekt, das besonders stark von Frauen getragen wurde. Es entstand als Hollywood-Studioproduktion und markiert mit seinem Gewinn auch einen Sieg von Hollywood über Netflix.

Wo war Brad Pitt?

Überhaupt bot die diesjährige Anzahl an Filmen und Nominierungen von Schauspielern und Schauspielerinnen eine Diversität wie nie zuvor. Zu den herausragenden Gewinnern gehören neben Daniel Kaluuya, den den Oscar als bester Nebendarsteller für sein Porträt als Black-Panther-Aktivist Fred Hampton in „Judas and the Black Messiah“ gewann, auch die 73-jährige Koreanerin Youn Yuh-Jung: Sie erhielt den Oscar als beste Nebendarstellerin als schlagfertige Großmutter in dem amerikanisch-koreanischen Drama „Minari“.

Schlagfertig war auch ihre Dankesrede: „Ah, Brad Pitt, endlich!“, rief sie, als sie den Oscar von Brad Pitt überreicht bekam, der auch als Produzent ihres Filmes fungiert hatte: „Wo waren Sie, als wir den Film drehten?“

Darauf wusste auch Brad Pitt keine Antwort. Aber Youn Yuh-Jung war ohnehin nicht zu bremsen: „Alle sprechen immer meinen Namen falsch aus. Egal. Ich verzeihe euch.“

Bester Film
„Nomadland“ (Frances McDormand, Peter Spears, Mollye Asher, Dan Janvey und Chloé Zhao)

Beste Regie
Chloe Zhao („Nomadland“)

Bester Hauptdarsteller
Anthony Hopkins („The Father“)

Beste Hauptdarstellerin
Francis McDormand („Nomadland)

Bester Nebendarsteller
Daniel Kaluuya („Judas and the Black Messiah“)

Beste Nebendarstellerin
Youn Yuh-Jung („Minari“)

Beste Kamera
„Mank“ (Erik Messerschmidt)

Bestes Originaldrehbuch
Emerald Fennell  („Promising Young Woman“)

Bestes Szenenbild
Donald Graham Burt und Jan Pascale („Mank“)

Bestes Kostümdesign
Ann Roth („Ma Rainey’s Black Bottom“)

Beste Filmmusik
Trent Reznor, Atticus Ross und Jon Batiste („Soul“)

Bester Ton
Nicolas Becker, Jaime Bakshet, Michelle Couttolenc, Carlos Cortes und Philippe Bladh („Sound of Metal“)

Bester internationaler Film
Thomas Vinterberg („Rausch“)

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