© Dominik Stixenberger

Kultur
03/21/2020

Opernsänger Groissböck: "Fühlte mich wie ein Kriegsheimkehrer“

Günther Groissböck. Der österreichische Opernsänger über Absagen und Kultur in Corona-Zeiten (Von Susanne Zobl)

Günther Groissböck, der österreichische Bass von Weltrang, probte in Barcelona mit Katharina WagnerLohengrin“. Corona vereitelte die Premiere und sämtliche Aufführungen. Bei den Bayreuther Festspielen steht sein Debüt als Wotan in Richard Wagners „Ring“ bevor. Heute, Samstag, ist er auf 3sat in André Hellers Berliner Inszenierung von Strauss´ „Rosenkavalier“ als Ochs zu sehen. Zuvor sprach er mit dem Kurier über Freiheit im Ausnahmezustand und wie uns dieser von der Eventkultur zum Kunstwerk führen kann.

KURIER: Heute überträgt 3sat André Hellers „Rosenkavalier“-Produktion aus Berlin. Die Inszenierung ist eine Art Plädoyer für das Schöne. Ist das in einer Zeit wie dieser wieder mehr gefragt, wieder wichtiger?

Die jetzige Zeit im Speziellen ist natürlich grad eine ganz extreme Ausnahmesituation, die vielleicht in einigen Punkten noch unsere ganz alten Mitmenschen an die Nachkriegszeit erinnern könnte, oder aber Menschen, die im kommunistischen Ostblock aufgewachsen sind. Für uns Jüngere westlicher Prägung, ist das aber alles etwas völlig Neues, Beklemmendes. Und in der Tat, vielleicht ist in dieser Situation eine nicht nur schöne, sondern auch witzige, intelligente Opernproduktion wie unser Berliner Rosenkavalier eine willkommene Abwechslung – wenn auch nur im Fernsehen.

Wie war Ihre Rückreise aus Barcelona?

Unheimlich. Es waren viele Menschen am Flughafen, die alle einfach nur weg –- die meisten sicher nach Hause – wollten, dabei war es am Terminal aber beinahe gespenstisch ruhig. Viele Leute trugen Masken, und die Atmosphäre erinnerte mich fast ein wenig an eine Trauerfeier. Eigentlich zum Heulen. Umso glücklicher war ich, als ich dann in Zürich gelandet bin und zwei Stunden später mit dem Zug in Lugano ankam. Beim Wiedersehen mit meiner Familie fühlte ich mich fast wie ein Kriegsheimkehrer. Das mag alles übertrieben klingen, aber diese große Unsicherheit ist momentan beinahe greifbar. Aber besonders beunruhigten mich die ersten Maßnahmen, also jene Fälle, wo man ganze Hotels, Gruppen oder Familien aufgrund einzelner, positiv getesteter Personen festgesetzt hat. Für mich als freiheitsliebenden Menschen war das ein Schock. Man musste erkennen, dass man ganz schnell in einer Art Haft - Zwangsquarantäne ist nichts anderes - landen kann, ohne überhaupt selber krank zu sein. Mein Freiheitsgeist schrie da sofort Alarm und ich hatte ehrlich gesagt damals schon Angst, dass wir uns bald auf Maßnahmen einstellen müssen, die uns um mühsam errungene Freiheiten und Bürgerrechte bringen könnten. Das macht mir alles große Sorgen. Vor allem auch die Frage, wie wir aus dieser ganzen Sache wieder rauskommen. Und das hoffentlich so bald wie möglich! Viele Menschen sind total verunsichert und haben Angst sich kritisch zu äußern. Wir brauchen aber, und das bezieht sich jetzt nicht nur auf das Thema Corona, dringend wieder eine neue Streitkultur, denn sonst sehe ich für das, was wir einmal Demokratie nannten, schwarz. Sich den Argumenten des anderen sachlich und verständnisvoll zu stellen und eben nicht permanent sofort nach Etiketten und Einordnung des anderen Standpunktes zu suchen, wäre wieder wichtiger denn je. Wir müssen uns auch wieder über den Wert der Freiheit, wie wir sie einst zu kennen glaubten, bewusst werden. Eine von Angst geleitete Masse, die nach starker Führung schreit, halte ich für schlimmer als jede Seuche. Für mich ist Freiheit ein ebenso hohes Gut wie Gesundheit oder wenn sie es etwas poetischer oder gar polemischer wollen: mir steht halt der Geist von Posa oder Tell näher als jener von Mao. Lieber in Freiheit an einer Influenza sterben als irgendwann in Feigheit als verängstigter, gechippter Roboter-Mensch in Sklaverei leben zu müssen. Vielleicht habe ich aber auch nur zu viel Schiller gelesen und bin eben dadurch zum mittlerweile weltfremden Träumer geworden...

Was hilft in dieser Zeit?

Neben den vielleicht jetzt entscheidenden Fragen, in welcher Gesellschaft wir wirklich leben wollen, könnte man sich in dieser aufführungsfreien, stillen Zeit auch wieder mehr den Kunstwerken selbst nähern. Lesen, die Schönheit des Wortes und der Musik in dieser Zeit der Stille erfassen, damit wir auch wieder etwas von dieser oft oberflächlichen, lauten Event-Mentalität, die leider auch vor der Klassikwelt nicht Halt macht, wegkommen.

Was hören, was lesen Sie?

Als ich auf meiner Heimfahrt am Vierwaldstätter See vorbeifuhr, habe ich mir geschworen, jetzt, auch aus aktuellem Anlass, wieder einmal Schillers „Wilhelm Tell“ zu lesen.

Wie nützen Sie diese Pause noch?

Ich lebe auf dem Land, ziemlich ab vom Schuss und werde mich ein wenig in die Berge zurückziehen. Langsam beginnt ja auch wieder die Radsportsaison und vielleicht schaff ich auch noch die eine oder andere Skitour im Hochgebirge, die aufgrund meines immensen Pensums der letzten beiden Jahren leider nie klappte. Außerdem muss ich ja weiter intensiv für mein Göttervater-Debüt in Bayreuth diesen Sommer pauken und kann endlich mal wieder etwas länger zu Hause bei meiner Familie sein. Ob wir aber die „Die Mensch ärgere Dich nicht“-Quarantäne gemeinsam zu Hause friedlich überstehen, wird sich bald zeigen.

In diesem Jahr zeigt Ihr Kalender keine Pause an. Darunter sind auch zwei Neuproduktionen hintereinander. Auf den „Rosenkavalier“ in Berlin hätte „Lohengrin“ in Barcelona folgen sollen, dann ein konzertanter „Tristan“ in New York und einiges mehr. Wie gehen Sie mit diesen Verlusten um?

Das ist auch für mich noch immer nicht ganz zu fassen. Man sprüht vor Energie, schafft es bis an die Weltspitze, hat einen der dichtesten Kalender im ganzen Opernzirkus überhaupt, wo bis 2024 ein Knaller den anderen jagt und plötzlich steht man von heute auf morgen vor der Frage, gibt’s eigentlich Arbeitslosengeld? Total verrückt. Gut, ich komm schon noch ein bisschen durch, aber vielen Kollegen steht das Wasser bereits jetzt bis zum Hals. So wie auch vielen tausenden Klein-und Mittelbetrieben, die mir jetzt besonders leid tun. Denn sie sind es, die durch ihre Wirtschaftsleistung erst ermöglichen, dass der Staat überhaupt Steuereinnahmen generieren kann. Da geht’s um Existenzen!

Opernhäuser streamen Vorstellungen, Orchester und Solisten stellen Konzerte ins Netz. Ist das auch für Sie eine Option, durch diese Zeit des kulturellen Stillstands zu kommen?

 Diese Idee ist nicht schlecht, aber natürlich nur eine absolute Notlösung, um den Leuten den Schock des Totalstillstands erträglicher zu machen. Wir Musiksüchtigen brauchen echte, analoge Menschen, die atmen, fühlen, lachen und weinen. und Dieser Austausch einer ganz besonderen Energie, die zwischen Publikum und Künstlern schwingt, kann eben nur im echten Leben stattfinden. Ich mache mir auch schon Gedanken über die Zeit nach den rigorosen Totalsperrungen und habe diesbezüglich mit Roland Geyer vom Theater an der Wien über eine Art „Musik für 99“ mit entsprechenden Sicherheitsabständen diskutiert. Mein großer Traum wäre allerdings, wenn wir uns alle am 22. April in der Wiener Staatsoper wiedersehen könnten und mit DER Freiheitsoper überhaupt, „Fidelio“, eine Art zweite Wiedereröffnung feiern könnten. Zumindest Beethoven könnte sich wahrscheinlich kein schöneres Geburtstagsgeschenk zu seinem 250. vorstellen.

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