Ulrich Tukur hat eine Schwäche für die Welt von gestern.

© APA/BORIS ROESSLER

Ob Séraphine heute schon die Farbe angerührt hat?
10/19/2013

Ob Séraphine heute schon die Farbe angerührt hat?

"Die Spieluhr": Ulrich Tukur erfreut erneut mit einem reizend manirierten, unheimlichen Märchen.

von Barbara Mader

Vor Kurzem sagte Ulrich Tukur in einem Interview, er halte Smartphones für gefährlich. Ein Befund,den man durchaus teilen kann, wenn man eine Schwäche für aus der Zeit Gefallenes hat.

Es ist bekannt, dass der viel beschäftigte Schauspieler Sympathie für die Welt von gestern hat: Er leitet eine „Tanzkapelle“ namens „Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys“.

Ein weiterer wohltuender Anachronismus in Tukurs Schaffen ist nun seine Novelle „Die Spieluhr“. Eine Lektüre, bei der man ausnahmsweise vom Äußeren aufs Innere schließen darf: Das schmale Bändchen ist mit grau-blauem Leinen überzogen und mit einer prächtigen Goldprägung versehen; innen illustrieren filigrane Schattenrisse die Erzählung.

Es geht um eine geheimnisvolle Zeitreise, die zwischen den Jahrhunderten mäandert und sich nicht zwischen Traum und Wirklichkeit entscheiden kann (und mag).

Die Wirklichkeit ist diese:

2008 spielte Tukur in Martin Provosts Kinofilm „ Séraphine“ den deutschen Kunstsammler Wilhelm Uhde, der 1912 in der französische Provinz in seiner Putzfrau Séraphine eine meisterhafte Malerin entdeckt und sie fördern will, wie er es bereits mit Pablo Picasso und Henri Rousseau getan hat. Auch das ist eine wahre Geschichte: Uhde und Séraphine Louis hat es gegeben, sie zählt heute zu den bedeutendsten Vertretern der französischen Naiven Kunst.

Identitäten

Die Rolle in Provosts Film hat Tukur offenbar nicht losgelassen. In seiner Novelle (seine zweite Veröffentlichung nach dem Erzählband „Die Seerose im Speisesaal“) tritt er als Ich-Erzähler auf, als Schauspieler, der noch am Set zum „Séraphine“-Film neugierig auf deren wahre Geschichte wird. Hier beginnt das hübsche Spiel mit Identitäten: Die wahre Geschichte führt flugs zu verarmten Adeligen. Sie bewahren in ihren Schlössern Bilder und Spieluhren auf, die nachts lebendig werden.

Es folgt eine Zeitreise in eine Welt, in der man sich hinter Wandteppichen verliert: Wo „Musikanten, zum Tanz aufspielen“; in der „helles Mondlicht durch belaubte Wipfel fällt“; wo man auf Kastanienalleen im „Pas de deux dahinschreitet“; wo Protagonisten „Marquise von Montrague“ heißen und Sätze sagen wie: „Treten Sie ruhig näher.... Sie sind so schön, Monsieur!“

„Man lässt sich da hineinziehen und verliert sich dann und wird süchtig nach dem Ding“, sagte Tukur über die gefährlichen Smartphones. Man kann das auf diese Novelle umlegen. Sie hat eine Sogwirkung. Wer will, kann Tukurs Erzählung für maniriert halten. Eine Bagatelle.

Aber: Was wäre unsere Welt der Smartphones ohne liebenswürdige, manirierte Bagatellen?

KURIER-Wertung:

INFO: Ulrich Tukur: „Die SpieluhrUllstein Verlag. 160 Seiten. 18,50 Euro.

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