© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Kritik.
02/05/2021

"Figaro" an der Wiener Staatsoper: Wenn etwas Neues am Entstehen ist

Mozarts „Le nozze di Figaro“ wurde als Fernsehoper aufgezeichnet, zu sehen am Sonntag.

von Peter Jarolin

Da ist er auch schon wieder, dieser Konjunktiv, der seit Beginn der Pandemie nicht nur – aber auch – über der Kulturbranche wie ein Damoklesschwert schwebt. Denn wieder einmal war alles anders als geplant. So hätte ORF III kommenden Sonntag die Neuproduktion von Georges Bizets „Carmen“ in der Regie von Calixto Bieito live und ohne Publikum aus der Wiener Staatsoper als Fernsehpremiere übertragen sollen.

Dann jedoch gab Mezzosopranistin Anita Rachvelishivili, die Sängerin der Titelpartie, ihre Corona-Erkrankung bekannt. Auch Mitglieder des bei „Carmen“ nicht ganz unwesentlichen Chores waren von der Infektion betroffen. Die Proben wurden sofort eingestellt.

Aber Staatsoperndirektor Bogdan Roščić sowie ORF III fanden eine Lösung. Immerhin war längst fixiert, auch die Wiederaufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“ unter der Leitung von Musikdirektor Philippe Jordan dem TV-Publikum zu präsentieren. Und genau dies geschieht nun am 7. Februar im Rahmen von „Wir spielen für Österreich“ ab 20.15 Uhr auf ORF III. Die „Carmen“ wird später nachgereicht.

Neue Perspektiven

Mozart statt Bizet und Ponnelle statt Bieito also. Ja, Sie haben richtig gelesen! Die klassisch-legendäre, bei internationalen Gastspielen gern genutzte Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle ( 1988) ist zumindest temporär im Haus am Ring zurück. Sie ersetzt die ziemlich verunglückte „Nozze“ des 2016 verstorbenen Jean-Louis Martinoty und erweist sich nach wie vor als Glücksfall. Ein Glücksfall, den sich die Staatsoper szenisch in der Hinterhand behalten sollte, der aber neuen Perspektiven weichen wird.

Denn es ist das erklärte Ziel von Musikdirektor Jordan, etwas Neues in Sachen Mozart aufzubauen. So wird Barrie Kosky die Mozart/Da Ponte-Trilogie für Wien neu inszenieren. Jordan selbst will ein Mozart-Ensemble aufbauen und sich als Dirigent einbringen. Denn Mozart am Ring ist (auch) Chefsache. Und wenn Mozart so klingt wie bei der Fernsehaufzeichnung – einige wenige Medienvertreter waren zugelassen – darf man sich freuen.

Neue Lösungen

Denn Philippe Jordan gestaltet am Pult des philharmonischen, ausgezeichneten Orchesters einen überaus packenden, straffen, in den Details überzeugenden, auch zum Lyrischen tendierenden „Figaro“. Hier stellt sich die Frage nach „Originalklang“ einfach nicht. Da stimmt bereits sehr viel, denn Jordan nimmt musikalisch das Beste aus beiden Welten und findet in vielen Passagen zu ganz neuen Lösungen. Bravo!

Aber wie steht es um das viel beschworene Mozart-Ensemble? Auch da kündigt sich Vielversprechendes an. So ist der Bariton Andrè Schuen stimmlich auf dem Weg zu einem echten Grafen Almaviva und die Sopranistin Federica Lombardi singt als Gräfin nicht nur ein betörend schönes, berührendes „Dove sono“.

Mit Louise Alder steht eine vokal tadellose Susanna zur Verfügung; Philippe Sly ist ein agiler, spielfreudiger Figaro. Das sind alles Rollen- beziehungsweise Hausdebüts, die sich wirklich hören lassen können, die für die Zukunft ein Versprechen sind. Dazu kommt mit Virginie Verrez ein auch in Wien schon erprobter und guter Cherubino; Stephanie Houtzeel und Josh Lovell sind als Marcellina und als Basilio richtig besetzt. Als Barbarina lässt Johanna Wallroth einmal mehr aufhorchen.

Solide die Interpreten der übrigen kleinen Partien sowie der Chor. Der Anfang ist trotz widrigster Umstände also gemacht. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser „Mozart-Geist“ weiterlebt und vielleicht sogar noch stärker wird. Und dass alle Künstlerinnen und Künstler endlich wieder vor Live-Publikum auftreten und danach ihren berechtigen Applaus entgegennehmen dürfen. Vorerst gibt es ihn leider ja nur virtuell.

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