In die Seele eintauchen: NÖ Landesausstellung thematisiert psychische Gesundheit

„Wenn die Welt Kopf steht“ widmet sich im Landesklinikum Mauer bei Amstetten mit zahlreichen Exponaten und Einblicken facettenreich der psychischen Gesundheit.
Das Gemälde zeigt eine naive, farbenfrohe Figur mit Textfragmenten wie "WALLA", "CDU" und Namen.

Der erste Eintrag ins Gästebuch beginnt mit dem Satz „Mein Urgroßvater wurde hier ermordet.“ Ein Satz, der hier, im frisch restaurierten Jugendstilgebäude mit ansprechend moderner Ausstellungsarchitektur, fast unpassend wirkt. Das dunkelste Kapitel im Umgang mit psychisch kranken Menschen – das „Euthanasie“-Programm der Nazis – kann und darf in einer Schau über seelische Gesundheit, über Therapien im Lauf der Jahrhunderte und den Umgang der Gesellschaft nicht verschwiegen werden.

Im Landesklinikum Mauer bei Amstetten (NÖ) wird es das anhand zahlreicher dokumentierter Patientenschicksale auch nicht. Die Familie des eingangs erwähnten Urgroßvaters Friedrich Schuler stellte für die Ausstellung die Aufzeichnungen des 1945 Ermordeten zur Verfügung. Von den 1920er-Jahren weg war er, vermutlich als Folge einer Traumatisierung im Ersten Weltkrieg, Patient in mehreren psychiatrischen Kliniken gewesen.

Hinter den Fassaden

Es sind Blicke hinter Namen und Zahlen wie diesen, die die gestern eröffnete Schau ausmachen. Man muss hinter die Fassaden schauen, sich einlassen; und dieses Konzept der Kuratoren Niko Wahl und Michael Resch ist wie ein Blick in die menschliche Psyche, den Geist, die Seele. Auch diese sind nicht leicht zu fassen oder Gefühle und Ausdrucksformen nur schwer einzuordnen.

Der Blick ins Innere trifft auch auf den Ausstellungsort zu: Eine weitläufige Klinikanlage, 1902 in mehr als 20 Jugendstilpavillons inmitten eines idyllischen Parks angelegt – und auch während der Schau im Vollbetrieb. Eine Premiere in der Ausstellungslandschaft. In vier Abschnitten mit jeweils 22 Positionen nähert man sich im restaurierten Direktionsgebäude dem Thema an. Die Bereiche spannen sich vom Umgang der verschiedenen Gesellschaften mit dem „Anders-Sein“ über Diagnosen bis zu den Therapien. Die wiederum viele Einblicke zulassen, zumal die Patienten immer nach den jeweils geltenden Standards der Medizin behandelt wurden.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Möglichkeiten allerdings eingeschränkt, das Prinzip „Verwahren und ruhigstellen“ war verbreitet, das veranschaulichen etwa Netzbett oder Zwangsjacke. Berührend die Zeichnung eines Patienten in Deutschland, der 1920 seine Idee „Würdiger Ersatz für Zwangsjacken“ detailreich mit Erklärungen aufzeichnete.

Wie überhaupt künstlerische Ausdrucksformen eine gewichtige Rolle in ihrer Funktion als Kommunikationsmittel mit der Welt quer durch die Ausstellung spielen. Der bunt bemalte Tisch samt Lampe aus dem Zimmer des bekannten Gugginger Künstlers August Walla sind ebenso zu sehen wie Werke von Josef Rädler. Der Porzellanmaler lebte von 1905 bis 1917 im Klinikum Mauer und setzte sich in seinen filigranen Darstellungen mit dem Anstaltsalltag auseinander. Eine Chance, diese vielen unbekannten Künstler zu entdecken.

Exponate aus dem Klinikalltag

Was die Ausstellung besonders anschaulich macht, sind die unzähligen Exponate, die „aus den Tiefen von Mauer“, wie es die Kuratoren formulieren, auftauchten. Sie schlummerten in Depots oder wurden von Privatpersonen verwahrt, da sie dem heutigen Klinikalltag längst nicht mehr entsprechen. Gezeigt wird etwa ein Kleiderschrank aus der ursprünglich als Gesamtensemble entworfenen Möblage, der heute noch in der Sakristei der Pfarre Mauer verwendet wird. 

Oder der Inhalt eines anderen Kastens, der im Depot der Klinik Jahrzehnte versperrt überdauert hatte. „Das war ein Schatz, den wir da gefunden haben“, sagen Wahl und Resch. Viele der ausgestellten Objekte werden nach der Ausstellung in die Bestände der Sammlungen des Landes NÖ übergehen.

Die Brücke zur Gegenwart, zum heute mehr denn je brennenden Thema der psychischen Gesundheit, schlagen immer wieder interaktive Stationen, in denen Menschen – Betroffene, Ärzte, Therapeuten – erzählen. Am Ende können sich die Besucher selbst noch eine positive Gefühlsdusche via Kopfhörer gönnen – mit aufmunternden Worten von Schülern der Volksschule Haag. Oder man hört James Brown zu, wie er „I feel good“ singt.

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