Kultur
08.10.2012

Walla: Schweinchenrosa war seine Lieblingsfarbe

August Walla war einer der vielseitigsten Art-Brut-Künstler Österreichs. Dem 2001 verstorbenen Gugginger Maler ist nun eine Werkschau gewidmet.

Schweinchenrosa war seine Lieblingsfarbe, zu seinen meist verwendeten Symbolen zählten Hammer, Sichel und Hakenkreuz. Das kam so: Der 1936 geborene August Walla wurde als Mädchen erzogen – in der Vorstellung, er müsste dann nicht zum Militär. Dass er kein Mädchen war, merkte er in der Zeit der russischen Besatzung. Er fand dafür eine Erklärung: Er sei ein "Nazimädchen" gewesen, das zum russischen Knaben umoperiert worden sei. Das spiegelverkehrte Hakenkreuz wurde in seiner Kunst zum Symbol des Weiblichen; das Männliche war russisch und mit Hammer und Sichel bestückt. Der Universalkünstler liebte Symbole, Abkürzungen, Fremdsprachen. Und erfand eigene Sprachen. Er gestaltete seine Umgebung, indem er Häuser, Straßen und Bäume beschriftete. Seine Wortschöpfungen lassen sich aus seiner Biografie erklären. "Adolfe" ist oft zu lesen: Adolf Hitler im Radio war die einzige männliche Stimme, die er als Kind kannte. Daraus schloss er, er sei Hitlers Sohn und gab sich den Zusatznamen Adolfe.

Wallas Hauptbezugsmensch war seine Mutter. Erst nach ihrem Tod begann er, mit anderen zu kommunizieren. Johann Feilacher begleitete Walla seine letzten 25 Lebensjahre. Er leitet das Haus der Künstler in Gugging, wo Walla von 1983 bis zu seinem Tod 2001 lebte und weiß jene Details aus Wallas Leben, die sein einzigartiges Werk erklären. Walla kam nach Gugging, weil er gerne badete. In der Kaserne, in der er mit seiner Mutter hauste, herrschten katastrophale sanitäre Verhältnisse. So kam er hierher, um die Badewanne zu benutzen. Später bot ihnen der damalige Gugging-Leiter Leo Navratil ein Zimmer an. Walla begann sofort, den Raum zu bemalen. Wallas Zimmer gleicht einem Schrein. Auch die Decke wurde bemalt, mehrmals. Er machte sich einen Spaß daraus, die Farben zu "verdünnen", mit Körperflüssigkeiten oder mit Essig und Öl, die er in einem Wägelchen hinter sich herzog.

Interview mit dem Gugging-Direktor: "Kunst therapiert nicht"

Schlachtplatz

Walla bemalte gerne auch die Werke der anderen Gugging-Künstler. Mit den Malern Hansi Garber und Johann Hauser gab es Revierkämpfe. Ein Schlachtplatz ist eine Wand im Foyer des Hauses, auf die Hauser zuerst ein Herz malte. Wenig später hatte Walla darübergeschrieben. Hauser war wütend und übermalte Walla. Einen Tag nach Hausers Tod hatte Walla wieder alles übermalt. Nur an Hausers rotes Herz traute er sich nicht. Diese Spielchen gibt es auch an anderen Orten. Kaum sah Garber eine Linie von Walla, malte er Pünktchen drüber. Walla rächte sich mit einem Bild, auf dem Garber als Teufel zu sehen ist. Garber betrachtet das Bild oft, stets mit gemischten Gefühlen. Gekränkt, aber doch stolz, im Mittelpunkt zu stehen. "Garber Hansi mein Teufel", ist da zu lesen. Garbers Retourkutsche: Unter Wallas Fenster schrieb er an die Wand: "Hansi Garber großer Künstler".

Neben Malen gehörten Essen und Leute erschrecken zu Wallas Leidenschaften. Zum Geburtstag verdrückte er zwölf Schnitzel. Beim Wirten schockierte er Gäste mit Körpergeräuschen. Am Tennisplatz ging er nackt vorbei, kein schöner Anblick, er war dick und litt an einer Hautkrankheit. Walla ließ sich nicht gerne dreinreden. Johann Feilacher besitzt Hunderte Briefe von ihm. Wenn Walla etwas wollte, schrieb er Feilacher einen Brief nach Hause, anstatt mit ihm zu reden. Ein anstrengender Mensch. Feilacher vermisst ihn manchmal.

Haus der Künstler: Im Museum Gugging

Art Brut: Im Haus der Künstler in Gugging leben psychisch kranke Menschen, sieben von ihnen sind künstlerisch tätig. Sie zählen zu den Vertretern der Kunstrichtung Art Brut.

Weltallende: Die Retrospektive "august walla.! weltallende" ist von 29. März bis 28. Oktober zu sehen. Museum Gugging, 3400 Maria Gugging.

Weiterführende Links

Mehr zum Thema

  • Interview

  • Hauptartikel