© Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Kritik
07/30/2021

Nitsch-Aktion in Bayreuth: Der gelb-orange-pinke Walkürenritt

Hermann Nitsch bezwang mit seiner Malaktion zu Wagners "Walküre" den Grünen Hügel in Bayreuth.

von Gert Korentschnig

Es beginnt mit einer ganz weißen Bühne.

Weiß - die ultimative Farbe (oder Nicht-Farbe) etwa für Alexander Skrjabin. Wenn das Licht blende, würden sich alle Farben in Weiß verwandeln. Dann kommen ein paar weiß gewandete Menschen auf die Bühne, im Verlauf der Aufführung sollen es zehn werden. Dazu drei Sänger, Sieglinde, Siegmund und Hunding, alle in Schwarz.

"Wes Herd dies auch sei, hier muss ich rasten" - so beginnt "Die Walküre" von Richard Wagner. Wessen Herd? Hier kocht und malt und gestaltet und kommandiert Hermann Nitsch, der österreichische Künstler. Und er macht eine konzertante Aufführung dieses Werkes bei den Bayreuther Festspielen zu einer großen Kunstaktion.

"Ring 20.21"

Das Projekt ist einzigartig in der Geschichte der Festspiele und trägt den Titel "Ring 20.21": Alle vier "Ring"-Teile aus unterschiedlichen Perspektiven und von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Genres gestaltet. "Immer noch Loge" ist eine Oper von Gordon Kampe, seine Auseinandersetzung mit "Rheingold", basierend auf einem Text von Paulus Hochgatterer und in der Inszenierung des Puppenspielers Nikolaus Habjan am Teich vor dem Festspielhaus.

Der Amerikaner Jay Scheib, der 2023 den ersten 3 D-"Parsifal" auf die Bayreuther Bühne bringen wird, lässt Besucher in "Sei Siegfried" mit einer Virtual-Reality-Brille den Drachen töten.

Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota hat eine Installation, "The Thread of Fate", in Bezug auf die "Götterdämmerung" in den Park auf dem Grünen Hügel gestellt. Und der Höhepunkt: Hermann Nitsch im Großen Festspielhaus.

Farbenrausch

Einen Farbenrausch hatte er schon im Vorfeld versprochen. Musik und Farben - da besteht seit der Antike ein enger Zusammenhang. Kann man Töne nicht nur hören, sondern auch sehen? Welche Farbe entspricht welcher Tonart? Eine Diskussion, die im 18. Jahrhundert durch das Farbenklavier wieder aufkam. Und später durch Wassily Kandinsky ("Über das Geistige in der Kunst") oder eben durch Skrjabin fast populär wurde. Sie alle verstanden sich als Synästhetiker, es ging ihnen also um die Verschmelzung der Sinneseindrücke.

Nitsch sieht sich durchaus in dieser Tradition, nicht erst seit seiner "Kathedrale der Farben" (2009). Er sieht seine Arbeit aber auch als Gesamtkunstwerk, wie die Opern von Wagner. Bildende Kunst trifft Musik trifft Drama trifft Gerüche und andere Empfindungen - das ist sein Antrieb. Und nicht nur darob ist nun "Die Walküre" zumindest prestigemäßig der Höhepunkt seiner bisherigen künstlerischen Arbeit.

An der Wiener Staatsoper hätte er nach der "Hérodiade" von Jules Massenet vor vielen Jahren den "Parsifal" inszenieren sollen, dazu kam es nicht, weil seine Ideen damals zu komplex waren. "Parsifal" hätte auch in Bayreuth besser zu seiner christlichen Opfersymbolik gepasst.

Aber auch "Die Walküre" macht er zu seinem Werk. Weiße Bühne also. Dann schüttet jemand von oben auf eine riesige Wand aus einem Kübel zum Vorspiel Grün. Dann Blau. Und langsam rinnen die Farben nach unten, ein zarter Kontrast zur Wucht aus dem Orchestergraben. Wenn Siegmund von der "seligen Lust" singt, wird es violett. Und Hunding kriegt die Farbe Gelb, die das Grün überlagert - kein Platz mehr für die Hoffnung.

So erzählt Nitsch, der für das Publium unsichtbar neben der Bühne Kommandos gibt, die Geschichte parallel, geplant und wohl auch intuitiv zur Musik. Nothung erhält ein strahlendes Blau, zu "Ein Schwert verhieß mir der Vater" packen die Schütter oder Schüttanten (offiziell heißen sie Malassistenten) Besen aus und verwischen die Farben am Boden. Am Ende des ersten Aktes, nachdem es zur Blutschande des Wälsungenpaares gekommen ist, dominiert kräftiges Rot die Bühne.

Pause. Und Durchatmen für die Augen.

Wieder: Weiß

Der zweite Teil beginnt ebenso in Weiß, ein neues Kunstwerk entsteht. Während Wotans Monolog dominiert bedrohliches Schwarz. Und wenn Hunding Siegmund tötet, wird auf der Bühne, wie aus Nitsch-Aktionen bekannt, eine Person auf einem Kreuz mit Farbe beschützt. Wieder alles Rot, echte Farbe, kein Blut.

Wieder wieder Weiß

Dritter Aufzug, wieder Weiß, Walkürenritt. Dieser erklingt bei Nitsch in hellem Gelb, dann kommen Orange und Pink dazu. Und in diesem Teil wird die Wand auch von vorne beschüttet, das Ergebnis ist RAL-Farben-mäßig prachtvoll und höchst intensiv.

Vorhang zu, Vorhang wieder auf, Buhs für die Malassistenten, Applaus für die Sänger, dann ein heftiger Buhorkan für Nitsch, der Wonnemond weicht hier den Winterstürmen, unterbrochen jedoch von Jubel.

Ein Kampf zwischen den jeweiligen Fronten, was soll Schöneres passieren? Mit der Ablehnung befindet sich Nitsch in guter Gesellschaft in Bayreuth. Man erinnert sich an Frank Castorf, der die Buhs für minutenlang genossen hat. Von Patrice Chereau 1976, dessen "Ring" heute als Jahrhundert-Ereignis gilt, gar nicht zu sprechen.

Verblüffend

Dennoch ist die Ablehnung verblüffend, weil Bildende Künstler und ihre Auseinandersetzungen mit Opern eine lange Tradition haben. Zuletzt war es in Bayreuth Neo Rauch mit einem "Lohengrin"-Bühnenbild. In München hatte Georg Baselitz den "Parsifal" ausgestattet. Bei solchen Produktionen hatte man jedoch zumeist den Eindruck, dass Regie und Bühne einander im Weg stünden. Hier steht Nitsch niemand im Weg - und eine an sich konzertante Aufführung wird zu einer packenden Inszenierung, der man in Bezug auf Nitsch nur vorwerfen kann, dass man nach sechs Stunden (inklusive Pausen) Live-Aktion wirklich genug gesehen hat.

Die Musik

Allerdings handelt es sich bei dieser Produktion immer noch um Oper - und so wird auch dirigiert, nämlich von Pietari Inkinen. Er bekam bei seinem Debüt am Grünen Hügel ebenfalls die Ablehnung des Publikums zu spüren, für verschleppte Tempi, zu wenig Dramaturgie, fehlende große Bögen. So langweilig haben etwa die Todesverkündung, der Walkürenritt oder auch Wotans Abschied hier seit langem nicht mehr geklungen. Könnte man vernachlässigen, wäre Inkinen nicht 2022 der Dirigent des gesamten neuen "Ring". Neues Jahr, neues Glück.

Was die Sängerbesetzung betrifft, hatte im Vorfeld die Absage von Günther Groissböck als Wotan für eine Überraschung gesorgt.

Bei diesen Tempi als Göttervater zu debütieren, wäre auch ein Höllenritt gewesen. Der Einspringer, Tomasz Konieczny, sang mächtig, ausdrucksstark, aber wie immer mehr gewaltsam als elegant.

Klaus Florian Vogt ist als Siegmund das genaue Gegenteil: zart und lyrisch. Dmitry Belosselskij als Hunding gibt wiederum Vollgas. Grandios agiert Lise Daviden als Sieglinde - berührend, kraftvoll, top in der Höhe. Iréne Theorin ist eine hochdramatische Brünnhilde, Christa Mayer eine solide Fricka.

Insgesamt war der Bayreuther Summersplash (man hört die Farbe aus den Kübeln immer wieder auf den Boden klatschen) eine faszinierende Erfahrung. Und hoffentlich hat Nitsch der Wein trotz Buhs geschmeckt.

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