Kultur
31.12.2017

Neujahrskonzert: "Der Humor liegt in der Musik selbst"

Riccardo Muti steht zum fünften und wohl nicht letzten Mal am Pult der Wiener Philharmoniker. Und: Wer 2019 dirigiert.

Es war 1992. Eben erst hatten die Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti alle Symphonien von Franz Schubert eingespielt. Mit Folgen: "Daraufhin hat mir das Orchester erstmals die Leitung des Neujahrskonzerts angeboten", erinnert sich der neapolitanische Stardirigent.

Er selbst habe anfangs gezögert, aber damalige Orchestervorstand Werner Resel habe ihn auf die Parallelen zwischen Schubert und der Strauß-Dynastie hingewiesen. Insgesamt vier (grandiose) Neujahrskonzerte später sieht auch Muti, dass diese Komponisten "die Wiener Seele" repräsentieren.

Am Montag (ab 11.15 Uhr, ORF2) wird der inzwischen 76-jährige Stardirigent sein fünftes Neujahrskonzert leiten. Und dabei eines immer im Hinterkopf haben: "Ich habe von diesem Orchester so unendlich viel gelernt. Und das über drei Generationen hinweg. Anfangs habe ich noch mit Musikern gearbeitet, die einen Wilhelm Furtwängler und einen Clemens Krauss erlebt haben."

Doch auch die Musiker streuen dem ihnen seit 48 Jahren ununterbrochen verbundenen Maestro Rosen. "Wir haben eine tiefe Bewunderung für ihn", betonte etwa Violinist Daniel Froschauer auch in seiner Funktion als neuer Orchestervorstand bei der Programmpräsentation. Froschauer: "Ich kann das schwer in Worte fassen."

Die Musik sprechen lassen will auch Muti. "Ich werde keine Gags machen. Das ist bei der Strauß-Dynastie nämlich gar nicht notwendig. Der Humor liegt in der Musik selbst." Nachsatz: "Aber auch die Melancholie und die Wiener Seele. Diese Musik lässt einen Tag lang einfach nur träumen."

Doch was macht das Neujahrskonzert der Wiener für den neapolitanischen Maestro so einzigartig? "Erstens die Wiener Philharmoniker. Und zweitens die Musik der Strauß-Dynastie."

Muti weiter: "In Italien etwa glauben manche, der Gefangenenchor aus Verdis ,Nabucco‘ müsse zu Neujahrs gespielt werden oder die italienische Nationalhymne werden. Das ist Unfug. In diesem ,Va pensiero‘ beklagen die Unterdrückten ihr Joch unter der Tyrannei."

Verdi und Fußball

Muti lachend: "Und außerdem ist der Chor ziemlich lang. Stellen Sie sich das vor einem Fußballspiel vor. Alle Spieler stehen minutenlang mit hängenden Köpfen da und sollen dann gewinnen? Und auch das in Italien gern gespielte ,Brindisi‘ aus Verdis ,La Traviata‘ schildert eigentlich das Wissen einer Frau um ihren baldigen Tod. Das ist doch nicht geeignet für ein Neujahrskonzert."

Dass 2018 viel Italienisches im Goldenen Saal des Musikvereins zu hören sein wird, ist dennoch logisch. Zwischen Neapel und Wien bestand immer schon eine enge Beziehung. Nicht nur weil Maria Karolina, eine Tochter Maria Theresias, Königin von Neapel war und nicht nur kulturell sehr viel Gutes getan hat. Neapel und Wien waren damals auch beide Zentren der Musik. Und Strauß wiederum hat später die italienischen Komponisten bewundert, und umgekehrt. So ist der "Wilhelm Tell-Galopp" von Strauß Vater eine Hommage an Rossini, und die "Un ballo in maschera"-Quadrille des Sohnes eine Hommage an Verdi. Beides wird man hören.

Pausenfilm: Die Primaballerina und ein Tanz über Steine

Wer am 1. Jänner im Goldenen Saal des Musikvereins live vor Ort ist, kann sich glücklich schätzen. Denn bekanntlich sind Karten für das Neujahrskonzert heiß begehrt. Wer die Wiener Philharmonikern und Riccardo Muti im Fernsehen verfolgt, hat dafür einen anderen Vorteil. Nämlich die Übertragung zweier (aufgezeichneter) Ballett-Einlagen.

Konkret geht es um den Walzer „Rosen aus dem Süden“ von Johann Strauß Sohn und die „Stephanie-Gavotte“ von Alphons Czibulka. Im Schloss Eckartsau (siehe Seite 30) fanden die Dreharbeiten zum Walzer, im Hietzinger Hofpavillon jene zur Gavotte statt. Es tanzen Solistinnen und Solisten des Wiener Staatsballetts; für die Choreografie ist Davide Bombana zuständig. Bereits zum dritten Mal nach 2012 und 2015 hatte der italienische Choreograf, der erst kürzlich an der Volksoper mit „Roméo et Juliette“ einen Erfolg feierte, diese Verantwortung inne. „Das ist immer eine große Ehre und auch eine Herausforderung“, sagt Bombana zum KURIER.

Lachend: „Man darf nie daran denken, wie viele Millionen Menschen auf aller Welt das sehen. Aber beim Dreh hat man ohnehin andere Probleme.“ Und welche? „Erklären Sie einmal einer Primaballerina, dass sie über Steine tanzen muss und dabei möglichst natürlich aussehen möge. Aber ich hoffe, dem Publikum gefällt unsere gemeinsame Arbeit. Wir haben immerhin viel Zeit und Schweiß investiert.“

Alle Infos: Beginnzeit und Programm des Neujahrskonzerts

Das Neujahrskonzert 2018 startet am 1. Jänner um 11.15 Uhr. ORF2 überträgt live.

Das Programm:

  • Johann Strauß (Sohn): „Einzugsmarsch“
  • Josef Strauß: „Wiener Fresken“
  • Johann Strauß (Sohn): „Brautschau“
  • Johann Strauß (Sohn): „Leichtes Blut“
  • Johann Strauß (Vater): „Marienwalzer“
  • Johann Strauß (Vater): „Wilhelm Tell-Galopp
  • Franz von Suppé: Ouvertüre zu „Boccaccio“
  • Johann Strauß (Sohn), „Myrthenblüten“
  • Alphons Czibulka, „Stephanie-Gavotte“
  • Johann Strauß (Sohn): „Freikugeln“
  • Johann Strauß (Sohn): „Geschichten aus dem Wienerwald
  • Johann Strauß (Sohn), „Festmarsch“
  • Johann Strauß (Sohn): „Stadt und Land“
  • Johann Strauß (Sohn): „Un ballo in maschera“
  • Johann Strauß (Sohn): „Rosen aus dem Süden“
  • Josef Strauß: „Eingesendet“

Und wer dirigiert 2019?

Laut unbestätigten KURIER-Infos folgt Christian Thielemann auf Riccardo Muti.