Kultur 01.01.2012

Neujahrskonzert '12: Strauß und Tschaikowsky

"Die gute, alte Zeit hat es nie gegeben" und wenn, dann nur in der Musik der Strauß-Dynastie. Philharmoniker- Vorstand Hellsberg im Interview.

Zum zweiten Mal dirigiert Mariss Jansons das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Zum ersten Mal erklingen dabei Werke von Tschaikowsky. Zum ersten Mal seit 1998 sind die Wiener Sängerknaben wieder dabei. Aber wie lange ist es eigentlich her, dass Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg bei diesem künstlerischen Ereignis debütierte?

KURIER: Wann haben Sie selbst Ihr erstes Neujahrskonzert gespielt?
Clemens Hellsberg: 1978, damals noch bei der Zweiten Geige. Das war das vorletzte Neujahrskonzert mit Willi Boskovsky. 1978 wurde ich dann Primgeiger und habe als solcher zum ersten Mal 1980 beim Neujahrskonzert-Debüt von Lorin Maazel gespielt. In den vergangenen 15 Jahren, seit ich Vorstand des Orchesters bin, musste ich ein einziges Mal krankheitshalber passen.

Was waren aus Ihrer Sicht in diesen 34 Jahren, abgesehen von den wechselnden Dirigenten, die markantesten Änderungen beim Neujahrskonzert?
Die markanteste Änderung ist eine Bestätigung – nämlich, dass es zeitlose Werte gibt. Dazu zählt die Musik der Strauß-Dynastie. Das ist zweifellos große Musik. Sie als leicht und oberflächlich zu bezeichnen, ist völliger Blödsinn. Das können nur Ignoranten. Nicht umsonst waren einige der bedeutendsten Komponisten – Liszt, Wagner, Brahms oder Tschaikowsky – Bewunderer der Sträuße.

Bei dieser Musik denken viele Menschen an die gute, alte Zeit. Die war aber, wie man weiß, gar nicht so gemütlich. Da gab es, ähnlich wie heute, viele Krisen ...
Die gute, alte Zeit hat es sicher nie gegeben. Es war politisch schwierig, gesellschaftlich ebenso, medizinisch, sozial. Wenn man so will, gab es die gute, alte Zeit nur in der Musik der Sträuße. Sie spiegelt das Beste unserer Träume, unserer Wünsche wider. Und reflektiert dabei die historischen Umstände. Deshalb ist es auch so spannend, sich umfassend damit zu beschäftigen.

Der Dirigent des heurigen Neujahrskonzertes, Mariss Jansons, gilt als besonders präziser, konsequenter Künstler. Wie schwierig war es für Sie, mit ihm das Programm festzulegen?
Das war gar nicht schwierig, wir sind rasch zu einem faszinierenden Resultat gekommen.

Nach welchen Kriterien wurden die Stücke festgelegt?
Im ersten Teil geht es um das Thema Wettbewerb. Zum Beispiel die Walzer "Rathaus-Ball-Tänze" von Johann Strauß und "Wiener Bürger" von Ziehrer: Sie wurden als Auftragswerke für den ersten Ball im Wiener Rathaus 1890 komponiert. Fast wie bei einem Wettkampf. Ziehrer bekam damals mehr Zustimmung, weil viele wahrscheinlich nicht gleich verstanden haben, wie raffiniert Strauß sich selbst mit dem "Donauwalzer" zitiert und diesen in Verbindung mit dem "Kaiserlied" bringt. Er war sich eindeutig selbst bewusst, dass er mit dem "Donauwalzer" die heimliche Hymne Österreichs geschrieben hat. Die "Albion"-Polka von Johann Strauß wiederum (Albion als antiker Name für England, Anm.) ist eine Hommage an London, wo 2012 die Olympischen Spiele stattfinden. Und von Josef Strauß spielen wir die "Jokey"-Polka – er hat sich sehr für Pferdesport interessiert.

Im zweiten Teil gibt es, nach dem Auftakt mit "Danse diabolique" von Joseph Hellmesberger jun., erstmals auch Werke von Tschaikowsky – aus dem Ballett "Dornröschen". Warum?
Tschaikowsky ist der Symphoniker, der sich am meisten mit dem Phänomen Walzer auseinandergesetzt hat. Die Wahl hat aber auch viel mit Mariss Jansons zu tun, der, obwohl er ja Lette ist, in St. Petersburg und später dann in Wien aufgewachsen ist. Es gibt dazu einige Werke der Sträuße, die für oder in St. Petersburg geschrieben wurden. Und die "Carmen-Quadrille", die Jansons ausgesucht hat, weil er die Oper "Carmen" in Wien vor einigen Jahren absagen musste. Dieser Programmteil hat also viel mit der Lebensgeschichte von Jansons zu tun.

Wie viele Länder werden das Konzert übertragen?
73. Ich freue mich sehr, dass Australien soeben einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat. Und dass China sogar bis 2017 dabei ist. So lange läuft auch der Vertrag mit dem ORF , mit dem uns eine ideale Partnerschaft verbindet.

Dirigenten: 2013 folgt Welser-Möst

Mariss Jansons dirigiert nach 2006 sein zweites Neujahrskonzert.
© Bild: ORF

Mariss Jansons: Der Stardirigent wurde 1943 in Riga (Lettland) geboren. Sein Vater war Dirigent, seine Mutter Opernsängerin. Nach Studien u. a. in Wien übernahm Jansons erst das Oslo Philharmonic Orchestra, dann das Pittsburgh Symphony Orchestra. Gegenwärtig ist er Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Concertgebouworchesters Amsterdam.

Franz Welser-Möst: 2013 wird, wie die Philharmoniker gegenüber dem KURIER bestätigten, Welser-Möst wieder (so wie 2011) das Neujahrskonzert leiten. Der Dirigent wurde 1960 in Linz geboren. Er war Musikdirektor der Oper Zürich (von 1995 bis 2002); seit 2002 ist er Chef (bis 2018) des Cleveland Orchestras. Seit 2010/’11 ist Welser-Möst Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper.

Das Programm: Viel Strauß, aber auch Tschaikowsky

1. Teil: Johann Strauß und Josef Strauß: „Vaterländischer Marsch“.

Johann Strauß: "Rathhaus-Ball-Tänze". Walzer.

Johann Strauß: "Entweder – oder!" Polka.

Johann Strauß: "Tritsch-Tratsch." Polka.

Ziehrer: "Wiener Bürger." Walzer.

Johann Strauß: "Albion". Polka.

Josef Strauß: "Jokey". Polka schnell.

2. Teil: Joseph Hellmesberger: "Danse diabolique".

Josef Strauß: "Künstler-Gruß". Polka française.

Johann Strauß: "Freuet euch des Lebens". Walzer.

Johann Strauß Vater: "Sperl-Galopp".

Lumbye: "Copenhagener Eisenbahn Dampf". Galopp.

Josef Strauß: "Feuerfest". Polka française.

Eduard Strauß: "Carmen-Quadrille".

Tschaikowsky: "Panorama" aus "Dornröschen".

Tschaikowsky: Walzer aus "Dornröschen".

Johann Strauß und Josef Strauß: "Pizzicato-Polka".

Johann Strauß: "Persischer Marsch".

Josef Strauß: "Brennende Liebe". Polka mazur.

Josef Strauß: "Delirien". Walzer.

Johann Strauß: "Unter Donner und Blitz." Polka.

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( Kurier ) Erstellt am 01.01.2012