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11/04/2020

Neue Kinderbücher für den Herbst: Fantasie verbindet

Tex Rubinowitz und andere genrefremde Autoren haben Märchen für Kinder (und Eltern) geschrieben. Das und noch viele weitere Lesetipps.

von Marco Weise

Wie schreibt man für Sechsjährige? Tex Rubinowitz, KURIER-Cartoonist (Teletex jeden Sonntag), Schriftsteller und Autor, wäre an dieser Frage, an dieser Herausforderung beinahe gescheitert.

„Das Lektorat war das Härteste, das ich je hatte, weil ich keine Kinder habe, und nicht weiß, was Sechsjährige verstehen können“, sagt der deutsche Wahl-Wiener im Gespräch. Als er und 30 andere genrefremde Autoren von Nido, dem leider bereits eingestellten Magazin für junge Familien, den Auftrag erhalten hatte, eine Geschichte für Kinder zu schreiben, bezweifelte er, dass man Kinder mit „rosa Einhörnern, Gummibärchenbäumen und Limonadenbrunnen hinter dem Ofen hervorlocken kann“.

Western für Kinder

Tex Rubinowitz wollte daher in seinem Märchen eine kleine Saloonschlägerei anzetteln. Aber damit begannen auch schon die Probleme, denn der Lektor war damit natürlich nicht einverstanden. „Außerdem sagte er mir, dass Sechsjährige vieles nicht wüssten, etwa was ein Saloon ist, eine Douglastanne und Aasgeier. Daher musste erst einmal Saloon als Kneipe erklärt werden, die Tanne verlor die Typenbezeichnung und der Geier das Aas. Denn woher soll ein Kind auch wissen, was Aas ist?“, sagt der 58-Jährige.

Von der Auftragsarbeit, die nun im Sammelband „Flo, der Flummi und das Schnack“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, konnte er persönlich und beruflich einiges mitnehmen – nämlich was möglich oder unmöglich ist. Man könne zum Beispiel durchaus derb sein: „Ich habe meinen Western für Kinder kürzlich in einer Schule vorgelesen. Wenn es zur Sache geht, etwas physikalisch nicht so einfach funktioniert, wurden sie hellhörig. Etwa beim Teil der Geschichte, an dem die Neunlinge, die nur ein Pferd haben, sich zu neunt auf dessen Rücken drängeln – so etwas kommt gut an“, sagt Rubinowitz. Dieser unkonventionelle Zugang zu Märchen ist auch das Besondere an diesem Buch. Ausgedacht haben sich die 31 Geschichten Autoren und Autorinnen, die in der Regel keine Kinderbücher schreiben (bis auf eine Ausnahme, Paul Maar).

„Meine Geschichte sollte eine Persiflage auf das Western-Genre sein, ich habe dafür ein paar dieser billigen, alten Westernhefte gelesen, die teilweise unfreiwillig komisch sind“, sagt Rubinowitz

Was wurde dem Autor eigentlich selbst als Kind vorgelesen? „Das weiß ich nicht mehr so genau. Dunkel kann ich mich aber an drei große Märchensegmente erinnern: Die Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff, wobei mich die von Andersen am ehesten faszinierten, weil die ja teilweise recht grausam, dunkel, schmerzhaft sind. Sie waren mir immer lieber als die moralischen Volksmärchensammlungen der Grimms. Aber natürlich auch verstörender. Denn Geschichten wie ,Das Mädchen mit den Schwefelhölzern’ sind ja eigentlich Horrorgeschichten.“

Solche findet man in „Flo, der Flummi und das Schnack“ aber nicht. Vielmehr sind es „Vorlesegeschichten für Kinder und Eltern, die sich nicht langweilen möchten“, wie der Untertitel des Buches sagt.

Stachelschwein

Bei insgesamt 31 Autoren, die aus verschiedenen künstlerischen Ecken kommen, ist es zwar naheliegend, dass die Märchen unterschiedlich ausfallen, aber sie alle haben eines gemeinsam: eine große Fantasie.

Jochen Distelmeyer, Sänger der ehemaligen Rockband Blumfeld, ist etwa „Zu Besuch bei Opa Ehrlich“. Der Singer-Songwriter, Schauspieler und Moderator Olli Schulz begleitet Berti & Fauli auf eine gemeinsame Reise. Eva Menasse berichtet über „Paraplü, das Stachelschwein“. Und Juli Zeh erzählt von Zappelchen der Hausspinne, die eigentlich viel lieber im Garten leben möchte. Das alles sind moderne Märchen – mal lustig, mal nachdenklich, mal zum Träumen. Mit wunderschönen Zeichnungen der Illustratorin Martina Liebig.

INFO: 31 Autoren: „Flo, der Flummi und das Schnack“. KiWi. 214 Seiten. 22,70 Euro 

Weitere Kinderbücher 

"Reite den Drachen!": Da ein Besuch in der Justizanstalt nicht möglich ist, schreibt Jan seinem Vater, der im Gefängnis sitzt,  Briefe.  Der Gefangenenseelsorger Matthias Geist gibt im Anhang   von „Reite den Drachen!“ Tipps, wie mit Kindern die schwierige Situation bei der Inhaftierung eines Elternteils gelebt werden kann. Ein pädagogisch wertvolles Buch – mit  Grafiken  von Walther Götlinger. 

Christine Hubka, Matthias Geist: „Reite den Drachen!“. Verlag der Apfel. 48 Seiten. Für Kinder (ab 5), Pädagogen und Sozialarbeiter. 26,70 Euro
 

"Im Dschungel wird gewählt“: Der eitle und egozentrische Löwe, selbst ernannter  König des Dschungels, nervt: Er  denkt wieder einmal nur an sich. Die anderen Tiere wollen sich das aber nicht mehr länger gefallen lassen und rufen zu einer  Wahl auf. Ein gelungenes Bilderbuch über Politik, Demokratie, Meinungsfreiheit und das  Recht auf freie Wahlen – entstanden  in Workshops mit Kindern.

Larissa Ribeiro, André Rodrigues: „Im Dschungel wird gewählt“. Prestel Verlag. Ab 5 Jahren. 48 Seiten. 15,90 Euro

„Unsichtbar in der großen Stadt“: Der Lärm auf der Straße, die vielen Autos und Menschen um einen herum. Alles ist so groß und so schnell. Allein in der großen Stadt zu sein, ist manchmal unheimlich. Besonders, wenn man klein und unbeholfen ist. Zum Glück gibt es Geheimverstecke. Das Bilderbuch erzählt eine leise und bewegende Geschichte –  toll illustriert und erzählt von Sydney Smith.

Sydney Smith: „Unsichtbar in der großen Stadt“. Aladin Verlag. Ab 4  Jahren. 40 Seiten. 18,50 Euro

"Im Wolfswald – Die Geschichte von Tara und Lup“

Die Wolfsgeschwister Tara und Lup sind (fast) unzertrennlich. Zusammen erkunden sie den Wald mit all seinen Geheimnissen und Gefahren. Annette Moser liefert  liebevolle Abenteuer,  erzählt  eine wunderschöne und lehrreiche Geschichte über  Zusammenhalt innerhalb einer Familie. Beobachtet wird das Treiben im Wald von  Krähen, die  stets alles im Blick haben.

Annette Moser: „Im Wolfswald – Die Geschichte von Tara und Lup“. Carlsen Verlag. Ab 8 Jahren. 192 Seiten. 15,50 Euro.

„Füchslein in der Kiste“

Ein alter, zahnloser und bereits müder Fuchs wird auf seinen  letzten   Abenteuern   von  Kaninchen begleitet. Der Fuchs erzählt aus seinem langen Leben und bringt  seinen neuen Freunden  wichtige Weisheiten bei – bis er stirbt. Antje Damms neuester Geniestreich ist ein berührendes Bilderbuch übers Abschiednehmen und den Tod, übers Trauern und  Erinnern. 

Antje Damm: „Füchslein in der Kiste“. Moritz Verlag. Ab 5 Jahren. 32 Seiten.13,90 Euro

„Das große Handbuch der Elfen“

Man muss im Leben  nicht immer alles sehen und  angreifen können, um es zu verstehen.  Das gilt zum Beispiel für die Welt der Elfen, also jene kleinen Naturgeister, die – verborgen vor unseren Augen – überall um uns herum leben, so die Mythologie. Wo und wie das funktioniert, weiß dieses wunderschön  illustrierte Buch, das eine verborgene Welt sichtbar macht.  

Emily Hawkins, Jessica Roux: „Das große Handbuch der Elfen“. Prestel Verlag. 64 Seiten. 25,70 Euro

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