Live-Bericht
06/14/2015

Nova Rock, Tag 3 zur Nachlese

Österreichs größtes Musikfestival im Live-Blog.

von Karl Oberascher

Lange hatte es so ausgesehen, als bliebe Österreichs größtes Musikfestival auch am Sonntag von gröberen Regenfällen verschont. Die brütend heiße Sonne, die dem Roten Kreuz in den vergangenen zwei Tagen mehr als 1.800 Einsätze wegen Hitzeerschöpfung beschert hatte, war am Nachmittag zwar einem Wolken-verhangenen Himmel gewichen, vereinzelte kurze Regenschauer ausgenommen, blieben die Festivalbesucher aber weitestgehend trocken.

Heftiges Abendgewitter

Gegen 19.00 Uhr flutete dann aber ein heftiger Regenguss das Festivalgelände. Der Auftritt der US-Rocker The Gaslight Anthem fiel komplett ins Wasser, musste nach wenigen Nummern abgebrochen werden. Das Programm auf der Blue Stage verschob sich um etwa 30 Minuten. So schnell wie der Regen gekommen war, so schnell war er nach wenigen Minuten aber auch schon wieder weg. Das restliche Programm sollte wie geplant über die Bühne gehen.

Musikalisch zeigte sich der Abschlusstag breit aufgestellt wie selten am Nova Rock. Farin Urlaub (& sein Racing Team) und Deichkind besorgten auf der Red Stage den Abschluss, Motörhead und Slipknot gaben den Nova Rockern auf der größeren Blue Stage die Ehre.

Der KURIER berichtet für Sie live von Österreichs größtem Musikfestival.

Hier finden Sie den Rückblick auf Tag eins.

Hier finden Sie den Rückblick auf Tag zwei.

Nova Rock, Tag 3 zur Nachlese

Ausflippchoreografie

Der Abreisestau hielt sich überraschenderweise in Grenzen, der Weg zurück in die Redaktion ging schneller als gedacht, und so habe ich hier noch Gelegenheit die letzten beiden Acts des Nova Rock 2015 zu erwähnen. In Nickelsdorf selbst war dazu leider keine Zeit mehr. Auf die Gefahr hin jetzt furchtbar pathetisch zu klingen, aber im Bann der Maskenmänner von Slipknot und Deichkind wollte ich mich vor Mitternacht nicht mehr Richtung Pressezelt losreißen. Jedenfalls:

Deichkind bespielten die kleinere Red Stage, wie man es von ihnen inzwischen gewohnt ist - mit kontrollierter Ekstase. Bei der Bühnenshow sitzt jeder Handgriff, die Band aus Hamburg, bei denen bei Live-Auftritten bis zu acht Leuten gleichzeitig auf der Bühne sind, liefern Choreographien wie sie die Backstreet Boys in ihren besten Tagen nicht recht viel besser hinbekommen haben, von den fliegenden Kostümwechseln (sicher so zehn mindestens) ganz zu schweigen. Das ist die Kontrolle.

Für die Ekstase sorgen die Songs. "Remmidemmi" und "Bück dich hoch" sind ja Instant-Party-Klassiker. Und wenn Songs wie das live etwas sperrig wirkende "Leider geil" nicht ganz zünden wollen, wird eben mal der 90er-Jahre-Hit "Show me love" daruntergelegt. Ist ja doch noch irgendwie HipHop, da kann man ja mixen.

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Einnehmend

Deichkind und Slipknot überschnitten sich nur kurz. Die Ehre das Nova Rock 2015 zu beenden, gebührte den Amerikanern alleine. Zu Recht. Wie bei Deichkind, stand auch bei Slipknot die Show im Vordergrund. Eine dunkle, überwältigende, einnehmende Show.

Vor 20 Jahren gegründet, sorgt die Metalformation mit den düsteren Horrormasken in regelmäßigen Abständen für solide bis großartige Kost auf Tonträger und ist live einfach eine Bank. Sänger Corey Taylor wird von zwei Hebebühnen flankiert, auf denen seine Bandkollegen mal zappeln, mal trommeln, jedenfalls immer recht böse dreinschauen. Dazu ein überdimensionaler Ziegenschädel im Hintergrund, und diverse Stichflammen. Beeindruckend.

Aber vor allem: Sänger Corey Taylor. Mit seiner Maske erinnert er an einen Ork, der sich aus Mittelerde ins Industriezeitalter retten konnte. Und ziemlich genau so singt er auch. Taylor wechselt übergangslos vom Schreien ins Fauchen, streut dann eine Strophe im Brustton ein, um kurz darauf wieder loszugrölen. Gepaart mit dem schnellen und präzisen Metal-Sound sorgt das für eine Reizüberflutung der positiven Art. Slipknot zogen das Publikum zwei Stunden lang in ihren Bann. Ein würdiger Abschied.

Denkmal

Lemmy Kilmister ist Motörhead und Motörhead sind ein Denkmal. Ein Indiz dafür: Die Band feiert heuer ihr 40-jähriges Jubiläum und touren noch immer durch alle Festivals Europas. Aber vor allem: Ohne Motörhead kein Heavy Metal.

Und Lemmy? Der ist inzwischen 69 Jahre alt. Man merkt ihm das Alter deutlich an. Lemmy bewegt sich keinen Zentimeter mehr, als er muss. Nuschelt mehr, als er singt (oder eben schreit) und auch die lustlos wirkenden Ansagen sind kaum zu verstehen (und das liegt nicht am breiten Akzent des in Stoke-on-Trent geborenen Briten).

Dass Gitarrist Campbell einspringt, macht's nicht unbedingt besser. "Fucking horrible" zeigt er sich mehrmals ob der lauen Reaktionen aus dem Publikum unzufrieden. Sei's drum. Hier geht es um die Musik.

Gespielt werden alte Klassiker, sympathisch schlampig. "Rock It" aus dem 83er-Album "Another Perfect Day" oder "Shoot you in the Back". Bei "Doctor Rock" setzt Mikkey Dee zu einem rund zehnminütigen Schlagzeug-Solo an. Beeindruckend, der Doublebass mit den beiden Basstrommeln.

Das Denkmal ist nicht beschmutzt, aber eben sehr unbewegt. Aber das haben Denkmäler wohl so an sich.

Wer ist eigentlich Five Finger Death Punch?

Ich geb's gerne zu: Ich habe noch nie etwas von Five Finger Death Punch gehört. Man kann nicht alles kennen. Und eine Band, die mit einer LED-Panel-besetzten Gitarre Metal spielt und am liebsten so wohlklingende Sätze wie "Burn, Motherfucker, Burn" ins Mikro grölt (wie ich jetzt, nachdem ich den Auftritt gesehen habe, weiß), muss ich auch nicht kennen, denke ich mir.

Mich beschleicht aber ein wenig das Gefühl, dass ich damit zu einer kleinen Minderheit gehöre - ignorant quasi. Denn der Auftritt der US-Band ist der am lautesten bejubelte bisher. So gefüllt war der Platz vor der Blue Stage noch nie. Nicht einmal der leise Sound - erst im Laufe des Konzerts wurden alle Boxen, die beim Kurz-Gewitter beschädigt worden waren, wieder zugeschaltet - konnte das ändern.

Anyway - Ich gehe jetzt zu Lemmy Kilmister und Motörhead. *Vorfreude*

Kurzer Exkurs in Sachen Festivalkultur: Der Regen hat nämlich Spuren hinterlassen. Die matschigen Pfützen werden am Campingplatz (und wohl auch später auf den Parkplätzen) noch für Ärger sorgen. Vor der Red Stage kamen sie diesen jungen Hupfern aber gerade recht. Mutig. (Sorry übrigens für die schlechte Qualität. Mein Handy glaubt doch tatsächlich, dass es nur telefonieren können müsse)

Sprechgesang à la Farin Urlaub

Farin Urlaub hat längst seine eigene Art des Sprechgesangs perfektioniert. Der Zeitfaktor ist dabei entscheidend: Drei Lieder spielen, fünf Minuten plaudern, zwei Nummern, dann wieder ein bisschen das Publikum animieren.

Dabei beschwert er sich zu Beginn seines Auftritts auf der Red Stage (nach dem Abbruch von The Gaslight Anthem sogar etwas früher als gesplant, um 20.00 Uhr) noch in epischer Länge, dass er doch eigentlich viel zu wenig Zeit für seine Nummern hätte, um sich dann im erstaunlich Diphthong-sicheren Wienerisch über die "mangelnden Loalafähigkeiten" des Publikums zu beschweren. Der Urlaub, der weiß eben, wie Festival geht - im zunächst erstaunlich schütteren Publikum sind die Reihen schnell gefüllt (dennoch: mehr Menschen wollten lieber die gleichzeitig aufspielenden Five Finger Death Punch sehen - dazu gleich mehr).

Die musikalische Seite beim Rockkabarett ist ähnlich unterhaltsam: Auf eine erfrischende Funk-Version vom Ärzte-Klassiker "Es ist egal, was du bist" folgen Solo-Lieder "Am Strand" und die neue Single "iDisco".

Unterstützt wird der Berliner dabei von der Frauentruppe "Farin Urlaub Racing Team" bestehend aus Cindia Krüger (Bass), Rachel Rep (Schlagzeug), Nesrin „Nessie“ Sirinoglu (Gitarre). Dazu gibt's vier Backgroundsängerinnen. Nur die vier Bläser sind mit Männern bestückt. Vielleicht der subtilste Witz von diesem Herrn Urlaub.

125.000 Besucher

Jetzt, da das Nova Rock ja schon quasi vorbei ist, ist auch einmal Zeit, Bilanz zu ziehen: 125.000 Besucher über drei Tage, die meisten kamen zu den Toten Hosen am Samstag, gab Veranstalter Ewald Tatar im Gespräch mit der APA zu Protokoll. Soviel dazu.

Und jetzt an dieser Stelle noch ein kurzer Exkurs zum Fußball, weil man im Pressezentrum dankenswerterweise auch nicht auf das heutige Länderspiel verzichten muss.

Russland : Östeirreich - 0 : 1

Wer unsere Berichterstattung zum Samstag am Nova Rock verpasst hat: Hier gibt's alle Bilder und Bands von Tag 2 im Überblick:

Alkbottle und Fiva

Vorneweg: Es ist schon spät, und wir haben einiges verpasst. Bereits seit 11.30 Uhr vormittags wird heute musiziert. Wendis Böhmische Blasmusik lud auf der Red Stage zum Frühschoppen, Alkbottle wären schon um 12.20 Uhr zu hören gewesen.

Und am Nachmittag zeigte das Nova Rock, dass es 2015 endlich auch anders kann als hart und härter. Die Münchner Rapperin Fiva MC animierte um 14.40 Uhr sogar zum Mitsingen ("Die Stadt gehört wieder mir"). Eine echte Leistung um diese Uhrzeit.

Keine Festivalspielchen, bitte

Jennifer Rostock ließ es sich im Anschluss nicht nehmen bei einem vom Autor dieser Zeilen gestern schon beobachten Festivalspielchen mitzumachen. Vor dem Konzert von Papa Roach nahmen die Kameramänner junge Mädels, die auf den Schultern ihrer Begleiter saßen, ins Visier. Sobald die dann auf dem Bildschirm erschienen, wurde blank gezogen. Bei den Temperaturen, die dieser Tage am Nova Rock herrschen, geht das ja auch recht schnell. So ein BH ist schnell gelupft. Hätte aber nicht sein müssen, wirklich nicht.

Ob sich Jennifer Weist, Sängerin von Jennifer Rostock ("es ist kompliziert") davon inspirieren hat lassen, wissen wir nicht. Sie zog jedenfalls ohne große Aufforderung schon beim zweiten Lied blank. Die Fotografen im Fotograben, die immer nur die ersten drei Lieder fotografieren dürfen, dankten es ihr.

Und weil ich's jetzt so groß angekündigt habe, will ich mich jetzt auch nicht mehr lumpen lassen. Bitteschön.

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