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Helene Fischer in Wien nicht ausverkauft: Ist der große Schlagerboom vorbei?

Die große deutsche Hitsängerin tritt am Samstag in Wien auf und blickt auf 20 Karrierejahre zurück. Ein guter Moment um zu fragen: Wie geht es ihrem Genre?
Georg Leyrer
Sängerin in rotem Bühnenoutfit singt auf einer erhöhten Plattform, umgeben von Tänzern vor einer großen jubelnden Menge.

Schlager und Berge, das gehört zusammen wie Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Und so weiß wohl jeder, der Schlagermusik gern hört, aber auch alle, die diese Musik produzieren: Wenn man am Gipfel steht, geht es in alle Richtungen abwärts. 

Da liegt eine Frage nah: Nehmen gerade auch der Schlager - eine der popkulturell prägendsten Formen der letzten 20 Jahre - und seine größten Stars wie Helene Fischer und Andreas Gabalier gerade diese Richtung, nämlich vom Gipfel abwärts?

Ein Indiz dafür, dass es gerade nicht nach oben geht, ist wenn man die großen Leistungen der Vergangenheit feiert. 2026 sind gleich zwei jener Stars, die das Genre in die Breite geführt haben, im Rückblicksmodus: Helene Fischer schaut kommenden Samstag auf jener Tournee in Wien vorbei, mit der sie ihre ersten 20 Karrierejahre und den dementsprechenden Geburtstag ihres Debütalbums „Von hier bis unendlich“ feiert. Und Andreas Gabalier veröffentlicht am 28. August das Album „Handwerk“, mit dem er an „10 Jahre Unplugged“ - gemeint ist das MTV-Unplugged-Konzert - erinnert.

Es ist das erste Album von Gabalier seit „Ein neuer Anfang“ 2022. Mit dem landete er, wie mit allen Alben seit 2013, an der Spitze der Austro-Charts. Zuletzt nahm sich der heimische Erfolgsmusiker eine Auszeit. Auf dem kommenden Album gibt es neue und bereits bekannte Gabalier-Songs. Und er geht damit auf eine Tournee, die ihn nicht in die großen Stadien führt, sondern an Orte wie die Festspielhäuser in Salzburg oder Bregenz, um neue Nähe zum Publikum zu schaffen (Wien-Konzerte sind noch keine angekündigt). Es gibt bereits zusätzliche Shows - und derzeit noch Tickets für einige davon.

Von einer derartigen Redimensionierung ist bei Fischer keine Rede. Sie kehrt ebenfalls aus einer Pause zurück und bespielt in zehn Städten die großen Stadien (dass sie in den Niederlanden ein Konzert in eine kleinere Location verlegt hat, ist in Summe noch kein Beinbruch). Zur Tour hat auch sie ein „Best of“-Album veröffentlicht - und auch bei ihr sollen die Fans, dank einer speziellen 360-Grad-Bühne im Zentrum des Stadions, so nah an Fischer sein wie nie zuvor. 

Bemerkenswert ist, dass es für alle verbleibenden Auftritte dieser Tournee - Wien, Zürich und München - noch Tickets gibt. In Wien etwa von 63 Euro (Stehplatz) bis 213 Euro (guter Sitzplatz). Ein Grund dafür ist sicher die hohe Gesamtzahl an Tickets, die auf dieser Tour angeboten werden: 750.000 Fans können insgesamt dabei sein. Was jedoch nicht dagegenspräche, dass das einzige Österreich-Konzert ausverkauft sein müsste, früher war es das, man musste sich um Tickets sputen. Die Ticketpreise bewegen sich dabei in dem Rahmen, den man - leider - schon gewöhnt ist, bei Fischer bekommt man dafür auch außergewöhnlich viel Show. 

Dass aber Tickets für die beiden Stars auch lange nach Vorverkaufsstart erhältlich sind, ist ein Indiz für jenen Weg, den der Schlager gerade geht: Wenn schon nicht vom Gipfel geradewegs nach unten, so doch in eine Hochebene. Das einstige Boomgenre, das mit einfachen Texten, nicht überkomplexen Melodien und Lokalkolorit die popkulturelle Debatte bestimmt hat, normalisiert sich.

Das zeigen auch die Chartsplatzierungen: Sowohl Gabalier als auch Fischer landen mit Neuveröffentlichungen ganz oben in den Charts. Sie bleiben dort nur wesentlich kürzer als in der Hochphase: Gabaliers „Ein neuer Anfang“ war 24 Wochen in den Charts, sein „Mountain Man“ (2015) noch 130 Wochen. Fischers bisher letztes Album, „Rausch“ (2021), war 102 Wochen in den Austro-Charts, „Farbenspiel“ (2014) noch 255 (!) Wochen.

Ihre aktuelle Single „Heute Nacht“ stieg auf Platz 24 in die Austro-Charts ein, und blieb dort nur eine Woche. In Deutschland landete sie auf Platz 1.

Hier muss man natürlich einrechnen, dass sich der Musikkonsum - und damit auch die Charts - gerade in diesen Jahren stark verändert haben. Die einstigen Verkaufskriterien zählen im Streamingzeitalter weniger, auch wenn sie, nach mehr oder weniger einleuchtenden Rechenmethoden, zusammengefasst werden. Dafür ist das Liveerlebnis eigentlich wichtiger geworden - was die Ticketverkäufe, siehe oben, umso entscheidender macht.

Bemerkenswert ist trotzdem ein weiterer Datenpunkt: Die der Gold- und Platinauszeichnungen für die Alben, also diejenigen Preise, die den gesamten Verkaufserfolg belohnen. „Ein neuer Anfang“ war das erste Gabalier-Album überhaupt, das keine derartige Auszeichnung erhielt. Schon sein Debüt „Da komm ich her“ bekam in Österreich fünf Mal Platin, „Herzwerk“ und der „Volks Rock'n'Roller“ je acht Mal, zuletzt „Vergiss mein nicht“ (2018) noch zwei Mal. Bei Fischer ging es von 18(!)-fach-Platin („Farbenspiel“, 2013) zu Zweifach-Platin für „Rausch“.

Auch im Fernsehen ging der Trend nicht nach oben - zumindest in Deutschland: 2014 schalteten dort 6,56 Millionen Zusehende bei der Helene-Fischer-Weihnachtsshow ein, bei der bisher letzten, 2024, waren es nur noch 3,16 Millionen. In Österreich wiederum konnte Fischer mit dieser Show bei der Zuseherzahl und beim Marktanteil zulegen zulegen. Und auch hier gilt: Auch der Fernsehmarkt hat sich zuletzt stark verändert.

Ganz weit oben ist die Luft dünn

Das alles sind natürlich Zahlen, auf die die allermeisten anderen Musikerinnen, Musiker und Genres neidvoll schielen. Und der Impact bleibt gewaltig: Schlager hat nicht nur anhaltend die Charts und das Live-Segment bestimmt, sondern auch weite Teile der sonstigen Popmusik durchverschlagert. Gerade auch viele junge Stars aus dem deutschsprachigen Raum lassen in ihren Texten eine Schulung an den simplen Bildern des Schlagers durchscheinen, und die Notwendigkeiten des Streamings - rasch Aufmerksamkeit kapern, nicht stören - sind für einfache, schnell zugängliche Musik mehr als förderlich.

Und ja, es wuchsen auch Acts nach, die einen Teil des Kuchens eroberten, in Österreich nicht zuletzt Melissa Naschenweng. Doch ja, das Resümee bleibt: Der Schlager hat in einer Popkulturwelt, die sich rasant gewandelt hat, einen Teil seiner Wirkmacht eingebüßt, und ist nach dem großen Boom eher wieder ein Genre unter vielen geworden. Und damit ist, wie Fischer und Gabalier erkannt haben, genau der richtige Zeitpunkt für einen Rückblick auf große Zeiten.

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