Kultur
17.11.2017

Morrisseys neues Album: Darf man den noch hören? Ja!

Der Brite kommt dem Weltgeschehen mit "Low in High School" ungewohnt nahe.

Morrissey und das Internet, das konnte nicht gut gehen. Wie sehr sich die digital getriebene Gesellschaft polarisiert, zeigt die alljährliche Morrissey-Verhaltensauffälligkeiten-Rezeption. Als er 2004 "Irish Blood, English Heart" croonte, attestierten ihm die Kritiker ein Sehnen nach dem geordneten Gestern. Heute kann Morrissey nicht einmal mehr "Brexit" sagen, ohne dass die Bobos hektisch zu twittern beginnen: Darf man diesen Nazi eigentlich noch hören?

Morrissey ist der fleischgewordene Distinktionsgewinn. Und so findet er Trump furchtbar, den Brexit aber okay. Andere mögen sich zwischen die Stühle setzen – er nimmt in den Dornen Platz.

Mit "Low in High School" hat "Moz", wie er liebevoll von seiner kultischen Gefolgschaft genannt wird, einmal mehr angeschlossen an die künstlerisch interessanten Zeiten. In seinen Songs liegen Brotkrumen verstreut, die man einmal mit der linken, einmal mit der rechten Hand auflesen muss.

Die meiste Aufmerksamkeit dürfte von der Plattenfirma für die Single-Auskopplung "Spent the day in Bed" einkalkuliert worden sein. Man möge doch einfach aufhören, die Nachrichten zu schauen, schlägt er darin vor, "because the news contrives to frighten you". Und: Sie lassen dich an deinem Geist zweifeln. Singt der auch schon von der Lügenpresse? Die kunstvolle Lücke, mit der Morrissey uns allein lässt, könnte Bücher füllen. Deutungen sollten tunlichst privat erfolgen, denn Journalisten fand er schon unerträglich, als Trump noch Time-Cover fälschen ließ.

Intellektueller Affekt

Wie immer pendelt der Künstler charmant zwischen großer Unbildung und hingeworfenem intellektuellem Affekt. Schon lange aber war er nicht mehr so nahe am aktuellen Weltgeschehen. Er singt über Präsidenten, die bald wieder Geschichte sein können, über Soldaten, die er offenbar für Mörder hält...

"Jacky’s only happy, when she’s up on stage" böte zudem einen großartigen Brexit-Soundtrack. Wie es der in Manchester geborene Einzelgänger mit seiner Heimat hält, ist genauso ambivalent vorgetragener Topos wie seine Sexualität. Beides mischt sich in "Home is a question mark", einem zutiefst melancholischen Stück: Trägt man Heimat in sich? Oder ist es nur ein Wort? "If I get there, will you meet me?", fragt Morrissey mit einer Sehnsucht, deren Gewissheit ist, dass ihm gewisse Freuden vorenthalten bleiben. Er kippt vor dem Schluss mit "Who will protect us from the police" in ein dystopisches Stück über Vater und Kind, die sich in einer Diktatur wiederfinden. Als sie das bemerken, ist es zu spät zu fliehen. "Lauf", sagt der Vater. "Du hattest recht."

Absolute Empfehlung. Reinhören!