Literatur im Film
04/16/2014

"Molière ist herrlich schonungslos"

Der Franzose Philippe Le Guay über seine amüsante Variation des "Misanthropen".

von Susanne Lintl

Ein alternder Schauspieler lebt zurückgezogen auf der Ile de , zufrieden mit seiner selbst gewählten Einsamkeit. Bis er von Gauthier, einem ehrgeizigen Kollegen, aufgespürt wird, der ihn zur Mitwirkung an seinem nächsten Projekt überreden möchte: Molières "Der Menschenfeind" soll neu verfilmt werden und Serge, der Einsiedler von der Insel, soll eine der beiden Hauptrollen übernehmen. Eine Annäherung zweier grundverschiedener Männer, die natürlich auch von allerhand Konflikten begleitet ist. Die beiden werden in Philippe Le Guays Kinokomödie "Molière auf dem Fahrrad" (Kinostart: am Freitag) von den französischen Stars Fabrice Luchini und Lambert Wilson dargestellt, was eine formidable Wahl ist. Der KURIER traf Philippe Le Guay in Paris.

KURIER: Ich nehme an, Sie sind ein großer Molière-Fan, oder?

Philippe Le Guay: Ja, ich bewundere ihn sehr.

Das ist ja fast verpflichtend für einen gebildeten Franzosen.

Nein, so sehe ich das nicht. Ich habe mich erst nach meiner Schulzeit für Molières Werk begeistern können. Und zwar durch Theaterbesuche. Die Schule ist nicht der rechte Ort, einem die Liebe zu einem Autor zu vermitteln, denn sie zwingt dich immer zu etwas. Erst danach kann man die Dinge in Ruhe entdecken und verstehen. Aber ja, Molière ist für mich einer der verführerischsten französischen Klassiker. Ich mag die Verrücktheit seiner Einfälle, seine Exzesse und die Zeichnung seiner Figuren. Sie sind vollkommen zeitlos – der Misanthrop ist für mich eine moderne Figur.

Warum haben Sie sich für das Stück "Der Menschenfeind" als Filmsujet entschieden?

Das war nicht meine Wahl, es war die von Fabrice Luchini. Er ist einer der leidenschaftlichsten Molière-Fans, die ich kenne. Er kennt alle Texte auswendig und kann sie im Schlaf rezitieren. Er liebt die Figur des Alceste, des Menschenfeindes, weil er seiner Meinung nach eine Galionsfigur der Aufrichtigkeit ist. Alceste sagt immer, was er denkt und sieht die Menschen so, wie sie sind. Das ist auch bei Fabrice so. Und das stimmt schon: Molière ist herrlich schonungslos. Er hatte einen sehr klaren, nackten Blick auf die Welt, ganz ohne Masken und Verstellung. Ich würde ihn mit eurem Thomas Bernhard vergleichen. Der war ähnlich in seiner Unverstelltheit.

Fühlen Sie sich Alceste, dem Misanthropen, näher oder dem freundlichen Philinte?

Das ist eindeutig: Ich fühle mich Philinte verbunden. Ich hasse es, mich zu streiten und mit jemandem böse zu sein. Ich habe nie das Bedürfnis, Menschen gegen einander auszuspielen. Andererseits bewundere ich Alcestes Mut, immer seine Meinung zu äußern. Er akzeptiert ja damit auch, nicht gemocht zu werden. Es braucht schon eine ziemliche Energie, gegen den Strom zu schwimmen. Menschen wie Alceste riskieren immer, alleine zu sein. Verlassen von allen.

Bei Fabrice Luchini und Lambert Wilson gewinnt man den Eindruck, sie spielen nicht, sie sind so: Konkurrierende Schauspieler, die sich nichts schenken und dennoch in Respekt miteinander verbunden sind.

Ja. das stimmt. Sie haben zwar hier als Darsteller eine gewisse Harmonie gefunden, sind aber grundverschiedene Persönlichkeiten. Lambert will alles machen: tanzen, singen, schauspielen – und er ist auch überzeugt, dass er alles kann. Fabrice dagegen sagt von vornherein: Nein, das mache ich nicht, ich bin ja kein Narr. Dass sie im Lauf des Films ihre Rollen tauschen, weil jeder Alceste sein will, ist ein wunderbares Zeichen ihrer Annäherung.

Trailer: "Molière auf dem Fahrrad"

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