Mireille Mathieu liebt das Leben und die Schlagerbühnen dieser Welt.

© EPA/Jan-Peter Kasper

Mireille Mathieu
12/21/2014

Die Schwerarbeiterin der Schlagerwelt

50 Jahre Karriere, 130 Millionen verkaufte Tonträger und kein Gedanke an eine neue Frisur.

von Barbara Mader

Mireille Mathieu weiß nicht, was "Vintage" bedeutet, aber sie vermutet, ihr Look könnte damit zu tun haben. Seit 50 Jahren trägt die 1946 in Avignon geborene Sängerin den unverwechselbaren schwarzen Pagenkopf, der zu ihr gehört wie die etwas alberne Bezeichnung "Der Spatz von Avignon".

Derart angekündigt, schritt Mathieu schon in den 1960er-Jahren die Treppen deutscher Showbühnen hinab und schmetterte in Sendungen wie "Musik ist Trumpf" eigens auf den deutschen Markt zugeschnittene Schlager wie "Akropolis, Adieu". Auch heute ist die 1,53-Meter-Frau mit der nach wie vor glasklaren Stimme aus Samstagabend-Events wie der "Florian-Silbereisen-Show" nicht wegzudenken. Sie liebt die Deutschen – und Deutschland liebt sie: für ihre Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft hat man ihr sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Nachtigall

Dass die aus ärmsten Verhältnissen stammende Sängerin keine politischen Berührungsängste kennt – sie sang für den Papst ebenso wie für Wladimir Putin – hat ihr in ihrer Heimat viel Kritik eingebracht. Doch bei ihren drei ausverkauften Jubiläumskonzerten im Pariser Olympia Theater im vergangenen Oktober war die Schlagerwelt wieder in Ordnung: Das begeisterte Publikum schenkte der kleinen Frau mit der großen Stimme, in Frankreich "Nachtigall von Avignon" genannt, Standing Ovations.

Mit dem KURIER sprach Mireille Mathieu am Telefon über Höhen und Tiefen ihrer erstaunlichen Karriere.

KURIER: Was bedeuten Ihnen diese 50 Jahre Karriere?
Mireille Mathieu: Für mich ist es, als ob erst gestern alles angefangen hätte. Ich wurde in einer Live-Sendung entdeckt. Ich, eine Siebzehnjährige, die sich kaum traute, den Mund aufzumachen, war plötzlich im Fernsehen. 50 Jahre später liebe ich dieses Metier mehr denn je. Obwohl es nicht einfach ist. Mein Manager, Johnny Stark, sagte mir damals: Mademoiselle, es wird hart werden. Wie recht er hatte!

Haben Sie nach all der Zeit noch Lampenfieber?
Ja, enorm. Als Anfängerin war ich auch nervös, aber anders als jetzt, denn mir war nicht bewusst, was da eigentlich passierte. Heute habe ich richtiges Lampenfieber. Das zeigt sich schon daran, dass ich vier Stunden vor jedem Auftritt ins Theater komme, um die Bühne zu spüren.

Werden Sie vom französischen Publikum anders aufgenommen als im deutschsprachigen Raum?
Ja. Frankreich ist schon ein Heimspiel für mich. Sie hätten meine Jubiläums-Auftritte im Olympia sehen sollen! Es war komplett verrückt, die Leute waren begeistert. Und dann natürlich die Auftritte in meiner Heimat Avignon. Außergewöhnlich.

Und Ihre Mutter und Ihre Schwester sind immer dabei?
Meine Schwester ist meine Managerin, sie ist also immer dabei. Meine kleine Mama hat uns während unserer Frankreich-Tournee begleitet. Sie liebt die Atmosphäre, den Kontakt zu den Fans.

Sie haben sehr früh Erfolg gehabt. Haben Sie während Ihrer Karriere auch Momente der Einsamkeit erlebt?
Nun, als ich begonnen habe, hat mich mein Manager unter seine Fittiche genommen. Er hat mich gelehrt, wie man geht, wie man sich ausdrückt, wie man sich auf der Bühne bewegt. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, ich arbeitete 24 Stunden pro Tag. Wissen Sie, es gibt Sänger, die einen Hit haben, und dann glauben sie, dass sie alles erreicht haben. Aber bei mir war das nicht so, ich habe immer an mir gearbeitet, und ich darf Ihnen sagen: Das ist auch heute noch so. Wenn man mich fragt, wo mein Zuhause ist, dann sage ich: Es ist die Bühne.

Sie sind nie Moden gefolgt, waren aber auch nie wirklich "in". Hat Sie das nie gestört?
Mode ist ein ständiger Kreislauf. Denken Sie etwa an meine Frisur. Wie oft hat man mich gefragt, wann ich mir endlich eine neue Frisur zulege. Und heute sind die Modezeitschriften voll von Frauen mit meiner Frisur. Mode verändert sich dauert, ist ein ständiger Neubeginn. Heute steht man auf Vintage. Ich weiß nicht einmal, was das ist. Ich versuche einfach, ich zu sein. Authentisch sein ist das, was zählt, das Publikum erkennt das. Dafür danke ich Gott jeden Tag. Und dafür, dass er mir die Möglichkeit gibt, so viel zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen. Das ist sehr bereichernd.

Sie reisen auch gerne nach Russland, haben auch für Putin gesungen. Französische Medien haben Sie dafür arg kritisiert.
Nicht alle Medien. Ich habe im Palais des Kreml gesungen. Das ist ein Theater. Das ist nicht der Kreml. Und Putin hat mir zugehört. Manche Medien haben daraus etwas anderes konstruiert. Ich habe sie geklagt und gewonnen. Abgesehen davon: Ich liebe das russische Publikum. Aber mein Metier ist nicht die Politik. Musik hat keine Grenzen. Ich habe für Könige und Königinnen, für Präsidenten und für einfache Leute gesungen.

Verfolgen Sie die aktuelle französische Musik? Zaz oder Benjamin Biolay, der der Erneuerer des Chansons genannt wird?
Keine Ahnung, es gibt sie. Die Sonne scheint für alle. Wenn ich auf Tournee bin, habe ich keine Zeit für solche Sachen. Ich weiß zwar, was sich auf der Welt abspielt, aber jetzt bin ich gerade bei meiner Mutter und weiß nicht einmal, welcher Tag heute ist.

Wenn aus TV-Casting-Shows tatsächlich Stars hervorgehen

Aus ärmsten Verhältnissen stammend, arbeitete sich Mireille Mathieu zum beliebtesten französischen Schlagerexport hoch. „Ich habe nie aufgehört, an mir zu arbeiten“, sagt sie rückblickend. Der Preis für die Bilderbuchkarriere war hoch: Sie litt jahrelang an Depressionen.

1944 als ältestes von 14 Kindern einer Familie aus dem südfranzösischen Avignon geboren, arbeitete die Schulabbrecherin einst als Hilfskraft in einer Papierfabrik. Ihr erster Gesangsförderer war ihr Vater Roger, der selbst gerne Tenor geworden wäre. Er nahm die Tochter zu Talentwettbewerben mit, wo sie mit Édith-Piaf-Chansons auffiel und schließlich in einer Fernseh-Casting-Show gewann und von ihrem späteren Manager Johnny Stark entdeckt wurde. 1966 veröffentlichte sie ihr erstes Album. Von den klassischen Chansons entfernten sie Erfolg und Management zumindest im deutschsprachigen Markt immer mehr: Bei uns ist sie mit Schlagern wie „Akropolis adieu“ und „La Paloma adé“ bekannt und nahm u. a. mit Peter Alexander Platten auf. In Frankreich schmettert sie nach wie vor Piaf-Klassiker wie „Non, je ne regrette rien“. Oft mit auf der Bühne: Mama Marcelle, 92.

Info: Am 9. März kommt Mireille Mathieu ins Wiener Konzerthaus. Tickets in allen oeticket Centers, telefonisch unter 01/96096 und unter events.at

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.