© Claudia Rohrauer

Buch
03/08/2021

Mieze Medusa: "Die Probleme werden schmerzhaft sichtbar"

Die Rapperin und Poetry-Slam-Künstlerin Mieze Medusa über ihren neuen Roman "Du bist dran", Wertschätzung und Kulturpolitik.

von Marco Weise

Agnesa hat Wien noch nie verlassen. Mit Songs von Beyoncé träumt sich die 18-Jährige mit Migrationshintergrund und ohne Schulabschluss in die weite Welt, die sie vielleicht nie sehen wird. Im Gegensatz zu Computer-Nerd Eduard, der aber woanders festhängt – und zwar in seiner Midlife-Crisis. Und dann ist noch Felicitas, die – von Bruck an der Laa ausgehend – die Welt verbessern möchte. Diesen liebenswerten Außenseitern gibt Doris Mitterbacher alias Mieze Medusa in ihrem neuen Roman eine Stimme.

KURIER: Es ist Ihr dritter Roman. Was haben Sie diesmal anders gemacht – mal von der Geschichte abgesehen?

Mieze Medusa: In den letzten Jahren hatte ich ja viele Gelegenheiten als Poetin unterwegs zu sein: Lesungen, Poetry Slams, Workshops. Es war herausfordernd, nebenbei die Zeit zu finden, an einem Roman zu arbeiten. Aber ich wollte unbedingt. Also habe ich freie Stunden, Tage und – in seltenen Glücksfällen – freie Wochen zusammengekratzt und mich an den Schreibtisch gesetzt.

Welche Fehler wollten Sie diesmal beim Schreibprozess vermeiden?

Ach, Fehler. Beim Schreiben ist es wie bei den meisten anderen Dingen: Es ist wichtig, es zu machen. Immer wieder. Üben, Spaß haben, ausprobieren, dranbleiben, lernen, weitermachen. Vielleicht das: Für mich gehört der Austausch mit anderen zum Schreiben. Zuhören, über Texte reden, über Herangehensweisen reden, aber letztendlich entscheide natürlich ich, was und wie ich schreibe.

Und wenn es mit dem Schreiben einmal nicht vorangeht?

Wenn es stockt, gehe ich spazieren. Aber natürlich stimmt: Einfach etwas aufzuschreiben, damit geschrieben ist, kann ein wichtiger Vorsatz sein. Ein Ratschlag, den ich in Workshops anderen gebe, aber an den ich mich auch selbst erinnern muss: Nichts steht dem Schreiben eines guten Textes mehr im Weg, als der lähmende Vorsatz einen guten Text schreiben zu wollen. Besser: Einen Text schreiben und danach schauen, ob er gut ist. Ob man ihn verbessern kann. Es ist wie Margaret Atwood sagt: "Der Mülleimer ist unser Freund."

Wie oft will man das einfach alles beenden, nicht machen, nie abliefern?

So gut wie nie. Aber wenn der Bundeskanzler mitten in einer existenzbedrohenden Pandemie meinen Berufsstand und unser Publikum despektierlich als „Kulturverliebte“ bezeichnet, dann trifft diese Respektlosigkeit tief. Aber gut, auch die österreichische Verfassung ist eine kulturelle Leistung. Man muss entschlossen entgegnen: Ein bisschen mehr Liebe zu Kultur und zur österreichischen Verfassung, Herr Bundeskanzler.

Autoren berichten immer wieder von persönlichen Differenzen mit Lektoren. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich suche aktiv nach Feedback. Zum Beispiel von Markus Köhle, der ein großartiger Sparringpartner ist. Bei „Du bist dran“ haben außerdem Evelyn Steinthaler, Yasmin Hafedh und Peter Clar schon im Entstehungsprozess Feedback gegeben. Die Zusammenarbeit mit dem Residenz Verlag und vor allem mit meiner Lektorin Jessica Beer ist fantastisch. Wertschätzend, konstruktiv, sehr gescheit und gut gelaunt. Aktuell genieße ich, dass wir bei dem neuen Projekt uns schon in der Entstehungsphase austauschen.

Die Geschichte ist durchaus komplex, erzählt das Leben von drei Menschen mit sehr unterschiedlichem Background. Was verbindet sie?

Das Internet. Nicht nur Orte sind interessant, sondern auch die Wege dazwischen. Straßen, Telefone, Glasfaserkabel und natürlich die Verbindungen zwischen Menschen: Freundschaft, Liebe, Neid, Streit und der Versuch, sich zu versöhnen.

Wie viele Alltagsbeobachtungen stecken in diesen Personen? Gibt es für die Charaktere reale Vorlagen?

Ich habe viel recherchiert. In Büchern, Vorträgen, Zeitungen, Chatrooms, TED-Talks, Online-Foren usw. Einige Menschen haben sich auch Zeit genommen, mir von ihren Berufen, Szenen und Lebensrealitäten zu erzählen. Die konkreten Figuren und die Handlung im Buch sind natürlich frei erfunden.

Themenwechsel: Sie haben zuletzt immer wieder die Bundesregierung kritisiert. Was stört Sie denn?

Aktuell werden die Probleme, die wir vorher schon hatten, schmerzhaft sichtbar. Transparenz und Korruptionsbekämpfung ist keine österreichische Stärke. Die schlechte Bezahlung in der Pflege, die Abhängigkeit von sozial schlecht abgesicherten Arbeitskräften aus dem Ausland im Bereich Pflege, Erntearbeit, Lieferdienste usw. Für mich war neu, dass ich den Eindruck gewonnen habe, die Regierung weiß nicht, wie und wovon die Menschen in Österreich leben. Wie viel Einzelunternehmen es gibt, wie viele Menschen ein Einkommen haben, das nicht in eine Schublade passt, weil sie unterschiedliche Tätigkeiten kombinieren. Für die Kulturszene war ein zusätzliches Problem, dass kein Gespür dafür gezeigt wurde, dass der Kulturbereich, wie jeder andere Bereich auch, Planungssicherheit braucht. Das ständige Hin und Her bei den Verordnungen hat soviel Arbeit vernichtet, das ist demoralisierend. Im Bildungsbereich ist das nicht anders. Meine große Solidarität allen, die in diesem Jahr Kinder und Beruf im Homeoffice irgendwie vereinen haben müssen.

Entzaubert die Krise das „Kulturland Österreich“?

Der Zauber der Kulturbranche lag nie in der Bezahlung oder in der finanziellen Absicherung. Aber es wird härter. Für alle. Die Chance für die Kulturbranche liegt darin, dass die Krise die gesamte Gesellschaft betrifft: Gewinne privatisieren und die Schulden der Gemeinschaft umhängen, das führt dazu, dass der Wohlstand für viele zu einem Reichtum für wenige wird. Wenn es uns gelingt, das zu stoppen, wird es auch gelingen, den Kulturbereich zu stabilisieren.

Man hört immer wieder: Wer weiß, wie man die Fördertöpfe anzapft, wird finanziell gut aus der Krise kommen. Wer sich nicht auskennt, sich Beratung nicht leisten kann, wird die Pandemie als Verlierer verlassen. Welchen Eindruck haben Sie?

In der Kulturszene habe ich die Pandemie als eine Zeit der Solidarität erlebt: Wir haben uns massiv ausgetauscht, um überhaupt eine Chance zu haben, mit den sich ständig ändernden Verordnungen und Kriterien für den Ausgleich der Verdienstausfälle zurechtzukommen. Aber natürlich bin ich in Sorge, was die Langzeitfolgen der Pandemie betrifft.

Wird das Preisdumping in der Kulturbranche weitergehen?

Es wird versucht werden. Es gibt aber ganz gute Mittel dagegen: über Geld reden, vernetzen, austauschen. Eine aktive Kulturpolitik einfordern.

Zur Person: Doris Mitterbacher alias Mieze Medusa (46) ist eine Pionierin der österreichischen Poetry-Slam-Szene. Seit Jahren ist sie im Auftrag des gesprochenen Wortes unterwegs. Die Rapperin moderiert und organisiert Veranstaltungen und schreibt seit Jahren Texte und Romane. Die in Deutschland geborene  Wienerin lebt in Ottakring.

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